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Marx für Dummies – die Neunte

Dieser Artikel ist die Fortsetzung von 1234567 und 8:

Karl Marx in der Pose eines Freimaurers
Bild: Wikipedia

Unternehmer wissen nichts von Marxscher politischer Ökonomie, nichts vom Mehrprodukt und von einem Mehrwert, dessen Volumen den gesamtmarkträumlichen Profit nach oben hin deckelt. So sucht und findet der Unternehmer allerhand Sündenböcke und Erklärungen für das Versiegen seines Profits – nur auf den tendentiellen Fall der Profitrate kommt er natürlich nicht. Er weiß nichts von solch einem Fall, der ihm seine Felle wegschwimmen läßt. Und selbst wenn ein Unternehmer bzw. ein „Agent“ oder eine „Charaktermaske“ des Kapitals, wie Marx es nicht polemisch, sondern durchaus im Bemühen um Sachlichkeit sagte, vom Fall der wegschwimmenden Felle wüßte, darf ihn dieser nicht kümmern – der Wettbewerb läßt ihm keine Wahl. Falls er zu den ersten gehört, welche verbesserte Maschinerie einsetzen, sind seine Herstellkosten immerhin so lange niedriger als die seiner Wettbewerber, wie diese sich noch mit unverbesserter Maschinerie begnügen. Während dieser Zeit kann er seinen Profit steigern, da sein Betrieb nun produktiver als der gesamtmarkträumliche Durchschnitt ist. Doch währt dieses Glück meist nicht lange und ändert nichts am mittel- bis langfristigen Schrumpfen des betrieblichen Profits und so auch des Gewinns.

Da die unbezahlte Arbeit, die Mehrarbeit, all jene Waren hervorbringt, die nicht in den Konsum der unmittelbar händisch in Warenproduktion und -transport Arbeitenden einfließen, liegt die Mehrwertrate enorm hoch. Mindestens 85 Prozent des Arbeitstags werden wohl der Mehrarbeit dienen. Aus dieser Sicht müßte der tendentielle Fall der Profitrate eigentlich galoppieren. Er wird aber durch Gegentendenzen so weit abgefangen, daß er, so konstatierte Marx zu seiner Zeit noch, eher „schleichend“ ist. Beim heute gegebenen Stand der organischen Zusammensetzung des Kapitals aber kann von einem Schleichen längst nicht mehr die Rede sein. Der tendentielle Fall der Profitrate marodiert.

Einesteils gehen die oben angesprochenen Gegentendenzen auf den sich aus dem Mechanismus des Kapitals ohne gewolltes menschliches Zutun ergebenden Verstärkereffekt der toten Arbeit zurück. Indem dieser Effekt die einzelne Ware verbilligt, senkt er – wenn auch mit renditezerstörerischem Effekt – zugleich die Kosten des Lohns sowie der Produktionsmittel, sprich: Er senkt den Kapitalaufwand bzw. die Herstellkosten. Andernteils werden die Gegentendenzen gewollt ins Werk gesetzt, z.B. betriebs- und personalorganisatorische Maßnahmen, infrastruktureller Ausbau vor allem im Bereich des Gütertransports usw.

Ab einem bestimmten Krisenpunkt erzwingt ein marodierender tendentieller Fall der Profitrate allerdings „demographisch wirksame Maßnahmen“, sprich: die Beseitigung von unnützen Essern. Mit Marx ist das Wie und Warum des Bösen, sein Mechanismus, mit Nietzsche ist sein Woher und Wohin bekannt – die Geringschätzung des „Niederen“ ruft die Vernichtung von Mensch und Welt herbei.

Die hier folgende Liste von gesamtmarkträumlichen sowie betrieblichen Maßnahmen, welche dem tendentiellen Fall der Profitrate entgegenwirken, sind vom Wettbewerbs- oder Kostendenken angestoßen und entlasten den Profit. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

• Intensivierung der Arbeit durch Akkordarbeit; Stücklohn; unrealistische Zeitvorgaben sowie Verdichtung der Arbeit. So zum Beispiel soll eine Arbeitskraft anstatt wie zuvor nur eine Maschine, nun mehrere Maschinen überwachen, einrichten, reinigen sowie be- und entladen;

• Verlängerung des Arbeitstags, z.B. durch Überstunden;

• unbezahlte Arbeitszeit, z.B. die gesetzlich eingeforderten Pausen im Transportwesen; keine Ausgleichszahlungen bei Maschinenstillständen infolge technischer oder betrieblicher Störungen;

• Überführung von nicht zum Kerngeschäft gehörenden Betriebsteilen in selbständige Unternehmungen, die geringere Löhne zahlen und schlechtere sonstige Arbeitsbedingungen bieten;

• infolge des Verstärkereffekts des konstanten Kapitals Senkung von Wert und Preis auch derjenigen Waren, die in den Konsum der nicht in Warenproduktion und -transport Arbeitenden bzw. solcher Beschäftigter eingehen, die aus dem gesamtmarkträumlichen Profit zu bezahlen sind. Ein Beispiel sind billigere, weil geklebte Einfamilien-Fertighäuser. Die Wert- bzw. Preissenkung von Konsumgütern ermöglicht es, Löhne und Gehälter allgemein zu senken. In großem Stil geschieht dies z.B. durch Erhöhung von Verbrauchssteuern bei gleichzeitiger Senkung der Unternehmensbesteuerung. Im Zusammenhang mit Lohnsenkung sind auch gefälschte Lebensmittel und deren nicht unbeachtliches Marktvolumen zu sehen;

• Verringerung desjenigen Teils der Einwohnerschaft, welcher altersbedingt sowie infolge des Wachsens der organischen Kapitalzusammensetzung – sprich: durch Auspowerung, Krankheit oder Arbeitslosigkeit – hervorgebracht wird und Renten oder Sozialtransfers erhält. Die Verringerung wird in den OECDLändern überwiegend durch Zurückfahren der Gesundheitsversorgung, und hier insbesondere durch die Gabe von Billigmedikamenten mit merklich gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen exekutiert und auf diese Weise derzeit noch unterhalb der Schwelle unmittelbarer Tötungen gehalten;

• staatlich gelenkter Aufbau eines Niedriglohnsektors; siehe diesbezügliche Gesetzgebungen wie in Deutschland „Hartz IV“;

• Einwanderung bzw. Einreise überdurchschnittlich gut ausbeutbarer, weil kulturell entwurzelter sowie häufig kriegs- und terrortraumatisierter und mithin kollektiv wenig bis nicht wehrfähiger und daher willfähriger Arbeitskraft;

• Rückholung von arbeitsintensiven, zuvor in so genannte Niedriglohnländer verlegten Warenproduktionen. Solche Produktionen setzen wenig konstantes und viel variables Kapital ein, was den tendentiellen Fall bedämpft. Verlangt ist allerdings eine Arbeitskraft, die jung, körperlich gesund, kräftig sowie händisch geschickt und willig ist, wie dies wohl für einen nicht geringen Teil der aktuell einwandernden Geflüchteten gilt. Gelingt es, diese in rückgeholten Warenproduktionen einzusetzen, entfallen Kosten für Güterferntransporte sowie für das Aufziehen von Arbeitskraft in Kindheit und Jugend; zugleich steigen die Umsätze des Inlandskonsums sowie die Staatseinnahmen an Lohn-, Gewerbe- und Einkommenssteuern sowie an indirekten Steuern auf den privaten Konsum. Stabilisiert wird so insbesondere auch der Immobilienmarkt;

• Einsparung von Vertriebs- und Großhandelskosten durch feste Abnahmevereinbarungen mit dem Einzelhandel bzw. mit Einzelhandelsketten oder durch Internetvertrieb und Kuriertransport;

• Senkung der Herstellkosten in Produktionen mit großer Variantenvielfalt oder Fertigungstiefe vermöge einer Fertigungs- bzw. Werkstattablaufsteuerung, welche Maschinenstillstands- und umrüstzeiten sowie Zwischenlagerung von angearbeitetem Material minimiert und eine termingerechte Warenauslieferung unterstützt, was die Kapital- und insbesondere die Lagerhaltungskosten für Fertigware senkt (Just-in-time-Produktion);

• Ausbau der Infrastruktur für Gütertransporte.

Beinahe alle genannten Gegenmaßnahmen lassen die organische Zusammensetzung des Kapitals, sprich: das Verhältnis des Werts des konstanten zum Wert des variablen Kapitals, anwachsen. Das konstante Kapital gleicht einem Verstärker, dessen Verstärkungsleistung jedesmal, wenn der Verstärker weiter aufgedreht wird – wenn die organische Kapitalzusammensetzung wächst – zunimmt!

Umstritten ist, ob diese Zunahme nicht an einen Punkt gelangen wird, von dem an die Verstärkungsleistung sich nicht weiter steigern läßt. Oder sogar abnehmen muß, falls mit der Effektivität von Maschinerie zugleich deren Komplexität und mit dieser wiederum auch deren Fehleranfälligkeit zunimmt. Hier ist ein Beispiel das gegen Ende der 1980er Jahre grandiose Scheitern der die Daten aller Betriebsteile koordinieren wollenden betriebsorganisatorischen Technologie des Computer Integrated Manufacturing, kurz: CIM, die mit Ausnahme einer gleichbenamten Fertigungstechnik schnell wieder von der Unternehmensbühne verschwand.

Ingenieurwissenschaftlich formuliert, stellt sich zum ersten die Frage nach Erreichen einer materialtechnischen Grenze, wenn der Wirkungsgrad eines thermodynamischen Arbeitsprozesses durch Steigerung von Temperatur und Druck immer höher hinaufgeschraubt wird, wie es z.B. bei der Erhöhung der Verdichtung im Verbrennungsmotor anhand zunehmenden Bauteilverschleißes sichtbar wird. Übertragen auf die Produktion bedeutet dies nicht pfleglicher Umgang mit den Produktionsmitteln bzw. vermehrte Maschinenstillstandszeiten und -ausfälle, Produktionsfehler, Qualitätsmängel, Warenrückrufe usw. Zum zweiten wird ein das Material in Tätigkeit versetzender bzw. energietragender Stoff, der beständig wachsendem Druck und gesteigerter Temperatur ausgesetzt ist, ab einem bestimmten Punkt in den nächsten Aggregatzustand wechseln – von fest hin zu flüssig, dann hin zu gasförmig und zuletzt hin zu plasmaförmig – und sich mit seinem Zustandswechsel zum Plasma hin nicht nur physikalisch anders, sondern unberechenbar bzw. „verrückt“ verhalten. Im hier betrachteten Zusammenhang ist „Stoff“ die lebendige Arbeit, der Mensch: Erkrankungen, Burn-out, Süchte, Depressionen, Wesensveränderungen, Persönlichkeitsstörungen und Kriminalität (Mobbing, Rausdrängen, Sabotieren, Reinlegen und Gefährden bis hin zu tätlichen Angriffen), was alles zulasten der betrieblichen Kooperation und Leistungsfähigkeit geht.

Es ist dieses immer weitere Hochtreiben der in Stückzahl pro Zeiteinheit gemessenen Leistung der Arbeitskraft, was die großen Krisen, Kriege, Katastrophen, Revolutionen, Umbrüche, Erfindungen und Entdeckungen der Moderne hervorgebracht hat und – die Moderne schließlich zur Auflösung bringen wird.

Kategorien:Ökonomie Schlagwörter: , , ,
  1. Oktober 12, 2020 um 9:26 am

    Hat dies auf haluise rebloggt.

  2. Oktober 13, 2020 um 12:16 am

    So köstlich hat noch niemand Marx erklärt! Von wegen Marx est mort !

    • No_NWO
      Oktober 13, 2020 um 10:46 am

      Ja, wer Marxens drei Bände von «Das Kapital — Kritik der politischen Ökonomie» aufmerksam gelesen hat, muß ihn und seinen Mitautoren Friedrich Engels fest ins Herz schließen. Der Blick dieser zwei Heroen der politischen Ökonomie ging weit voraus bis in unsere Zeit. Und es ist, als würden sie uns Heutigen zurufen: „Verzagt nicht! Schaut nur, wie einfach alles ist.“

  3. No_NWO
    Oktober 13, 2020 um 8:51 pm

    henningnaturdesign, bitte unterlassen Sie es, off topic zu kommentieren. Die enorme Textfülle Ihres Kommentars demonstriert offen, daß der Kommentarstrang absichtlich sabotiert werden soll.

    Aber ja, sicher, ich weiß; würden Sie von der esoterischen Säuferbank dieses Blogs vertrieben, würde das nur bedeuten, daß jene Bank von neuem „Dienst“-Personal besetzt werden würde.

  4. Oktober 14, 2020 um 5:39 pm

    .
    Fang an, die Welt zu benutzen, um gegenwärtiger zu werden.
    Dann wird die Welt zu deinem Lehrer anstatt zu deinem
    Gegner. Die unbedeutendsten Umstände verwandeln sich in
    wunderbare Gelegenheiten, um deine Zentriertheit und deine
    Wachsamkeit zu testen und zu verstärken.

    – Samuel Sagan

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