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Es gibt sie doch noch: regulierte und funktionierende Anarchie

Nicht Chaos und Gewalt sondern Organisation ohne Herrschaft pflegen die etwa 3 Millionen Minangkabau auf Sumatra. In dem Artikel Die Welt der Minangkabau auf dem Portal Über den genuinen Lebensstil von Ureinwohnern im Gegensatz zum Leben im Patriarchat wird ihre auf dem Matriarchat basierende und dem Patriarchat (Kapitalismus) trotzende Lebensgemeinschaft beschrieben.

Matriarchat bedeutet nicht die Herrschaft der Frau, wie es häufig mit dem Patriarchat als Herrschaft des Mannes verwechselt wird, sondern bezeichnet damit, dass die Frau in der Sippe bleibt und der Mann hinzukommt. Des weiteren zeichnet sich das Matriarchat durch Organisation durch Konsensbildung aus. Alle Mitglieder einer Sippe, egal welchen Geschlechts oder Alters (Erwachsene) besprechen sich und kommen zu einer einstimmigen Entscheidung. Diese Entscheidung wird dann von dem Bruder der ältesten Frau der Sippe auf Ebene des Clans und so weiter vertreten. Die Vertreter haben keine Entscheidungsgewalt sonder werben für die Entscheidung der eigenen Sippe.

Aller Besitz in dieser Organisation der Minangkabau gehört der Sippe.

Auf dem oben genannten Portal lässt sich zum Thema Konsensentscheidung folgende aufschlussreiche Beschreibung nachlesen:

Das Streben nach Konsensus, also über das Prinzip der Mehrheitsentscheidung hinauszugehen, ist eine bewusste Anstrengung segmentärer Gesellschaften. Es ist einfacher, eine mehrheitliche Übereinstimmung herzustellen als einen Konsensus zu erreichen. Diese Tatsache ist den Beteiligten bewusst, aber sie verwerfen den Weg des geringsten Widerstands aus folgendem Grund: Für sie ist die Meinung der Mehrheit an sich keine ausreichende Basis zur Entscheidungsfindung, weil dabei der Minderheit das Recht darauf vorenthalten wird, dass sich in der gegebenen Entscheidung auch ihr Wille widerspiegelt.

Oder um es mit den Begriffen des Konzepts der Repräsentation auszudrücken: es entzieht der Minderheit das Recht auf Repräsentation in der fraglichen Entscheidung (vgl. Kwasi Wiredu, Ein Plädoyer für parteilose Politik). Repräsentiert zu sein gilt in Matriarchaten als menschliches Grundrecht. Jeder Mensch hat also das Recht, nicht nur im Rat repräsentiert zu werden, sondern auch im Prozess des Beratschlagens selbst in Bezug auf jede Sache, die für seine Interessen oder die seiner Gruppe relevant ist. Aus diesem Grund ist das Konsensprinzip so wichtig. Als pragmatischer Grund wird angeführt, dass wiederholtes Nicht-repräsentiert-sein zu Unzufriedenheit führt und damit die Balance der Gemeinschaft gefährdet.

Ich hatte ja schon von den SCRUM-Teams berichtet, die sich ähnlich organisieren. Sie erarbeiten innerhalb einer Periode von 2-4 Wochen eine anfangs gemeinsam verabredete Menge an z.B. Software. Was an Software bearbeitet werden soll wurde vorher vom Product Board gemeinschaftlich erarbeitet. Der Vorteil des Verfahrens: jeder konnte sich gleichberechtigt einbringen und sich repräsentieren. Damit kann sich jeder mit den anfallenden Aufgaben identifizieren und die Produktivität ist aufgrund der damit vorhandenen intrinsischen Motivation entsprechend hoch.

Man stelle sich das Verfahren auf Gemeinde-, Kreis-, Landes- und Bundesebene vor. Würde es dann doch ohne eine dauerhafte Regierung auf diesen Ebenen gehen, weil die jeweils aktuellen Vertreter sich treffen?

Und noch ein Video mit kurzen Sequenzen über weitere Völker, die im Konsens und Frieden leben:

Kategorien:Gesellschaft Schlagwörter: ,
  1. Januar 7, 2011 um 7:57 pm

    lieber Martin,
    da trifft der „Zankapfel“ doch gleich auf die Lösung. Beim Aufbau eines Gemeinschaftsprojektes war Basisdemokratie angesagt, mein Gott war das am Anfang schwierig und zeitaufwendig. Es hat mich geprägt und deshalb halte ich von der Führung wenig, die erinnern mich an unsere damaligen Berufsrvolutionäre, heute sind es Berufreformatoren. Immer die große Klappe, von nischt Ahnung und keen Nagel grade in die Wand kriegen, geschweige ein Lagerfeuer anzünden. Da kriege ich een steifen hals wenn ick nach oben schaun soll. El salute Anarchie viele Grüße mike

    • Januar 8, 2011 um 8:48 pm

      Hallo Mike,
      Ich habe mich ein wenig auf der Web-Site Über den genuinen Lebensstil von Ureinwohnern im Gegensatz zum Leben im Patriarchat umgetan. Dort findet man einen guten Hinweis, dass Konsensfinden doch viel Miteinanderreden zu tun hat. Also wundert mich Deine Aussage, dass Dich das anfangs viel Kraft gekostet hat, nicht. In welchem Land hast Du Deine Erfahrungen gemacht?
      Liebe Grüße, Martin

  2. Januar 8, 2011 um 10:57 am

    Ich glaube, solche Ansätze funktionieren prima in kleinen Gruppen, also in Firmenteams, vielleicht in Kommunen. Je größer die Gruppe, umso unrealistischer wird es. In Großstädten funktioniert es schon nicht mehr. Auf Bundesebene ebensowenig. Die Interessen der Einzelnen liegen zu weit auseinander. Die Verbindung zwischen den Menschen ist zu schwach, als dass sie bereit sind, selbst zurückzustecken. Das wäre aber nötig für eine Konsenslösung, etwa wo die Mülledeponie gebaut werden soll, oder die Landebahn oder …

    • Januar 8, 2011 um 8:38 pm

      Liebe Mayarosa,
      vielleicht können wir das ja noch nicht richtig selbst denken, wie so ein Abstimmungsverfahren aussehen kann. Sicher ist aber, dass es Völker mit mehreren 10.000 Mitgliedern gibt, die ohne eine Zentralgewalt in dieser Konsensfindungswelt leben. Ich werde mich jedenfalls versuchen, hier noch schlauer zu machen. Noch fehlen mir zu viele Details, so dass mein Bauch mir noch sagt, dass Du vermutlich und dann auch traurigerweise recht haben könntest.
      Viele Grüße, Martin

  3. Januar 8, 2011 um 9:41 pm

    Hallo Ihr,
    also ich muß noch was aktuelles los werden, wegen den Spenden, Martin, das war in dem Augenblick aus der Erfahrung herraus, eher aus der Hüfte geschossen und wie heute der ticker (t-online) berichtet, ins Schwarze getroffen. nur 2/3 der zugesagten Spenden sind in diesem Jahr wirklich geflossen!
    Meine Erfahrungen stammen aus Deutschland, Maya hat Recht, es waren nur kleine Kreise und mit beträchtlichen Frauenanteil. Ich muß dazu sagen, das selbst in unserer Gesellschaft meisten Frauen den besseren Diskussionsstil haben. Männer wollen sich eher präsentieren, Frauen geht es mehr um die Sache. Ausnahmen bestätigen aber die Regel! Unsere Lebensverhältnisse sind viel komplexer geworden, nur unsere Führungsmethoden haben sich nicht verändert. Jedes Kiez muß sein gesellschaftliches Reglement haben, das die Bürger einbezieht, Straßenfeste mit eigener Livemusik, eigenen Flohmarkt und Kinderbespaßung. Das ist auch kein Automatismus, jede Generation muß sich das selbst wieder erarbeiten, also selbst neue Strukturen schaffen.

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