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Die Schmusegeschichte

Selig durch die Liebe
Götter – durch die Liebe
Menschen Göttern gleich!
Liebe macht den Himmel
Himmlischer – die Erde
Zu dem Himmelreich.

(Friedrich Schiller)

Vor langer Zeit lebten die Menschen auf dieser Welt zufriedener und glücklicher als heute. Jedem wurde damals bei der Geburt ein kleiner und warmer Sack mit auf den Lebensweg gegeben. In diesem Sack befanden sich unzählige warme Schmuser, die jeder seinen Mitmenschen verschenken konnte, wann es ihm beliebte.

Die Nachfrage nach diesen Schmusern war groß, denn wer einen geschenkt bekam, fühlte sich am ganzen Körper wohlig warm und liebkost. Wenn einer ausnahmsweise einmal zu wenig Schmuser geschenkt bekam, lief er Gefahr, sich eine schlimme Krankheit einzuhandeln, die zu Verschrumpelung, Verhärtung und gar zum Tode führen konnte. Aber zum Glück war es damals leicht, Schmuser zu bekommen.

Immer, wenn einem danach war, konnte man auf einen anderen zugehen und um einen Schmuser bitten. Der andere holte selbstverständlich einen aus seinem Sack, und sobald man sich diesen Schmuser zum Beispiel auf die Schulter gelegt hatte, fühlte man sich wohl und bekam ein rundum gutes Gefühl.
Die Menschen erbaten oft Schmuser voneinander; und da sie auch freigiebig verteilt wurden, war es kein Problem, genügend davon zu bekommen.

Alle Menschen fühlten sich die meiste Zeit wohl, glücklich und liebgehabt, bis eines Tages eine Hexe darüber sehr böse wurde (Für Jene, die auf hier wegen Political Correctness den Finger heben wollen: seid frei, hier für Euch auch „Hexer“, oder „böser Geist“ zu setzen). Sie hatte nämlich einen großen Vorrat an Tinkturen und Salben für diejenigen, die tatsächlich einmal krank wurden, doch brauchte kaum jemand ihre Mittel. Sie begann deshalb den Menschen einzureden, dass ihnen die Schmuser bald ausgehen werden, wenn sie weiter so freigiebig damit sind. Und die Menschen glaubten ihr seltsamerweise.

Sie fingen an, über ihre Schmuser zu wachen und nicht mehr so großzügig damit umzugehen. Viele beobachteten neidisch ihre Mitmenschen, wenn diese anderen einmal einen Schmuser schenkten, wurden oft böse und machten ihnen Vorwürfe. Diese wollten ja ihren Eltern, Kindern und Partnern nicht weh tun und bemühten sich, anderen keine Schmuser mehr zukommen zu lassen.

Die Kinder lernten das schnell von ihren Eltern. Sie merkten, dass es scheinbar falsch ist, seine Schmuser all denen zu verschenken, die danach Lust hatten. Obwohl immer noch jeder in seinem Sack genügend Schmuser fand, holten die Menschen immer seltener einen hervor. Die Folgen waren schrecklich. Immer weniger Menschen erhielten die Schmuser, die sie brauchten, immer mehr fühlten sich nicht mehr warm, glücklich und liebkost. Viele wurden krank und einige starben gar an Schmusermangel.

Die Hexe konnte jetzt viele Arzneien verkaufen, merkte aber bald, dass sie gar nicht zu helfen schienen. Natürlich wollte sie auch wieder nicht, dass die Menschen starben. Wer sollte denn dann ihre Mittelchen kaufen?

Sie erfand also etwas Neues. Kalte Fröstler. Sie verkaufte jedem einen Sack mit kalten Fröstlern. Die Fröstler sahen genauso aus wie die Schmuser, nur gaben sie den Menschen kein warmes und liebkosendes Gefühl, sondern ein kaltes, fröstelndes.

Aber sie ließen immerhin die Menschen nicht mehr verschrumpeln und sterben. Wenn jetzt jemand einen warmen Schmuser haben wollte, konnten ihm die Leute, die Angst um ihren Schmuservorrat hatten, statt dessen einen Fröstler anbieten. Oft gingen zwei Menschen aufeinander zu in der Hoffnung, vom anderen einen Schmuser zu bekommen, doch dann überlegte es sich der eine oder andere noch mal, und am Ende gaben sie sich nur kalte Fröstler.
Zwar starben kaum noch Menschen an Schmusermangel, weil sie ihn einigermaßen mit Fröstlern ausgleichen konnten, aber die meisten fühlten sich nicht mehr wohl, liefen verbittert und vom Leben enttäuscht umher.

Schmuser waren ungeheuer wertvoll geworden. Eltern ermahnten ihre Kinder, sich genau zu überlegen, wem sie einen Schmuser geben. Paare wachten eifersüchtig über den Schmuservorrat des anderen.

Kinder neideten ihren Eltern die Schmuser, die sich diese gegenseitig gaben. Früher waren oft viele Menschen in Gruppen zusammengekommen, ohne sich darum zu kümmern, wer wem Schmuser schenkte. Jetzt schlossen sich alle zu Paaren zusammen und behielten misstrauisch ihre Schmuser für sich. Wer versehentlich oder weil er gerade Lust dazu hatte, einmal einem anderen einen Schmuser gab, fühlte sich auch gleich danach schuldig, weil er wusste, dass ihm sein Partner das übel nehmen würde.

Und wer keinen freigiebigen Partner finden konnte, musste sich Schmuser kaufen, wenn er welche wollte, und für das Geld Überstunden machen. Einige Leute wurden irgendwie beliebter als die anderen und bekamen eine Menge Schmuser, ohne selber welche hergeben zu müssen.

Sie verkauften dann ihre Schmuser zu hohen Preisen. Ein paar ganz raffinierte Menschen hatten eine Idee: Sie Sammelten kalte Fröstler, die ja recht billig und in Mengen zu haben waren und verkauften sie für viel Geld als warme Schmuser. Diese scheinbar warmen und flauschigen Schmuser waren in Wirklichkeit nichts weiter als Plastikschmuser oder Schmuserimitationen und schufen noch mehr Probleme.

Sie hinterließen nach ihrem Gebrauch das Gefühl, etwas verpasst zu haben, machten regelrecht süchtig danach, immer wieder und immer mehr davon zu kaufen. Viele starben schließlich, weil sie einfach zuviel Plastikschmuser verbraucht hatten.

Über diese Süchtigen regten sich zwar die „normalen“ Menschen furchtbar auf, aber sie konnten weder die Plastikschmuser aus der Welt schaffen noch das Bedürfnis danach. Allzu oft passierte es, dass sich zwei Menschen trafen, um warme Schmuser auszutauschen und ein gutes Gefühl zu bekommen, benützten aber dafür Plastikschmuser. Nach den ersten Minuten oder Stunden spürten sie dann, dass ihnen nur ein kaltes, fröstelndes und leeres Gefühl geblieben war, das sie so schnell wie möglich wieder loswerden wollten.

Deshalb kauften sie schnell neue und gerieten in einen Kreislauf, aus dem sie alleine niemals herausfinden konnten. Überhaupt gab es in dieser Zeit viel Verwirrung unter den Menschen.

Keiner fand sich mehr so zurecht, wie es früher gewesen war. Und alles nur, weil die Hexe ihnen eingeredet hatte, es gäbe nicht genügend warme Schmuser!

Vor kurzem kam nun eine Frau zu uns, die offensichtlich noch nichts von der Hexe gehört zu haben scheint. Sie sorgt sich überhaupt nicht um ihren Schmuservorrat und verteilt sie so freigiebig, wie niemand sonst, sogar ohne darum gebeten worden zu sein. Man nennt sie die Hippiefrau.

Die Erwachsenen waren anfangs sehr verärgert, gibt doch diese Frau den Kindern die fixe Idee, es gäbe immer genügend Schmuser in ihren Säcken. Die Kinder mögen diese Frau sehr und lernen langsam wieder, dass es immer ausreichend Schmuser geben wird. Doch die Erwachsenen sind schon so verhärtet und festgefahren in ihren Vorstellungen, dass sie die der Botschaft Hippiefrau nicht begreifen. Jetzt wird sogar ein Gesetz erlassen, das den verschwenderischen Gebrauch von Schmusern unter Strafe stellt. Es soll die Kinder davor schützen, ihre Schmuser zu vergeuden.

Zum Glück kümmern sich nicht alle Kinder um dieses Gesetz, und wir können hoffen, dass auch die Erwachsenen sich langsam wieder an die Zeit erinnern, in der sich jeder wohl und liebgehabt fühlte, weil es warme Schmuser in Hülle und Fülle gab.

Werden wir endlich wieder damit beginnen, so viele Schmuser zu verschenken, wie jeder braucht?

Fangen wir doch heute schon damit an, sooft wie möglich in unseren Schmusersack zu greifen!

von Claude Steiner / Heinz Körner

Kategorien:Geschichten, Gesellschaft Schlagwörter: ,
  1. Märchenonkel
    Juli 20, 2013 um 12:43 am

    Was für eine idiotische Geschichte

  2. Juli 20, 2013 um 11:46 am

    … ja eine allerliebste Geschichte – eine die aus bitteren Klischees besteht und bei der es mich am meisten fröstelte, dass es wieder einmal eine „Hexe“ ist, die mit dem größten Selbstverständnis, als Verderberin der fröhlichen und arglose Schmuseleute auftritt und eine ganze Gesellschaft in Grund und Boden manipuliert… machen wir nicht tagtäglich ganz andere Erfahrungen? Und hört das denn nie auf?

    • federleichtes
      Juli 20, 2013 um 12:23 pm

      Tatsächlich – rückblickend – erkenne ich (nur) eine künstliche Reduzierung des „Weiblichen“ in der Frau. Und da ich mich bereits ein bisschen mit der Schöpfungs-Systematik beschäftigte, meinte ich eine Notwendigkeit für diese Reduzierung erkannt zu haben. Säße sonst der Wahngeist noch – zusammen mit den Affen – auf den Bäumen?

      Frauen, und damit das Weibliche Wesen, haben sich nach meiner Einschätzung NIEMALS wirklich zerstören lassen. Okay, es gab eine geistige Manipulation, woraus sich suggestiv wrikende Kräfte bildeten, die das bewirkten, was gewollt war: Die übermächtige Liebe in das Gewand der Angst zu kleiden. GEWOLLT! Als ich das erkannt hatte, minderte das nicht meine Wut auf die Aktivitäten zur Unterdrückung der Frau, aber ich konnte im stillen Inneren dabei lächeln.

      Der Wahn des Geistes, präsentiert im Männlichen, muss raus, sich offenbaren, muss greifbar, verstehbar, auflösbar werden. So definiert sich in meinem Verständnis die primäre Fauenrolle in der Schöpfung. Und sie wurde auch von „Männern“ geleistet, die unter dem Wahngeist nicht weniger litten als Frauen.

      So dämlich, wie Leistungen! der Menschen auch erscheinen mögen, und so schwer es scheint, sie bewundern zu können, bleibt doch immer wieder ein Versuch, das Mensch-Sein-an-sich zumindest zu respektieren: Sie leisten ALLE das ihnen Bestmögliche.

      Danke für die letzten Beiträge.

      Wolfgang

    • Juli 20, 2013 um 1:53 pm

      Danke für den Hinweis. Allerdings sehe ich, dass durch den Mainstream der Reflex zum Thema Diskriminierung und Political Correctness schon so weit getragen ist, dass anstelle der eigentlichen Botschaft sofort auf die Nebensächlichkeit abgelenkt wird. Aber damit sich der eine oder andere Leser das dann für ihn Richtige an dieser Stelle rauspicken kann, werde ich mal den Hexer alternativ anbieten.
      Übrigens wurde die Geschichte von einem Autor und einer Autorin geschrieben, was ihnen gemeinsam auch durchgegangen ist.
      VG Martin

      • Kritiker
        Juli 20, 2013 um 2:42 pm

        Die Hexerei ist das geringste Problem der Geschichte. Sie suggeriert ein besseres Leben wenn alle Schenken. Mag sein, dass das in emotionalen Bereichen zutrifft. Der Bäcker wird sein Brot jedenfalls nie verschenken — und hat es auch nie getan. Der Urzustand ist unrealistische Utopie. Wer so etwas schreibt will was umsonst. Begründung: Er is(s)t. Toll!

        Märchenonkel hat recht

        • Juli 20, 2013 um 2:57 pm

          Lieber Kritiker,

          Deine Mutter hat Dir so viel geschenkt, was Du nur zu vergessen scheinst. Immaterielles lässt sich so einfach verschenken. Allerdings muss man sich dessen auch bewusst sein.

          Ich wünsche Dir, dass Du zumindest Deinen Kinder bedingungslos das schenken kannst, damit sie ihre Potentiale entfalten können. Anders wäre nämlich schade.

          Kennst Du die Aktion „Free Hugs“? Google mal, was das für Effekte hat 🙂

          VG Martin

  3. Juli 20, 2013 um 2:44 pm

    Und wieder ein Wort dessen Bedeutung und Sinngehalt reduziert wurde und nur noch Assoziationen zum vermeintlich „Bösen“ aufkommen lassen.

    Hexe(r): Die Wurzeln des deutschen Wortes Hexe finden sich nur im westgermanischen Sprachraum: mittelhochdeutsch hecse, hesse, althochdeutsch hagzissa, hagazussa, mittelniederländisch haghetisse, altenglisch haegtesse: („gespenstisches Wesen“) – im modernen Englisch verkürzt zu hag.[1] Die genaue Wortbedeutung ist ungeklärt; der erste Bestandteil von hagazussa ist wahrscheinlich althochdeutsch hag („Zaun, Hecke, Gehege“), der zweite ist möglicherweise mit germanisch/norwegisch tysja („Elfe, böser/guter Geist“) und litauisch dvasia „Geist, Seele“ verwandt, also vermutlich ein auf Hecken oder Grenzen befindlicher Geist. Eine andere Herleitung versteht zussa als „sitzen“, so dass eine hagazussa eine auf oder in der Hecke sitzende Person bezeichnen könnte. (Wikipedia)

    Versetzen wir uns zurück ins frühe Mittelalter oder noch früher, so waren Hecken und Zäune die Grenzen der geordneten, systematisierten Welt der Menschen hin zum Großen, Natürlichen, Unübersehbaren. Das konnte ängstigen. Hexen (Hexer eingeschlossen) heilten, kannten sich aus mit Heilkräutern und -extrakten, Steinen, diversen anderen Zusammenhängen, die übernatürlich erschienen, letztlich aber zum Heilen genutzt wurden. Das bedeutete, sie gingen über die Grenzen menschlicher Ansiedlungen hinaus ins vielen Menschen Unbekannte, waren auch fähig übersinnliche Verbindungen herzustellen. Im Grunde genommen waren Hexen Grenzgänger zwischen den Welten, stellten die Verbindungen her, wohnten auf Grund ihrer Andersartigkeit oft etwas außerhalb der Siedlungen, hatten daher eine Sonderstellung, die sie sicher auch zu wahren wussten.
    Dieses Wissen, das diese Frauen und Männer hatten, es ging nur vermeintlich verloren, es tritt langsam wieder an die Oberfläche. Das Heilwissen einschl. Geburtenkontrolle ist da nur ein Gebiet, ein anderes sicher das, was gemeinhin als Alchemie bezeichnet wird, und das Wissen um die ganz großen Zusammenhänge gehört auch noch dazu.

    Liebe Stephanie, ich hätte es gut gefunden, wenn Du uns erklärt hättest, was du unter Hexe(r) verstehst.

    Schönen Sonnabend wünsch ich in die Runde
    Martina

  4. gerd zimmermann
    Juli 20, 2013 um 8:26 pm

    „Selig durch die Liebe
    Götter – durch die Liebe
    Menschen Göttern gleich!
    Liebe macht den Himmel
    Himmlischer – die Erde
    Zu dem Himmelreich.

    (Friedrich Schiller)“

    Das Universum ist ein Gedanke Gottes.

    Friedrich Schiller

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