Startseite > Gesellschaft > Ein Plädoyer für die Verwendung des Begriffs „Matriarchat“

Ein Plädoyer für die Verwendung des Begriffs „Matriarchat“

Der Begriff Matriarchat ist genauso wie der Begriff der Anarchie in unserer Gesellschaft völlig fehlverankert, wie noch gerade in den ZDF-20-Uhr-Nachrichten vom Sprecher selbst für den aktuell chaotischen, nicht ohne Gewalt ablaufenden Protest in Ägypten, fälschlich anstelle von Anomie verwendet. Warum dies so ist, kann ich noch nicht nachvollziehen. Da dem aber so ist, versuchen viele Forscher, dem Kind einen anderen Namen zu geben, um nicht selbst in einem negativen Rampenlicht zu stehen, da die Begriffe derzeit falsch beleuchtet werden.

Die 1986 gegründete, internationale Akademie HAGIA setzt sich für die Weiterverwendung des Begriffs Matriarchat ein, auch wenn er derzeit noch mit der Herrschaft der Frau verwechselt wird, da ähnlich dem Patriarchat ableitbar. Es wäre besser, den schon einmal verankerten Begriff weiterzuverwenden und ihn „nur“ umzudefinieren, nämlich stehend für eine mütterlich=sorgsam, im Gleichgewicht miteinander umgehende Gesellschaft. Weitere Details sind dem Artikel der Akademie zu entnehmen, deren Lektüre ich empfehle: Warum der Begriff Matriarchat?

Nachtrag vom 25.10.2011:

Jede Meinung hält sich so lange, wie neue Informationen das Bild ins Wanken bringen. Mit diesem Artikel wurde ich nun überzeugt, dass es besser ist, nicht für das kooperative Zusammenleben ohne Hierarchien den Begriff des Matriarchats zu verwenden. So schreibtGerhard Bott in seinem Artikel
Zum Wortstamm „arché“ im Begriff „Matriarchat“

Das Argument der deutschen „Matriarchatsforschung“ , dass „archy“ zwar immer Herrschaft bedeutet , nur bei matriarchyangeblich nicht, entbehrt jeder Logik.  Ein so unlogischer deutscher Sonderweg hat deshalb , auch seiner Provinzialität  wegen, keine Chancen , wissenschaftlich ernst genommen zu werden. Nichts hat dies ja deutlicher gemacht als die „Anti-Gimbutas-Kampagne“. (vgl. dazu meinen Essay in diesem Blog  ).  Dies ist auch der Grund, warum sich so bedeutende Wissenschaftlerinnnen wie Marija Gimbutas und Gerda Lerner ausdrücklich von dem  Begriff   „Matriarchat“  distanziert haben.

Kategorien:Gesellschaft Schlagwörter: ,
  1. Februar 13, 2011 um 11:43 am

    Warum dann nicht eher einen neuen Begriff erfinden, der nichts mit Frauen zu tun hat, dafür aber etwas mit Fürsorge oder ähnlichem. Dem ganzen eine geschlechtliche Prägung zu bringen bringt da meiner Meinung nach wenig und führt nur zu Missverständnissen.

    • Februar 13, 2011 um 12:32 pm

      Hallo Christian,
      ja, Du hast recht. Viele Forscher des Themas versuchen sich an anderen Begriffen, da Matriarchat sich in unseren Köpfen eben als Begriff für die Macht durch die Frauen eingenistet hat. Ähnlich wie Anarchie häufig mit Gewalt und Chaos durch fehlende Organisation verstanden wird. Ich finde aber die Interpretation des Mütterlichen als das Sorgende für Andere gar nicht schlecht, denn das Sorgen tun inzwischen auch immer mehr Männer. Und je mehr so darüber denken, desto eher werden die Begriffe Matriarchat und Anarchie auch wieder positiv gedacht.
      Lieben Gruß, Martin

      • Februar 15, 2011 um 11:48 am

        Man könnte es ja genau so gut mit dem väterlichen verbinden und es dann Patriarchat nennen. Es gab in der Geschichte wohl genug fürchterliche Mütter und Väter um beide Betrachtungen für richtig zu halten.

        Ich denke, dass man mit dem Begriff gleich in den Geschlechterkampf eingebunden ist und auch negative Reaktionen von Männern erhält. Zurecht, warum sollte man in etwas leben wollen, was auch als Begriff dafür gebraucht wird, dass die Herrschaft nach Geschlecht ausgeübt wird?

        • Februar 15, 2011 um 1:14 pm

          hm, so gesehen gebe ich Dir Recht. Leider ist es so, dass eingeprägte Bilder sich schlecht ändern lassen. Da würde ein neuer Begriff, der bisher nicht belegt ist, vermutlich leichter für die Werbung neuer gesellschaftlicher Modelle eignen.

  2. März 7, 2011 um 10:57 pm

    Ich habe zufällig Ihren Artikel gefunden und freue mich darüber. Das Wort „Matriarchat“ ist leider vorbelastet, aber andere alternative Ausdrücke, die ich kenne, sind entweder noch viel unbekannter (Gylanie, matristisch etc) oder Versuche einer mehr oder weniger glücklichen Umschreibung (wie „partnerschaftliche Gesellschaften“). So ist Matriarchat auch eigentlich das Wort meiner Wahl geblieben.
    Ich habe mal bei Wikipedia unter dem Artikel „Matriarchatsforschung“ in die Diskussion geschaut. Dort heißt es: „Der Artikel stellt eine ausgesprochene Minderheiten- bzw. Außenseiterbeschäftigung dar, ohne darauf hinzuweisen. Überhaupt ist vieles aufgeblasen, um von diesem Sachverhalt abzulenken, und auch sonst wenig neutral. Eintragung erstmal hier. Wenn das keine Fortschritte bringt, werde ich einen Löschantrag stellen.“ Da schauen viele Männerängste raus. Was einem Angst macht, muss kleingeredet werden. Es gibt viele Artikel in Wikipedia, die ich noch mehr als ausgesprochene Außenseiterbeschäftigung empfinde, wo niemand auf die Idee käme, einen solchen Spruch zu hinterlassen.

    Liebe Grüße

    Michael Dietz

    • März 8, 2011 um 8:19 pm

      Ja, in unserer Kultur haben gerade Männer lernen müssen, immer zu kämpfen, im Wettbewerb zu stehen, Status zu erreichen, um etwa darzustellen. Diese Attribute kennen Matriarchat lebende Völker nicht. Das ein leben in einer solchen Gesellschaft gerade auch für Männer eine viel bessere Qualität hat, scheint unser programmiertes Männergehirn nicht greifen zu können. Stattdessen schauen Männer immer weiter nach Tricks aus, immer stressigen kampf gegen die Mitbewerber besser voranzukommen.
      Aber wir sind gerade in einer gesellschaftlichen Transformation, die uns ein Guts stück in die richtige Richtung weiterbringen wird. Ich war seit gestern auf dem jährlichen Gärtner event zum Thema Business process Management. Hier war laufend auf den Trend hingewiesen worden, dass aufgrund der zunehmenden Komplexität der Wirtschaft und ihrer nicht vorherbestimmbarkeit es Agilität und intuition braucht. Und diese im Team, und hier besonders Kooperation. Und da braucht es Fürsorglichkeit, sonst ist Sand im Getriebe.
      Gerade die neuen sozialen webtools werden hier weiter bewegung bringen. Diese tools zielen auf Transparenz! Intransparenz nutzen wir zur jobsicherung, sprich zur eigendarstellung als Experte, und aber auch zum Machterhalt. Drücken wir uns also die Daumen, dass wir menschliche Spezies doch noch zu einer sinnvollen und lebenswerten Gesellschaft kommen.

      • März 9, 2011 um 8:21 am

        Ein besseres Leben für Männer im Matriarchat: die Antworten von Männern auf die Frauenquote haben gezeigt wie tief das sitzt, dieses „Karriere wird nach 18:00 Uhr gemacht“, „Keine Frau und Mutter würde an verantwortlicher Stelle bereit sein, 80 Stunden pro Woche für das Unternehmen zu leisten“ und „Eine Sozialpädagogin würde kaum einem Stahlunternehmen vorstehen können“. Ich denke, warum nicht? Sie muss doch nicht die Siemens-Martin-Kübel mit der Hand heben. Das wäre wahrlich auch für die Männer schön, wenn dieser 18:00-Uhr-Karrieredruck und die permanente Erreichbarkeit im Büro endlich aufhören würde. Statt stressigem Kampf bis zum Umfallen mal nicht verplante freie Zeit. Agilität, Intuition und Kreativität brauchen Lockerheit, auch mal das Zurücktreten, Abstand gewinnen, um einen besseren Überblick zu erhalten. Wir drücken uns die Daumen!

  3. März 11, 2011 um 10:19 pm

    Ich habe gerade einen Artikel im Spiegel Online Panorama gefunden mit einem Interview mit einem argentinischer Arzt, der 2 Monate bei den Mosuo gelebt hat, um zu schauen, wie Männer dort leben.
    Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich verstanden hat, wie das Volk lebt. Aus der Sicht eines Mannes, der bisher bestimmte, mag es so aussehen, als würde der Mann dort nichts zu sagen haben. Hier hatte ich auch schon andere Texte gelesen.
    Aber was besonders wichtig an Botschaft ist:
    1. es gibt scheinbar keine Gewalt, zumindest keine körperliche.
    2. Es gibt keine Gewinnakkumulation, d.h. es wird nicht bis zum Umfallen gearbeitet, um ständig mehr zu erwirtschaften.
    Hier zum Artikel Matriarchat – „Männer leben besser, wo Frauen das Sagen haben“

  4. September 18, 2014 um 4:24 pm

    So, jetzt ist es schon wieder drei Jahre her. Ich hänge immer noch an dem Begriff „Matriarchat“, habe nichts besseres gefunden. Gylanie, ein Kunstwort, das sich nicht durchsetzen konnte. Alles andere sind umständliche Umschreibungen wie „partnerschaftliche Gesellschaften“ oder treffen nur Teilaspekte wie „matrilokal“. Das ganze Thema sorgt meist für Ärger und Ablehnung, aber ich frage mich: warum nur? Nach einer kurzen Blüte, wir erinnern uns: 2003 gab es in Luxemburg sogar den „Weltkongress für Matriarchatsforschung“, scheint es wieder in die Kiste gepackt zu sein, wie nach Weihnachten der Christbaumschmuck.

    Was gibt es heute neues zu dem Thema zu sagen? Was hat sich vielleicht sogar weiterentwickelt? Wenn ich genau hinschaue, finde ich in unserer Gesellschaft jede Menge matriarchaler Relikte. Aber man braucht einen geschulten Blick.

    Wenn ich nach Namen suche, finde ich die vertrauten wie Göttner-Abendroth. Mittlerweile samt und sonders Fossile, Krokodile wie Alice Schwarzer oder Jutta Ditfurth. Hat sich das für mich weiterhin spannende Thema mittlerweile für die Gesellschaft erledigt? Bin auch ich ein Fossil geworden der 68er Zeit mit unrealistischen Träumen von „Peace, Freedom, Happieness“ und „Let the sunshine in“?

    Matriarchat, ein Wort, das bei Nennung sofort Abwehrreflexe auslöst, ohne dass man sich bemüßigt fühlte, weiter drüber nachzudenken oder sich sachkundig zu machen wie bei „Feminismus“ und „Anarchie“. Der kollektive Traum von einer tabulosen Gesellschaft, weil über diese Themen gar nicht erst geredet wird.

    2014: Unsere Konflikte lösen wir wie eh und je mit Waffengewalt, sei es in anderen Ländern, Erdteilen – oder in der eigenen Bevölkerung. Über eine „Strategie“ verfügt anscheinend nur das Militär. „Alternativlos“ ist Merkels Zauberwort, mit dem sie die Menschen in ihren Bann schlägt. „Deutschland muss wieder Verantwortung übernehmen!“ So habe ich sie mir vorgestellt, unsere „Christliche Leitkultur“.

    Um so wichtiger scheint es mir, verstärkt über eine Gesellschaftsordnung nachzudenken, in der es normal ist, Alternativen zu haben und zu leben. Aber wo die Worte fehlen, darüber kann ich nicht sprechen oder schreiben, ja, nicht einmal nachdenken. Es bleibt die Hoffnung! Faszination Mensch!

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: