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Warum wurde auf Libyen sofort geschossen ohne zuvor zu verhandeln?

Krieg führt immer zu viel Leid und Keiner kann gewinnen. Daher muss die Frage erlaubt sein, warum gerade in Libyen ein Krieg angezettelt wurde, ohne vorher ernsthaft in den Dialog mit dem Souverän zu treten. Ich habe einen Artikel gefunden, der genau diese Frage stellt und mal von der anderen Seite schaut. Geschrieben wurde er von dem italienische Priester und Journalisten Piero Gheddo vom Päpstlichen Institut für Auslandsmission und nimmt dabei Bezug auf seinen Freund, den Bischof von Tripolis Mgr. Giovanni Martinelli. Lesen wir, was er zu sagen hat (Quelle):

Ich war schockiert und überrascht, dass die italienischen Medien die Verurteilung des Krieges und die Vorschläge zum Dialog durch den Bischof von Tripolis verschwiegen haben, weil ich 2007 in Libyen gewesen bin und Mgr. Giovanni Martinelli kenne, der in Libyen als Sohn italienischer Siedler geboren wurde und seit 40 Jahren Bischof ist. Er vertritt deutlich seine Meinung, aber niemand oder sehr wenige hören auf ihn. In Übereinstimmung mit den Appellen des Papstes für Frieden in Libyen (sogar am Ostersonntag) hat der Bischof von Tripolis seine Stimme erhoben und verurteilt einen Krieg ohne Ende, der die Konflikte verschärft, Hass und Gewalt vervielfacht sowie eine sicherlich schlechtere Zukunft für alle Libyer bereitet. Vor kurzem sagte er: „Einen Dialog zu beginnen, ist das Beste, was zu tun ist. Die NATO-Bomben bringen nichts Gutes und wir müssen alle Parteien des Konflikts berücksichtigen, nicht nur die Rebellen.“ Er forderte dazu auf, eine Möglichkeit für den Dialog zwischen den Parteien zu bieten und die Kämpfe zu beenden. Am 5. Mai schlug der Bischof „einen ein wöchigen Waffenstillstand als Respekt vor dem menschlichen Leben, für die Familien und Libyen“ vor. „Es ist eine menschliche Geste und die Libyer sind sensibel für diese Akte, trotz der durch den Krieg verursachten Wut.“ Und Mgr. Martinelli appellierte an die Mitglieder der „Kontaktgruppe“ (die sich damals in Rom traf), „die Möglichkeit einer Übergangsregierung, die auch Mitglieder des Regimes einschließt, in Erwägung zu ziehen, um die Ausbreitung von Hass und Misstrauen unter der Bevölkerung zu vermeiden“.

Kurz gesagt: trotz der Appelle von Papst Benedikt XVI. und der sorgenvollen Worte des Bischofs von Tripolis ist die „humanitäre Intervention“, um die Libyer vor der Gewalt Gaddafis zu schützen, zu einem Krieg geworden, in dem der Westen auf der Seite der Kyrenaika gegen Tripolis Partei ergriffen hat. „Jeder spricht über die Hilfe an die Rebellen“, sagte Mgr. Martinelli, „die Zeitungen schreiben über die schwierige humanitäre Situation in den Städten der Kyrenaika, die dramatisch ist, aber niemand spricht über die Bevölkerung von Tripolis, die durch den Krieg und die NATO-Bombardierungen zerstört wird.“

Der Krieg in Libyen wird für Italiener und Menschen aus dem Westen zunehmend unverständlich, weil er drei Hauptfaktoren nicht berücksichtigt. Ich will sie kurz darstellen:

1. Libyen ist nicht Tunesien oder Ägypten, die einen einheitlichen Staat, starke Medien und eine intellektuelle Klasse haben. Das Buch „Gaddafi“ von Angelo Del Boca, einem ernsthaften und gebildeten Gelehrten (Yale University Press 2011), ist eine Pflichtlektüre, um wirklich zu verstehen, wie es Libyen an einer modernen entwickelten Gesellschaft fehlt und es statt dessen seit den Zeiten des Osmanischen Reiches in zwei Regionen, Tripolitanien und Kyrenaika, geteilt ist und auf dem Stamm, dem Clan, der Familie und den islamischen Bruderschaften beruht. Bei einer offenen Parteinahme im libyschen Bürgerkrieg statt zu versuchen, einen Dialog für eine Einheitsregierung zu initiieren, versenkt der Westen das Land in einen endlosen Abgrund von Guerillakrieg, Revanche, Terrorismus und Stammeskämpfen. Jene, die an Ort und Stelle leben wie Bischof Martinelli, die eine tiefe Liebe zum libyschen Volk haben, wissen das und man sollte auf ihn hören. Am Telefon sagte er mir: „Es gibt keinen anderen Italiener, der Libyen so gut kennt und das gesamte libysche Volk so liebt wie ich. Doch ich spreche und niemand hört mir zu.“

2. Gaddafi ist ein Diktator und dieses Wort sagt alles. Aber in der islamischen Welt war er der einzige, der versucht hat, sein Volk in die moderne Welt zu führen. Seit den 1990er Jahren bis heute hat er die reichen Ölressourcen dafür verwendet, Schulen, Spitäler, Universitäten und Gesundheitsstationen in den Dörfern zu errichten, er baute feste Straßen in der Wüste, stellte billige Wohnungen für alle zur Verfügung, tat viel für die Befreiung der Frauen, indem er Mädchen an die Schulen und Universitäten schickte (anfangs wollten die Universitäten sie nicht!), schuf für die Frauen günstigere Ehegesetze und beseitigte in den Dörfern die hohen Mauern, die den Innenhof begrenzten, in dem sich die Frauen aufhielten. Er förderte Wasser in der Wüste in 800 bis 1000 m Tiefe und pumpte es in 800 – 900 Kilometer langen Kanälen nach Tripolitanien und Kyrenaika in Zementbehälter (größer als ein Mensch). Heute hat Libyen Fließwasser für alle. Ich könnte das noch fortsetzen. Gaddafi ist ein Diktator und zur Unterdrückung des Aufstands hat er Mittel angewendet wie in ähnlichen Situationen in Syrien und Jemen. Es ist richtig, das zu stoppen. Aber ihn im Westen als einen blutdürstigen Diktator vergleichbar mit Hitler darzustellen, der um jeden Preis eliminiert werden muss, bedeutet, mehr Hass nicht nur gegen einen Menschen, sondern gegen all jene, die auf seiner Seite stehen, zu provozieren.

3. Es ist wahr, dass Gaddafi keine politische oder Pressefreiheit zuließ. Aber er begann, dem libyschen Volk Bildung und Ausbildung zu bringen. Er kontrollierte die Moscheen, Koranschulen, Imame und islamischen Institutionen, die in vielen anderen islamischen Ländern (z. B. Indonesien, das ich jüngst besuchte) vollkommen jenseits der Staatsgewalt stehen, eine anti-westliche Ideologie verbreiten und „die Märtyrer des Islam“ verehren, also die Selbstmordbomber, mit denen wir alle nur zu vertraut sind. In Libyen war dies absolut nicht der Fall. In Tripolis gibt es ein Komitee der „Weisen Männer des Islam“, das die religiöse Unterweisung für Freitagsgebete vorbereitet und im voraus in allen Moscheen in ganz Libyen publiziert. Der lokale Imam muss diesen Text verlesen. Wenn er etwas weglässt oder hinzufügt, wird jemand anderer mit der Leitung der Moschee betraut.

Nicht nur das: 1986 schrieb Gaddafi an Papst Johannes Paul II. und bat ihn, als Krankenschwestern ausgebildete Ordensschwestern für seine Spitäler zu schicken. Der Papst entsandte rund 100, vor allem aus Indien und den Philippinen, aber auch aus Italien. Heute gibt es in Libyen 10.000 Krankenschwestern und 80 Nonnen (vor allem von den Philippinen) sowie auch viele katholische Ärzte aus dem Ausland. Bischof Martinelli erzählte mir: „Diese katholischen Frauen, kompetent und freundlich, behandeln die Kranken auf eine humane Art und verändert damit die Denkweise der Bevölkerung über das Christentum.“ Und das auf der Basis von viel Lob, das er von Muslimen dafür erhalten hat, wie christliche Frauen gebildet sind, sagte der Bischof. Libyen war bisher eines der wenigen muslimischen Länder, in denen Christen (es gibt auch tausende ägyptische Kopten) fast vollkommen frei waren, ausgenommen natürlich, Libyer zum Christentum zu bekehren. Wer hat wirklich Interesse an diesem Krieg?

So gesehen darf man doch eher davon ausgehen, dass es in diesem Fall doch wohl eher um Vormachtsspiele auf Kosten der Libyer geht. Sonst wären doch wesentlich sinnvollere, friedensgestaltendere Mittel, wie sie von intelligenten Menschen gefordert werden dürfen, versucht worden. Aber was wir nur höhren ist ein: Gaddafi muss weg, vorher hören wir mit dem Bomben nicht auf.

Das Resultat sind mal wieder viele tote Zivilisten. Ich wünschen den Libyern, dass es am Ende nicht die gleiche Menge wie im Irak sind. HIer mussten über 1 Million für eine Lüge sterben. Und die Kriegsbetreiber sind nicht einmal vor das internationale Kriegsgericht berufen worden.

Und bevor Hussein gegen die USA und seine Verbündeten öffentlich aussagen konnte, hat man ihn gleich gehängt. Vermutlich werden wir das gleiche Verfahren dann mit Gaddafi sehen …

Kategorien:Ethik, Gesellschaft Schlagwörter: , , ,
  1. Juni 29, 2011 um 8:16 am

    In einer der Schlüsselszenen des Films entlockt Pilger dann dem berühmten amerikanischen CBS-News-Nachrichtensprecher Dan Rather eine brisante Aussage: Der Krieg hat »Stenografen aus uns gemacht«, sagt Rather. »Hätten die Journalisten die Täuschungen hinterfragt«, erklärt Rather gegenüber Pilger weiter, »dann hätte die Invasion im Irak nicht stattgefunden.« (Quelle)

    So weit zum Angriffskrieg im Irak, in dem über 1 Million Zivilisten ihr Leben lassen mussten. Demnach sind nicht nur die Kriegstreiber schuld gewesen sondern auch unsere Medien, deren Journalisten einfach weggeschaut haben und nicht ihre Arbeit gemacht haben.

  2. Juni 30, 2011 um 12:57 pm

    Wer noch mehr zu Beweisen angeblicher libyscher Greueltaten wissen möchte, braucht nur nach „keine Beweise Libyen“ zu googlen.

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