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Beispiel einer funktionierenden Anarchie in der Kommune Niederkaufungen – solidarische Ökonomie

Ich habe ein schönes Beispiel funktionierender Anarchie gefunden, in der seit 1987 etwa 80 große und kleine Leute Erfahrungen gesammelt haben. Auf der Web-Site der Kommune Niederkaufungen, 10 Km von Kassel gelegen, lässt sich speziell zum wichtigen Konsensentscheiden Folgendes im Zusatz zum Grundsatzpapier finden:

„Das bedeutet bei uns: Alle können sich an der Entscheidungsfindung beteiligen; es gibt keineAbstimmungen; jedeR Einzelne hat ein Vetorecht.

Im Grundsatzpapier steht: „Wir wollen, dass Entscheidungen möglich sind, die jede Meinungberücksichtigen und somit von allen getragen werden können.“

Wir treffen uns alle einmal wöchentlich im Plenum. Die Teilnahme wird erwartet. Kinder könnenam Plenum teilnehmen und ihre Anliegen einbringen. Die Form der Entscheidungsfindung ist im Laufe der Zeit mehrfach weiterentwickelt worden. Anstatt im Gesamtplenum diskutieren wir seit geraumer Zeit in mehreren Plenumskleingruppen intensiver einzelne Themen. Dies war zur Entlastung des Gesamtplenums nötig geworden aufgrund der Vielzahl der anstehenden Diskussionspunkte, der zunehmenden Größe der Gruppe, inder keine sinnvolle Diskussion mehr geführt werden konnte, und der oft ungleichen Sprech- und Argumentationsgewandtheit der Einzelnen.

Dabei hat sich in den letzten Jahren unsere Regel bewährt, eine Entscheidung, die getroffen worden ist, erst zwei Wochen bis zum nächstenPlenum wirken zu lassen, bis sie, wenn keine Einwände kommen, Gültigkeit erlangt. Das sorgt für mehr Ruhe, Missverständnisse können geklärt, eigene Auffassungen können noch einmal überprüft oder anderen verständlicher gemacht werden.

Auch wenn sich das Konsensprinzip für uns bewährt hat, bleibt noch Ungelöstes. Schwierigkeitenhaben wir mit unterschiedlichem Redeverhalten oder der Angst mit einer Meinung alleinezu stehen und vielleicht nicht die Kraft zu haben, sich der anschließenden Diskussion zu stellen. Das bedeutet: In der Handhabung des Konsensprinzips ist also auch zukünftig Sensibilität instruktureller und gruppendynamischer Hinsicht angesagt.

Das Einkommen wird zusammengelegt. Pro Erwachsenem stehen etwas 1.000 € zur Verfügung. Da das Wohnen sehr günstig ist, viele Infrastrukturen gemeinsam genutzt werden, sagt dieser Betrag wenig über den Wohlstand aus. Man pflegt jedenfalls keine Askese.

Die Kommune hat produktive und reproduktive Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt, Kochen,…) gleichgestellt. Es gibt kein Taschengeld, jeder nimmt sich aus der Kasse, was er gerade für seinen Konsum braucht.

Es scheint jedenfalls vieles auf der zwischenmenschlichen Ebene zu arbeiten zu geben, da doch alte Strukturen der Macht und des Materialismus nachwirken und immer wieder auf das „andere Leben“ einzupendeln ist.

Man darf weiterhin gespannt sein, wie sich Niederkaufungen weiterentwickelt …

Hier noch ein Video über gelebte solidarische Ökonomie in Brasilien und Deutschland, in dem auch Niederkaufungen behandelt wird:

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  1. Februar 9, 2011 um 9:04 pm

    Hallo Martin, vielen Dank dem Vorfinder, ich hätte nicht die Zeit alles zu lesen und so finde ich durch Dich wichtige Dinge. Bin übrigens mit meinen blog-Geschichten am Samstag bei Figaro, trotzdem muß ich noch dran arbeiten.

  2. Vivi
    Februar 12, 2011 um 7:42 pm

    ich habe bei Mayarosa einen Kommentar von Ihnen gefunden und da auch ein Bild dabei ist, bin ich neugierig geworden. Kann das sein, dass ich da eine Kipa gesehen habe? Dann freu ich mich und sage Shavua Tov

    • Februar 12, 2011 um 11:09 pm

      Leider muss ich passen, und mich sogar als moderater Atheist outen. Vor Kurzem ist mir erst klar geworden, warum mich die aktuellen Weltreligionen nicht erreichen konnten. Sie sind patriarchal und mein Innerstes strebt nach einem matriarchalen Prinzip der Gleichstellung ohne gleich sein zu müssen, ohne Hierarchien, und dagegen aber Konsens. Dennoch möchte ich eine gute Woche zurück wünschen.
      Martin

    • Februar 13, 2011 um 7:42 pm

      @ Vivi
      nun muß ich verdust zurückfragen, was ist eine Kiap?

  3. Februar 13, 2011 um 11:41 am

    Ich kann mir schon vorstellen, dass eine Anarchie, beschränkt auf die jeweilige kleien Wohngemeinschaft, funktioniert, wobei ich fast sicher bin, dass auf lange Sicht die Meinung des ein oder anderen subjektiv mehr zählen wird und einige Probleme mit Egoismus auftreten werden.
    Allerdings ist es eben auf eine sehr kleine Gruppe beschränkt. um so größer die Gruppe wird um so eher scheitert eine anarchie

    • Februar 13, 2011 um 12:28 pm

      Hallo Christian,
      ich hatte vorgestern auf meiner Bahnheimfahrt einen Berater für Wandel getroffen, der meinte, dass Gesellschaften ohne Hierarchie bis etwa zu einer Größenordnung von 12.000 Mitglieder funktionieren würde. Ich bin noch mit ihm in Kontakt und werde noch nach den Gründen fahnden. Nachgewiesen ist sogar eine Gesellschaft von 700.000 Mitglieder. Nachlesbar auf matriarchat.info.
      Lieben Gruß, Martin

  4. Februar 13, 2011 um 4:32 pm

    Das wäre dann im wesentlichen ein Autoritätsargument, das mich aber nicht überzeugt, weil ich weder den Berater kenne noch die Betreiberin von Matriarchate.info als Autorität auf dem Gebiet sehe.
    Feministische Matriarchatsforschung werden ja wiederholt gravierende Fehler aus der wissenschaftlichen Forschung vorgeworfen, die nahelegen, dass es sich eher um einen Gründungsmythos handelt.
    So verschieden können die Rollen von mann und Frau nicht gewesen sein, sonst hätten sich die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau ja nicht im Wege der Evolution entwickeln können. Die erheblich höhere Körperkraft der Männer lohnt sich ja nur, wenn die Männer entweder untereinander gekämpft haben oder aber für Jagd etc erhebliche Körperkraft benötigt haben.

    • Februar 13, 2011 um 5:53 pm

      Hallo Christian,
      hier ist noch eine weitere interessante Adresse zum Thema Matriarchatsforschung: Internationales Institut HAGIA.
      Ich denke nicht, dass die Männer gegeneinander gekämpft haben. Das war dann doch eher die Anforderung des Jagens.
      Du hattest ja schon mal Darwin bemüht. Ich auch, denn es gab noch eine weitere Theorie von ihm die fast 100 Jahre verloren war. Neben der natürlichen Auswahl hat er auch noch die sexuelle gestellt. Da aber die Machos der damaligen Zeit nicht bereit waren zu akzeptieren, dass die Frauen sich die fittesten Mann zur Paarung ausgesucht haben, ist die Theorie unter den Teppich gekehrt worden. Ich hatte im letzten Jahr dazu gepostet: Der verloren gegangene Schatz Darwins: die sexuelle Selektion – Wir haben ein großes Gehirn, weil der Mann buhlt und die Frau wählt.
      Auf Basis der sexuellen Selektion lässt sich erklären, warum wir Menschen ein so großes Gehirn entwickelt haben, das immerhin 1/10 unseres Energiehaushalts aufbraucht. Wer als man sich so fit präsentiert hat, dass er romantische Geschichten erzählen konnte, war den Frauen zweifach willkommen. Einmal wegen der Fitness und zum Zweiten als treuer, fürsorglicher Betreuer in der Phase der ersten Jahre, in der das kleine Kind noch stärker zu betreuen war.
      Übrigens scheint es dann auch eher so, dass der Konkurrenzkampf zwischen Frauen viel stärker als unter Männern ausgeprägt war und ist. Während Männer sich mühelos vervielfältigen können, ist es Frauen nur begrenzt möglich. Und daher ist für sie die Auswahl des Partners für die Paarung viel wichtiger als beim Mann.
      Viele Grüße, Martin

      • Februar 13, 2011 um 7:42 pm

        🙂

        Mein halber Blog handelt von sexueller Selektion. Ich fand Geoffrey Millers The Mating Mind auch sehr überzeugend.

        Allerdings entwertet das zum einem natürliche Selektion nicht und zum zweiten solltest du weitere Vorhersagen der Sexual Strategies Theory (SST) berücksichtigen. Danach brauchen Frauen nicht nur einen fürsorglichen Versorger sondern auch einen guten – weswegen sie auf Männer mit Status, höher Position stehen. Was wieder dazu führt, dass Männer solche Positionen eher erreichen wollen als Frauen – die sexuelle Selektion hat das Patriarchat so gesehen erzeugt. Wenn man davon ausgeht, dass wir heute in einem Patriarchat leben, was ich allerdings nicht tue.

  5. Februar 13, 2011 um 7:04 pm

    In Mexiko lebt das Volk der Juchitan mit 100.000 Mitgliedern ebenfalls matriarchal und im Konsens, wie es im Artikel Mexikanisches Matriarchat Juchitan – Stadt der Frauen beschrieben wird.

    • Februar 14, 2011 um 10:45 am

      Wenn ich den Artikel richtig lese ist das aber keine Anarchie.Im Gegenteil, es gibt feste Regeln.
      Im übrigen sehe ich den Bericht etwas kritisch.Der Bürgermeister der Stadt ist wenn ich das richtig sehe männlich und das Matriarchat wird zwar dort von traditionellen Familien praktiziert, aber im großen und ganzen unterscheiden sich die Familienstrukturen nicht von denen im übrigen Mexiko (wenn ich die spanische Wikipediaseite richtig verstehe).

      • Februar 14, 2011 um 12:36 pm

        Vorsicht, Anarchie heißt nicht, dass es keine Regeln gibt. Im Gegenteil, denn sonst könnte das friedliche miteinander Leben im Konsens nicht funktionieren. Es braucht aber nicht so viele Regeln, wie wir das kennen, denn das meiste wird in Gesprächen geklärt.

  6. Februar 13, 2011 um 8:01 pm

    Christian – Alles Evolution :

    … Wenn man davon ausgeht, dass wir heute in einem Patriarchat leben, was ich allerdings nicht tue.

    Hm, Patriarchat heißt, dass es Personen (Mann oder Frau) gibt, die über andere Personen qua Hierarchie Macht ausüben. Diese Konstellation sehen wir zwar immer weniger in Familien, aber in der Berufswelt noch ohne Ende. Und auch was unser Regierungssystem angeht. Auch hier sind wir trotz unserer Demokratie doch sehr machtlos. Insbesondere die Minderheiten.
    Was ist Deiner Ansicht der Grund zu meinen, dass wir eher nicht in einer patriarchalen Gesellschaft leben?

    • Februar 14, 2011 um 10:27 am

      „Patriarchat heißt, dass es Personen (Mann oder Frau) gibt, die über andere Personen qua Hierarchie Macht ausüben“

      Das sehe ich nicht so.Ich hänge eher der klassischen Definition an (Wikipedia):

      Als Patriarchat, auch Androkratie genannt, wird eine Herrschaftsform bezeichnet, die durch die Vorherrschaft von Männern über Familien, Sippen, Gemeinden, Diözesen oder Völker gekennzeichnet ist.

      Ansonsten wäre ein militärisch organisiertes Amazonenvolk ein Patriarchat, obwohl es keinen einzigen Mann hätte, was meiner Meinung nach an dem Begriff vorbeigeht.

      In Deutschland haben Männer keine Vorherrschaft über die Frauen. Es mag mehr Männer an der Spitze geben, aber das liegt nicht an einer Vorherrschaft. Es liegt eher daran, dass Frauen andere Schwerpunkte setzten und damit auf dem von ihnen gewünschten Bereich durchaus Macht haben. Frauen sind nicht von der öffentlichen Macht ausgeschlossen. Sie interessiert sie nur im Schnitt nicht so.

      • Februar 14, 2011 um 10:38 am

        OK, Definitionen sind immer schwierig, solange es keine anerkannte Gruppe für die Standardisierung gibt.
        Es schient aber doch eine gewisse indirekte Restmacht gegenüber der Frau in Deutschland da zu sein, sonst würden Frauen im Schnitt nicht 1/3 weniger Gehalt bei gleicher Arbeit erhalten.
        Dass Frauen in der Regel weniger Motivation zur Ausübung von Macht durch die Übernahme von Führungsposition in Hierarchien haben, da hattest Du ja auch schon in Hinblick auf die Darwinsche sexuelle Selektion hingewiesen. Diese erklärt ja, warum eher die Männer bemüht sind, sich als fit durch Einnahme einer solchen Position zu präsentieren.

      • Februar 14, 2011 um 2:42 pm

        „sonst würden Frauen im Schnitt nicht 1/3 weniger Gehalt bei gleicher Arbeit erhalten.“

        Ein Drittel? Wo hast du den die Zahl her? Der reine Unterschied sind ja allenfalls 23%. Aber das spielen viele Faktoren mit hinein. Ich habe da auch mal was zu geschrieben:
        http://allesevolution.wordpress.com/2010/11/11/gehaltsunterschiede-mann-frau/

        „Diese erklärt ja, warum eher die Männer bemüht sind, sich als fit durch Einnahme einer solchen Position zu präsentieren.“

        Eben. Das Gegenstück sind aber Frauen, die das sexy finden. Und sexuelle Selektion funktioniert nur bei fest verankerten, vererbbaren Vorlieben. Das würde bedeuten, dass wir (unterhalb evolutionärer Zeitspannen) nichts dagegen machen können, dass Männer Status wollen und Frauen Männer mit Status sexy finden.

        Was dann dazu führt, dass sich in jedem freien System die Männer mehr anstrengen werden um Status zu erhalten. Und deswegen auch eher Status erhalten werden als Frauen, denen dies vergleichsweise (und im Schnitt) egaler ist.

        • Februar 14, 2011 um 7:51 pm

          hm, ich glaube nicht, dass das Statusnachlaufen durch die Gene vererbt wird. Das ist ein Verhalten, was durch Vorleben weiter gegeben wird. Denn die Beispiele der matriarchal lebenden Gesellschaften zeigt doch recht eindeutig, dass es auch anders gehen kann.

      • Februar 15, 2011 um 7:16 am

        Verhalten wird durch Wünsche motiviert und der Wunsch nach einer hohen Position ist weltweit bei Männern zu beobachten. Ebenso ist weltweit zu beobachten, dass Frauen statushohe Männer attraktiv finden.

        Sex ist ja auch ein Verhalten und der Wunsch danach ist biologisch, also vererbbar (das ist ja die Grundlage sexueller selektion).

        Auch in den matriarchal lebenden Gesellschaften gibt es hierarchien oder sie sind so klein oder zurückgezogen, dass sie aufgrund der Verwandtenselektion andere Formen praktizieren können.

  7. Februar 13, 2011 um 8:03 pm

    Hier geht es aber heiß zur Sache,wow, noch einmal zurück zur Anarchie. Wir sehen es aus der heutigen Sicht. Wenn wir davon ausgehen, das Urvölker in der Regel nicht mehr als ein sechstel der Zeit zur Nahrungssicherung gebraucht haben, blieb also auch viel mehr Zeit auch in größeren Gruppen einen Konsens zu finden. Betrachten wir unseren heutigen produktiven Stand abzüglich den materiellen Unsinn der Überproduktion, könnten wir bei Vollbeschäftigung auch wesentlich mehr Zeit aufwenden, kluge Entscheidungen dort zu treffen, wo sie nötig sind, an der Basis und nicht im Bundes/ Landtag. Eine gute Gesellschaft lebt von der Balance zwischen Matriarchat und Patriarchat, also der Anarchie. Selbst in afrikanischen Stämmen die schon mehrere hundert Jahre Berührung mit der „Zivilisation“ haben ist die strikte Rollentrennung (effektive Arbeitsteilung)anzutreffen.

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