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Nachruf auf einen großen Sozialdemokraten — Wolfgang Clement ist hinübergegangen

Wolfgang Clement

Wer war der soeben 80-jährig verstorbene Wolfgang Clement?

Bezeichnend sicherlich die Rolle, die er vor 20 Jahren innehatte als «Superminister für Wirtschaft und Finanzen» unter der Regierung Schröder (1998-2005). Damals behauptete Wolfgang Clement auf Pressekonferenzen und in Talkshows, es gebe bei Hartz IV-Empfängern eine Missbrauchsquote von zehn bis zwanzig Prozent. Was ihm bis heute hin viel Schelte einträgt.

Nun, jene von Clement behaupteten 10 bis 20 Prozent gab es damals und gibt es heute. Sie rekrutieren sich aus einem Kreise von Proletariern ganz ohne Zahlungsverpflichtungen für Wohneigentum oder den Unterhalt einer Familie. Und denen deswegen ein Sozialtransfer genügt, der gerade knapp für ihr eigenes Überleben ausreichend ist. Hier die Rede von Jenen also, die nicht genötigt sind, ihre Arbeitskraft und Gesundheit bis sogar unter jene Schwelle des Lebensstandards ausplündern zu lassen, von der ab es erst möglich wird, über die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft hinaus auch noch eine arbeitsfähige nächste Generation aufzuziehen.

Einem Wolfgang Clement, Sohn eines Baumeisters, war all dies offenkundig. Kam er doch aus jenem bis ins Mark sozialdemokratischen Teil des Proletariats, welchen Lenin als „Arbeiteraristokratie“ und engen Verbündeten des Großkapitals ausgewiesen hat. Solche Kollaborateure jagen entlaufene Sklaven verbissener als jeder Bluthund. Sozialdemokratische Köter von der Sorte Clement – und welcher von den großen sozialdemokratischen Kötern wäre nicht von exakt dieser Sorte! – machen Jagd auf alles, das sich noch irgendwie rühren kann. Siehe die Vorschläge Clements zur drastischen Heraufsetzung des Renteneintrittsalters, die einer Abschaffung der Altersrente gleichkamen. Clement & Co. wollten Blut sehen.

Um jene 10 bis 20 Prozent zu brechen, stand damals, anno 2001, ein Budget von 22 Mrd. € bereit. Ein Großteil jenes Budgets diente dem Terror der überwiegend von gewerkschaftseigenen Unternehmen betriebenen „arbeits- und sozialpolitischen Maßnahmen“: Üben wir den unbotmäßigen Sklaven in Unterwerfung. Und füllen wir uns damit die Taschen. Genau dies das sozialdemokratische Geschäftsmodell: den armen Arbeitslosen in „Arbeit“ zu helfen (siehe «Stern» Nr. 12/2002). Arbeit, Arbeit über alles!

Nietzsche sagte es in vollendeter Schlichtheit: „Die moderne Form von Herrschaft ist eine von Sklaven über Sklaven.“ Übersetzt ins Heute: von Sozialdemokraten über Zeitarbeiter. Also von beißwütigen Arbeiteraristokraten über jenen Teil des Proletariats, der nicht zu den Kernbelegschaften der großen Konzerne zählt. So auch sprach Lenin in seiner Imperialismusschrift von 1917 offen von einem seit spätestens 1900 „gespaltenen Proletariat“. Hätte Lenin sich einen besseren Kronzeugen wünschen können als Wolfgang Clement.

•••

Geburtsjahr 1940 und aus einer schwer bombardierten Ruhrgebietsstadt stammend, aus Bochum, gehörte Wolfgang Clement zu einer Generation, die ihre proletarische Kindheit und Jugend unter härtesten Bedingungen verbringen mußte.

Ja, wir haben leicht schlecht reden! Sagte Charles Bukowski doch über uns vom Schicksal Verwöhnte einst:

The problem with these people is their cities have never been bombed and their mothers have never been told to shut up.

Charles Bukowski

Darum ein ehrlich freundlich gemeintes „Farewell, Wolfgang!“

Und um ganz ehrlich zu sein, auch ein „Farewell, Sozialdemokratie!“ Aber ein keineswegs freundliches, denn…

…Hoping, you’ll soon be gone, and then to stay away forever. Humans shouldn’t behave like dogs.

Euer No_NWO

Kategorien:Politik Schlagwörter: ,
  1. Oktober 1, 2020 um 8:37 am

    Meine Eltern, Arbeiter, haben noch SPD gewählt, aber da war Brandt noch Kanzler. Ist also lange her.
    Es gibt leider keinen echten Ersatz, was Parteien angeht, für von der SPD enttäuschte Arbeiter. Vielleicht kann es auch keinen mehr geben, denn der Arbeiter wird aussterben. Das sagt ihm bloß keiner. Er wird schlicht nicht mehr gebraucht werden.

  2. Oktober 1, 2020 um 9:48 am

    Teutoburger: „der Arbeiter wird aussterben.“

    So is. Eine aussterbende Spezies.

    Teutoburger: „Das sagt ihm bloß keiner.“

    Muß auch nicht.
    Kann er selber sehen.
    Du kannst es ja auch sehen.

    Teutoburger: „Er wird schlicht nicht mehr gebraucht werden.“

    Das ist die Intelligenz.

    Denn obwohl die Logik sagt: „Die Arbeitslosenzahlen sinken doch wieder“,
    man konnte und kann es sehen: Der Arbeiter verschwindet, die Arbeiterpartei
    verschwindet, die Gewerkschaften verschwinden.

    Relikte einer alten Zeit.

  3. Gerd Zimmermann
    Oktober 1, 2020 um 10:04 am

    @ Der Arbeiter verschwindet, die Arbeiterpartei
    verschwindet, die Gewerkschaften verschwinden.

    Die Banken, Rechtsanwälte und Versicherungsvertreter verschwinden.

    Der Staat samt Regierung verschwindet usw.
    Davor hat natürlich so mancher ANGST.

  4. Oktober 1, 2020 um 1:48 pm

    Gerd: „Die Banken, Rechtsanwälte und Versicherungsvertreter verschwinden.“

    Und das noch schneller als das Verschwinden des Arbeiters, der
    in anderen Funktionen – zum Beispiel im Handwerk – weiterlebt.

    Es gilt die Formel:

    Wo immer eine Maschine die Arbeit von Menschen
    ersetzen kann…, WIRD die Maschine übernehmen.
    .

    Gerd: „Der Staat samt Regierung verschwindet“

    Das sehe ich nicht.

    Außer, daß sich die „Realität“ auf eine höhere Frequenz
    einstimmt. Dann wären Staat und Regierung partiell obsolet.

    Andernfalls werden sich umgehend
    andere (Macht-) Strukturen bilden.
    .

    Und keine Angst vor der Angst.

    Sie ist gegenwärtig, wenn in der
    Realität Veränderungen anstehen.

    Das ist natürlicherweise ihr Job:
    Sie erhöht die Aufmerksamkeit.

  5. Martin Bartonitz
    Oktober 2, 2020 um 1:48 pm

    Tja, Twitter zensiert meinen Blog inzwischen wohl auch, oder zumindest diese Artikel hier:

    • Karl-Heinz Giese
      Oktober 2, 2020 um 2:22 pm

      Da würde ich mir jetzt nicht so den Kopf machen – der Twitter Account „Viktor Baranoff“ ist ein Bot, der Blogs und Tweets aus der Coronaskeptiker- und aus dem rechten Spektrum automatisch retweetet und damit versucht zu amplifizieren.
      Es könnte sein, das die eigenen Filtereinstellungen bei Twitter zu dieser Darstellung führen – für andere geht es nämllich:

  6. No_NWO
    Oktober 3, 2020 um 12:06 am

    Unten der Link zu einer zum Thema der Großapparate der organisierten Arbeit passenden Arbeit von Hermann Ploppa. Insofern passend, als in hier obigem Beitrag auf Lenin Bezug genommen wird, der ganz allgemein das politische Bündnis der „Arbeiteraristokratie“ mit dem Großkapital nachgewiesen hat, also mit dem Imperialismus. Hermann Ploppa nun weist sehr dezidiert das nach dem 2. Weltkrieg forcierte Bündnis der DGB-Gewerkschaften mit dem englischsprachigen Imperialismus in Form von dessen Tiefen Staat nach ==>

    https://kenfm.de/die-gewerkschaften-als-buettel-der-corona-zwangsdigitalisierung-von-hermann-ploppa/

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