Startseite > Ethik, Gesellschaft > Mit unserer Profitorientierung können wir nicht mehr weiterleben

Mit unserer Profitorientierung können wir nicht mehr weiterleben

Hamster (Quelle: Wikipedia)

So lautet der Artikel von Michael Hesse im Kölner Stadt-Anzeiger vom 24.02.2011. Er bespricht das Buch Dem Land geht es schlecht: Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit des US-Historikers Tony Judt. Sein Artikel beginnt mit einer Sequenz, die ich 1:1 hier wiedergeben möchte, weil ich sie anders formuliert nur verbiegen würde. Er formuliert sehr kompakt, was ich vor Kurzem in meinem Post Keine gute Kultur, sagt mir meine Intuition: konstante Arbeitslosenzahl, Zocken mit Geld, Hungern durch Fleisch, riskante Großprojekte … ausgesprochen habe:

„Wir leben in einer verkehrten Welt. Es ist ein untrügliches Gefühl, dass in unserem Leben etwas nicht stimmt. Dass der Lauf der Dinge in unserer Gesellschaft etwas Grundfalsches an sich hat. Obwohl der private Wohlstand gewachsen ist, hat die öffentliche Verwahrlosung zugenommen. Es geht um vernachlässigte Schulen, Arbeitslose, Wohnungslose, zahlungsunfähige Kommunen. Die soziale Kälte hat zugenommen, und die Integration der sozial Schwachen gestaltet sich schwieriger. Wir kennen kaum mehr Antworten auf die großen sozialen Fragen unserer Zeit, geschweige denn die der Zukunft.

Tony Judt sieht als Grund dafür, das seit 30 Jahren verherrlichte Gewinnstreben. Es geht nicht mehr um Wert sondern um Kosten. Es wird nicht mehr hinterfragt, was eine Entscheidung für das Gemeinwohl bedeutet sondern wie damit der Profit angekurbelt wird.

Was ich selbst seit Jahren beobachte ist, die meisten Entscheidungen in der Politik darauf hinauslaufen, die Unternehmer zu fördern. Denn sie werden schon dafür sorgen, dass es auch den Anderen gut geht, so der Glaube. Denn ein Unternehmer unternimmt etwas, sonst hieße er ja nicht so und würde auch nicht so viel mehr verdienen. Die Rechnung geht aber nicht auf. Die Arbeitslosenzahlen bleiben konstant. Warum auch? Unternehmer denken vorrangig an den Profit, besonders wenn Stakeholder etwas vom Kuchen abhaben wollen. Den Höhepunkt hatte jetzt die Deutsche Bank verkündet: man strebe einen Profit von 25% an. Wo Jedem klar ist, dass schon bei einem Profit über 10%  die Wahrscheinlichkeit groß ist, dabei jede Menge Geschäftspartner über den Tisch gezogen werden.

Tony Judt vermutet, dass wir unfähig seien, uns Alternativen vorzustellen. Schließlich sei Ungleichheit, wie sie seit den 1980er Jahren voranschreitet, nicht ein Naturgesetz sondern von uns Menschen gemacht.Die Ökonomisierung aller teil der Gesellschaft habe unsere Moral verkommen lassen. Dabei hatte es in den 50 Jahre zuvor das Bestreben zu einem sozialen Ausgleich in der Gesellschaft gegeben.

Die Formel, dass durch Wirtschaftswachstum soziale Missstände ausgeglichen werden würden, sei nicht mehr aufrechtzuerhalten. …“ „Wir müsse die Rolle des Staates neu definieren“, so seine Forderung. „Das Gesetz ist wieder über die Macht [des Marktes?] zu stellen, die Moral über den Markt.

Wir sollten wieder zu einer ethisch fundierten politischen Debatte finden und zu Partizipation der Bürger in der Demokratie.

Ich denke, dem ist wenig hinzuzufügen.


.
Ergänzung vom 18.03.2011: ich habe gerade den Artikel Keine Macht den Doofen! der Humanistische Pressedienst (hpd.de) gefunden, der in eine ähnliche Richtung geht. Er sieht in der Art unserer Sozialisierung im Kindesalter die regelmäßige Übergabe schlechter Modelle, die nur schwer zu ändern sind. Aber haben wir uns nicht Homo Sapiens, den weisen Menschen genannt? Müssten wir nicht unsere Dummheiten erkennen und korrigieren können. Bevor es zu spät ist, wie uns jetzt mit Wucht und Tragik die Katastrophe am Kernkraftwerk Fukushima in Japan gezeigt hat?

  1. Februar 27, 2011 um 9:49 pm

    Hallo Martin, ich habe gerade in meinen Archiven gefunden, was hier genau richtig ist. leider habe ich den anderen Artikel über die Frühförderung immern och nicht gefunden, nerv!
    Diese Sendung wurde beim Deutschlandradio am 18.11.2010 ausgestrahlt und nimmt ein wenig die Zuversicht, das es mit Reden allein zu Einsicht käme: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/1322069/
    Viele Grüße Michael

    • Februar 27, 2011 um 10:53 pm

      Hallo Mike,
      Danke für den Link! Was mir da besonders zu denken gab, war der Hinweis, dass unsere staatlichen Fördergelder immer weniger dafür ausgegeben werden darüber zu forschen, wie es mit dem Gemeinwohl besser gestellt sein kann. Hier wird konsequent genau der Glaube verfolgt, dass Wachstum schon für mehr Wohlstand für alle sorgt, wie es Tony Judt bezweifelt. Und ich auch.

  2. Februar 28, 2011 um 5:25 pm

    Egal, wo man hin schaut, überall Korruption. In den USA scheinen 70% der Hochschulprofessoren einen Posten in Firmen zu haben, die sie zu falschen Aussagen bewegen lassen, so kann man in dem Artikel Die heimlichen Lobbyisten im Handelsblatt lesen.

  3. Februar 28, 2011 um 8:09 pm

    Hallo Martin,
    glaubst Du das die Studien für nachhaltige Energie von unabhängigen Sachverständigen gemacht worden sind? Selbst „Home – das ist unsere Erde“ ist durch Lobbyisten finanziert und sie haben die Großzügigkeit, es allen kostenlos zur Ansicht zubringen, welch ein Edelmut! Wie kann man in Afrika Strom für Europa produzieren wollen. Es geht um Expansion auf Kosten der Natur, Schwächerer und unseren Steuerzahlern, Verdrängung statt Konkurrenzkampf um bestehen zu können. Die Technologien für dezentrale Energieversorgung liegen schon seit den Achtziger in den Schubladen, aber die Großindustrie hat keine Verwendung dafür. Ich war 1994 als Praktikant in einem Ökohaus, das sich bis auf Trinkwasser völlig autark bewirtschaften ließ, Strom aus sonne 24 Volt und kein Abwasser!
    Sie können sich sogar leisten, die bestehenden Anlagen zu vernachlässigen und bekommen wie in den letzten Jahren Gelder aus der Staatskasse dafür, wenn Hochspannungsmasten den Schneedruck nicht Stand halten und umknicken! Ich habe voriges Jahr bei so einer Firma gearbeitet…. Da geht es nicht um Wettbewerb, da geht es um Ausschluß von …, um hohe Gewinne zu erzielen. Die ganze „Energie Einsparverordnug“ ist eine Mogelpackung. Ich habe dazu einen Test laufen….Bei 20% höheren Anschaffungskosten und geringfügiger Dämmung 20% weniger Energieverbrauch bei gesünderem Wohnklima(in 7 Jahren refinanziert). Die Industrie ist nicht eingestiegen, warum?? Ich könnte die Beispiele weiterführen…..kleiner Randtip für eine Leseratte „Bauen mit Seele“ Chrisopher Day. Den Osten hat man für gefährlich wegen seiner Seilschaften gehalten, da war vielleicht was dran, aber das hier….?
    Viele Grüße Mike
    PS: genau dieser Sumpf stinkt auch aus „Streitfall Kastanienallee“

  4. März 7, 2011 um 10:28 am

    Hallo Herr Bartonitz,

    ich finde, das kann man gar nicht so stehen lassen …
    “Wir müsse die Rolle des Staates neu definieren“
    „Das Gesetz ist wieder über die Macht [des Marktes?] zu stellen, die Moral über den Markt.“

    Meine Fragen:
    Durch wen?
    Und wer passt darauf auf?

    Bei solchen Texten überkommt mich wiederholt der Eindruck, dass es uns Menschen zu einfach gemacht wird, auf die anderen zu zeigen. Viel zu wenige machen einen eigenen Blog, riskieren selbst etwas oder anders: übernehmen eigene Verantwortung.

    Diese Forderungen klingen erst einmal gut. Sie umzusetzen ist von Einzelnen kaum zu erreichen und demnach auch nicht zu verlangen. Die Folge: Die Verantwortung ist ganz schnell von meinen Schultern auf den Schultern „der Politiker“, „der Wirtschaftsführer“, „der Hartz-IVler“ usw. abgelegt.
    Es ist so einfach, über das Versagen der anderen her zu ziehen und damit von der eigenen Gemütlichkeit und Ambivalenz abzulenken. Forderungen, die klarer an jeden Menschen selbst gehen und ihm eine Chance zur Handlung geben finde ich wertvoller, hilfreicher und denen gibt es meines Erachtens dann auch weniger hinzuzufügen.

    Die Welt ist schlecht und wenn das Gesetz über dem Markt stehen würde … oder hätte der Staat nur eine andere Rolle … das alles ist so schön weit weg von mir, dass ich mich auf keinen Fall verändern muss, dass ich meine Qualität nicht in Frage stellen muss, dass andere sicherlich vor mir dran sind, etwas anders zu machen.
    Für mich sind diese Aussage so wertvoll wie die Erkenntnis, dass wir wohl mehrere Millionen Sonnensysteme noch nicht kennen, darin vermutlich noch mehr Planeten vorkommen, eine Unzahl derer mit denselben Bedingungen wie die der Erde und es dennoch keinen Alien gibt, der mit uns Kontakt aufgenommen hätte oder dessen Kontaktaufnahme wir verstanden hätten.
    Verändert irgend jemand, der das erfährt sein Leben?
    Wirtschaftet irgend jemand deshalb morgen anders als heute?
    Ist das eine wertvolle Nachricht oder doch eher eine Information, die schadlos auch im Nebel meines Nichtwissens hätte verharren können?

    Ich freue mich über Ihr persönliches Engagement und Ihren eigenverantwortlichen Blog. Ich finde das steht in deutlichem Widerspruch zu diesen banal globalen Aussagen, denen Sie glücklicherweise dann doch immer noch etwas hinzuzufügen haben!

    Gruß
    Gebhard Borck

    • März 7, 2011 um 2:05 pm

      Danke für das Feedback. Ja, ich fange gerade an zu überlegen, wo ich mehr Verantwortung übernehmen kann. Der erste Schritt ist schon mal dieses Blog. Aber es ist schwer, die Menschen in meiner nächsten Umgebung auf die Missstände um uns herum aufmerksam zu machen. Da merke ich erst einmal, welche Mauern sich jeder hochgezogen hat, um sich nicht selbst zu verletzen. Denn die Erkenntnis, dass man laufend die Missstände unterstützt hat und auch wohl werden wird, ist nur schwer zu ertragen. „Ich gönn mir ja sonst nicht“, dieser Werbeslogan hat sich mittlerweile so in unsere Köpfe eingebrannt, dass es schwer wird, Handlungen zu ändern. Das wird Zeit brauchen. Aber wenn nach und nach immer mehr mitmachen und Schreiben oder zumindest Kommmentieren, sollten wir aus der dumpfen Lethargie herauskommen und unser Leben wieder mehr in die Hand nehmen und es nicht von den selbst wieder fremdgesteuerten Politikern machen lassen.

  5. März 7, 2011 um 11:21 pm

    @ G. Borck
    Sicherlich ist es nicht einfach, Freiheit zu wagen, heißt sie doch Verantwortung zu übernehmen. Ich versuche Themen auf zugreifen und umzusetzen. Nicht immer bin ich mit den Letzteren voll zufrieden. Es ist eben auch ein harter Lernprozeß, klare Gedanken zu formulieren. Auf der anderen Seite, ist das Schreiben, gerade für mich nicht meine Hauptbetätigung, gerade aus aber dieser sehe ich sehr oft unsere eingeschränkte Demokratiefähigkeit oder die Stielblüten an Verschwendung, die wir erleben. Wenn wir heute über Abstumpfen oder Politikverdrossenheit reden, hat sie die Ursache m.E. darin, das an der Form der Ausübung der Demokratie seit unseren Großvätern sich nichts wesentliches geändert hat, aber unsere Lebensumstände sich rasant verändern. es war heute zu viel text auf ihrer Seite, aber ich werde mich mit diesem Thema auseinander setzen, klingt sehr spannend. Gruß
    Kleine Randbemerkung von mike

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: