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Schule soll die Liebe zur Arbeit fördern …

Anne QuerrienFoto: Screenshot aus einem Interview

Der folgende Text setzt den ersten Artikel zur Schrift „l’ensaignement – 1. l’école primaire (1. Grundschule)“ der Französin Anne Querrien fort, in der sie beschreibt, wie in ihr die Sicht auf die Schule als Maschinerie zur Formierung gehorsamer Arbeiter reifte. In diesem Teil zeigt sie die Perspektive der gesellschaftlichen Führungsschicht auf den ärmsten, den bildungsfernsten Teil der Bevölkerung auf.

Erziehung und Nachahmung

Obschon mir das vorstehende, erste Kapitel eine Vielzahl von Komplimenten eintrug – „sehr gut geschrieben“; „du solltest schreiben“ usw. – war ich selbst unzufrieden.

Die repressive Seite von Familie zu brandmarken, ohne die Mechanismen der innerfamilialen Repression bloßzulegen, mag angenehm sein, wohltuend sogar, führt jedoch zu keinerlei Veränderung. Ich bin nun selbst Mutter, stelle mir viele Fragen und experimentiere viel, um nicht in alte, ausgefahrene Gleise zu geraten. Ich suche das Gespräch mit meiner Mutter über das hier weiter vorn dargestellte Problem der Zensur meines Lesestoffs. Sie erwidert mir, so wie alle Welt, dass es Erziehung ohne ein Minimum an Repression nicht geben kann.

Bei mir war dies eine übrigens sehr sanfte Repression, der Rat, etwas zu unterlassen; Enttäuschung, falls ich es dennoch täte; nie Gewalt, nie brutale Verbote.

Trotz allem Repression, da es mir peinlich war, beschämend, und es mir Schuldgefühle verursachte. Warum? Ich denke heute, dass ich nicht ertragen konnte, wie argumentiert und wie die Enttäuschung begründet worden ist:

  • Argumentieren per Ratschlag: Ich hab dies Buch gelesen und es uninteressant gefunden; als meine Tochter wirst du es ebenfalls uninteressant finden;
  • Motiv Enttäuschung: Du hast etwas getan, das ich an deiner Stelle niemals getan hätte…, oder auch: Du hast unterlassen, was ich an deiner Stelle getan hätte…, und darum bist du nicht meine Tochter, willst nicht meine Tochter sein und verleugnest mich. [24]

Ob im Vorhinein mit dem Ratschlag oder im Nachhinein mit dem Tadel, ist unausgesprochen immer die eine Forderung verbunden: Sei meine Tochter, wolle meine Tochter sein! Was bedeutet, so sein zu wollen wie sie, ihr gleichen zu wollen, eine Fortsetzung ihrer Person zu sein. Ihre Tochter sein, das ist, sie fortzusetzen, sie zur Perfektion zu bringen, und so gebe ich alles, um ihr einen perfekten Anblick zu bieten. Aber eines Tages eine eigenartige Empfindung, und das Töchterlein begreift plötzlich − und alles zerbricht.

Die Argumentationsfigur des „Willst du meine Tochter sein, musst du alles so wie ich und noch besser machen“ ist von verbreiteter Art und im letzten Buch von Serge Leclair mit dem Titel „Wie man ein Kind tötet“ nachgezeichnet.

Anders als Serge Leclaire es behauptet, ist das Töten des eigenen Kinds kein im Unbewussten verankertes Gesetz, kein kategorischer Imperativ. Es ist lediglich Irregehen in eine Sackgasse, in die eine gesamte Zivilisation im Zeitalter der Klassik{*} eingebogen ist. Das eigene Kind durch das Désir zu töten, sich selbst wiederzuerschaffen, ist lediglich die auf die Familie projizierte Vorstellung vom eigenen Selbst, welche seit dem Zeitalter der Klassik den Grundrahmen wissenschaftlicher Erkenntnis aufstellt und – siehe: Michel Foucault, Les mots et les choses, Die Ordnung der Dinge{1}, sowie Gilles Deleuze, Différence et répétition, Unterschied und Wiederholung – die gesellschaftliche Wahrnehmung strukturiert. Mit Entdeckung der Relativität eines Gesetzes sind die Fundamente gelegt, auf denen sich außerhalb eines Gesetzes leben lässt. Die Tötung eines Kinds ist nichts Zwangsläufiges. [25]

*{*} Das Zeitalter der Klassik umfasst in Frankreich den Zeitraum von etwa 1650-1800.
1{} Der Titel der deutschsprachigen Veröffentlichung entspricht nicht dem französischen Titel Les mots et les choses = Die Wörter und die Dinge.

Krieg gegen die Armut

In der Maschine des Ensaignement {Unterricht/Aderlaß} haben einzelne Autoren eine Kastrationsmaschine gesehen (siehe: Jules Celma, Journal d’un éducastreur, Tagebuch eines Erziehkastratoren, Verlag: éditions Champ Libre). Kastration ist ein großes Thema bei den Psychoanalytikern. Ich selbst sehe kurzerhand eine Maschine, eine Apparatur zum Umformen, zum Operationen ausführen an, Wirkungen hervorrufen in, und anders als die Psychoanalytiker glaube ich nicht, dass sich jegliche Handlung auf ein Abschneiden zurückführen ließe. Für die katholische Kirche besteht die grundlegende Operation in der Konversion, welche das große Ziel angestrengtester Erziehungsbemühungen ist: die Konversion des Heiden in einen Christen; des Sünders in einen Tugendhaften; und in der hier vor allem interessierenden geschichtlichen Zeit die Konversion des Protestanten in einen Katholiken. Die grundlegende Operation des Kapitalismus ist das in-Arbeit-Bringen, und es ist eben dies, das zu erreichen sich die industrielle kapitalistische Schule anstrengt.

Konversion hin zum Katholizismus und zur Tugendhaftigkeit ist das eine, in-Arbeit-Bringen das andere, und beides ist um so mehr verschieden dort, wo Arbeit nicht als zur Tugend hinführend und noch viel weniger als gar tugendlich betrachtet wird. Arbeit als Tugend zu sehen, ist Besonderheit der protestantischen Ethik und kann vom Katholizismus folglich nicht zugestanden werden. Um Arbeit eine Tugend sein zu lassen, müsste zudem das, was denjenigen eigentümlich ist, von denen Arbeit verlangt wird – die Armut gleichfalls Tugend sein können. Und auch wenn die katholische Kirche wiederkehrend von aus ihr selbst hervorkommenden Bewegungen, welche jene Frage von Arbeit und Tugend neu stellen und diese Frage anders beantworten möchten, noch so sehr erschüttert wird, ist die Kirchenhierarchie doch nie zu etwas anderem zu bewegen, als solchen innerkirchlichen Strömungen das Wasser abzugraben. Schließlich hat die katholische Kirche den Reichtum zum sichtbaren Zeichen der Gegenwart Gottes sowie der Unterwerfung unter seine Autorität erhoben: Luxus
in Kleidung und Architektur, immense Besitztümer. [26]

Und folglich geht die Initiative zur Errichtung von kapitalistischen Schulen nicht von katholischen sondern von protestantischen Regionen aus. Allein weil zu einer Reaktion gezwungen, sind die Katholische Kirche und das französischen Königtum – die Kirche mit dem Konzil von Trient, und das französische Königtum mit dem Widerruf des Edikts von Nantes – Hand in Hand darangegangen, die Ausweitung der Beschulung der Armen, die sich infolge von privater, damals als «charité» {Nächstenliebe bzw. Wohltätigkeit} bezeichneter Initiative im Schatten der Spitäler herausgebildet hatte, nicht nur hinzunehmen, sondern sogar zur Pflicht zu erheben.

Wenn Arbeit in den katholischen Ländern zwar nicht eine Tugend ist, so werden die Arbeitslosen dort dennoch als schädlich angesehen und in die Spitäler gesperrt (siehe: Michel Foucault, Histoire de la folie à l’âge classique, Geschichte des Verrücktseins im Zeitalter der Klassik). Hier von Arbeitslosen zu sprechen, wäre typisch für einen aus der Jetztzeit schöpfenden geschichtlichen Rückblick, der die im entwickelten Kapitalismus aktuellen Definitionen gesellschaftlicher Unangepasstheit in die Vergangenheit hineinträgt. Eher ist damals von Armen zu sprechen, die verschiedenen Kategorien angehören; diese sind:

  • Bauern und Handwerker, die insbesondere infolge des aufkommenden Kapitalismus aber auch infolge der Kriege, Epidemien und Naturkatastrophen von ihrer Scholle oder aus ihrem Beruf gerissen sind und so ihre Subsistenzmittel sowie ihre Behausung verloren haben und sich nun an die «charité» wenden und deren wie auch immer geartete Bedingungen akzeptieren müssen;
  • nicht qualifizierte Arbeiter aus den Städten sowie Leute aus den «kleinen Berufen», sie alle Bezieher von Elendslöhnen und den schnellen und starken Schwankungen des Arbeitsmarkts ausgesetzt sowie gezwungen, sich an die sogenannte «Börse der Armen» zu wenden, die zu gleichen Teilen von der «Fabrik» sowie von einer mit der Kirchengemeinde verbundenen Kumpanei reicher Angehöriger des Bürgertums geführt wird, die mit ihren Spenden zugleich die Aktivitäten der «charité» finanzieren.

Wer um des Überlebens willen gezwungen ist, einen Hilfsdienst in Anspruch zu nehmen, muss die dortigen Bedingungen akzeptieren. Für die, denen dies möglich ist, gilt es, für Unterkunft und Essen zu arbeiten. So zum Beispiel wurden die in Frankreich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter der Regie des Corps des Ponts et Chaussées, der Behörde für Straßen- und Brückenbau, fertiggestellten großartigen Straßen von Insassen der allgemeinen Spitäler gebaut, die in Zwangsarbeitslagern von bis zu 20.000 Personen nomadisierten. Es macht bisweilen staunen zu sehen, dass die Ausbildung der Ingenieure der Ponts et Chaussées nicht eine gedrängt technische, sondern vielmehr eine von allgemeiner Art und geeignet war, in gesellschaftlich führende Positionen zu befördern. [27] Die Erklärung für diese Besonderheit liegt in der Eigenheit der Bedingungen, unter denen die gesellschaftliche Stellung des abteilungsleitenden oder verantwortlichen Ingenieurs der Ponts et Chaussées aufgekommen ist (siehe: Jean Petot, Histoire de l’administration des Ponts et Chaussées, Geschichte der Behörde für Straßen- und Brückenbau, 1599-1815, Verlag: Rivière, 1958).

Doch gibt es unter den in den Spitälern beherbergten Vagabunden auch Kranke und Arbeitsunfähige. Sie bleiben im Spital zurück, welches sich auf ihre Behandlung zu spezialisieren beginnt (siehe: Michel Foucault). Zudem gibt es Kinder; sei es, dass ihre Eltern vom Spital beherbergt werden, oder sei es, dass sie ohne Eltern oder von diesen verstoßen worden sind und vom Spital aufgegriffen wurden; einige dieser Kinder sind noch zu jung, um in den Werkstätten der «charité», in denen besonders harte Arbeiten zu verrichten waren, eingesetzt zu werden, und bleiben ebenfalls im Spital zurück.

Wenn diese Kinder nun nicht arbeiten, so ist sicherzustellen, dass sie es später tun werden. Die ersten «Schulen der Wohltätigkeit» nehmen ausschließlich aufgegriffene Kinder, Waisenkinder, Kinder von in den Spitälern beherbergten Erwachsenen sowie Kinder auf, deren Eltern aus der Börse der Armen bzw. aus der Annahme von deren «Almosen»«Vorteil ziehen». Dauernd angewiesen auf diesen Hilfsdienst sind 15 Prozent der Einwohnerschaft, weitere 25 Prozent sind es gelegentlich im Falle schlechter Ernten oder von Wirtschaftsflauten. Die école de charité, die «Schule aus Wohltätigkeit», richtet sich demnach an «arme» bzw. zu den Armen zählende Kinder und wird sehr schnell für diese verpflichtend; sie steht jedoch auch für Kinder nicht armer Eltern offen, die von den pädagogischen Methoden und von einem schulischen Angebot angezogen werden, welches ansonsten nur in zwei getrennten Einrichtungen zu finden ist: das Lesenlernen sowie die moralische und religiöse Unterweisung in der Pfarrgemeindeschule, das Erlernen des Schreibens und Rechnens in der Werkstatt des Schreibmeisters. Für die aufgegriffenen und Waisenkinder wie auch für die Kinder der im Spital Beherbergten, welche alle in der Hand der Behörde sind, versteht sich die Schulpflicht von selbst. Um sie auch bei den anderen Armen zur Wirkung zu bringen, wird für Eltern, welche Almosen von der Börse der Armen erhalten möchten, der Schulbesuch ihrer Kinder zur unumgänglichen Bedingung! Und das im 17. Jahrhundert, drei Jahrhunderte vor Einführung der Familiensozialhilfe.

Bereits im Jahr 1543 beschließt der Stadtrat von Rouen: «Damit sie schon im Kindesalter zu den guten Sitten und zum Lesen und Schreiben angehalten und hingeführt werden und sodann frühzeitiger und problemloser in Anstellung gebracht werden können, sollen die Almosenkinder, Jungen wie Mädchen, von ihrem fünften Lebensjahr an in guter Lebensführung, in den guten Sitten sowie im Lesen und Schreiben unterrichtet werden.» [28]

Woher kommt Jean Baptiste de La Salle?

Im Jahr 1647 ist Adrien Nyel Hausvater für die im allgemeinen Spital der Stadt Rouen aufgenommenen Kinder und wohnt mit diesen unter einem Dach; zugleich dient er dem Spital als Hauswirtschaftsmeister. In seine Ämter berufen worden ist er vom städtischen «Büro der einsatzfähigen Armen». Er ist für die eine Lehre durchlaufenden oder als Dienstpersonal arbeitenden Kinder verantwortlich. Mit Hilfe des Büros der Armen eröffnet er in den Jahren 1661 bis 1669 in vier Stadtteilen Schulen, welche die im vorangegangenen Jahrhundert infolge des hier oben zitierten Stadtratsbeschlusses gegründeten und mittlerweile nicht mehr in Betrieb stehenden Schulen der Wohltätigkeit ersetzen sollen. Die Stellen der Lehrkräfte besetzt er mit Krankenpflegepersonal aus dem allgemeinen Spital.

Der Erfolg seiner neugeschaffenen Einrichtungen veranlasst mehrere wohltätige Frauen, in anderen Städten weitere solche Schulen finanzieren zu wollen. Adrien Nyel benötigt für die Zeit seiner Abwesenheit jemanden, der ihn in Rouen vertritt; seine Wahl fällt auf Jean Baptiste de la Salle, der sich bald schon gut in das für ihn neue Spiel einfindet. Im Jahr 1700 kann er eine eigene Lehrgemeinschaft in Räumen gründen, die er mit den Mitteln eines zivilrechtlichen Vereins, in welchem sich seine Familie und weitere Mitwirkende zusammengefunden haben, erworben hat – ein Modell weiterer Ausbreitung nach immer dem gleichen Muster: Wohltätige Zuwendungen sichern seiner Gemeinschaft das Nießrecht an den genutzten Immobilien, und so müssen mit Jean Baptiste de la Salle in Vertrag gehende Stadträte lediglich die Aufwendungen für die Lehrkräfte übernehmen, die bei jährlich 150 Pfund pro Person liegen.

Zunächst steht die Ausbreitung noch im Schatten Nyels; so heißt es im Beschluss des Rats der Stadt Laon vom 19. November 1685: «Es wurde beschlossen, die Summe von jährlich 150 Pfund an Herrn Nyel zu geben und dies für jeden Stadtteil, in dem er genannte öffentliche Schule kostenfrei weiterführt, um ausschließlich die Kinder der Armen im Lesen zu unterrichten.»

Als der Pfarrer von Saint Sulpice Jean Baptiste de la Salle nach Paris ruft, gibt es die Schulen der Wohltätigkeit dort bereits seit einem halben Jahrhundert. Die 43 Pariser Pfarreien sind in 167 Schulstadtteile mit je zwei Schulen, eine für Jungen und eine für Mädchen, unterteilt. Nach und nach ist der Schulbetrieb eingestellt worden. [29] In der Pfarrei Saint Sulpice hatte deren Pfarrer Olier sieben Schulen der Wohltätigkeit eingerichtet und ihnen 1652 ein gemeinsames Regelwerk gegeben. Zu diesen Schulen ließ ein sich aus wohlwollenden Personen zusammensetzendes Wohltätigkeitsgremium die als arm bekannten Kinder ab dem siebten Lebensjahr zu. Ein Mitglied dieser Versammlung vergewisserte sich des Fleißes der Schüler, besuchte sie im Krankheitsfalle, veranlasste gegebenenfalls eine Aufnahme im Spital und fand mit seinem wohltätigen Tun einen guten Vorwand, um sich in die Angelegenheiten der Familien zu mischen und nachzuschauen, ob die gewährten Hilfen zu etwas nutze waren.

Von den sieben von Olier gegründeten Schulen sind 1683 nur noch zwei vorhanden. Es vergehen noch einige wenige Jahre, bis Jean Baptiste de la Salle schließlich vom Pfarrer nach Paris geholt wird. Sehr schnell kommt es zwischen den beiden Männern zum Konflikt; der Pfarrer von Saint Sulpice will das innovative Unternehmen von de la Salle in den Grenzen seines Gemeindegebiets halten, doch de la Salles Ambitionen reichen um einiges darüber hinaus. 1694 richtet er in der Stadt Vaugirard ein Haus ein, in dem nach seiner Methode Lehrkräfte ausgebildet werden, die dann überall hin in die Lande Frankreichs ausschwärmen sollen; außerdem gründet er eine christliche Sonntagsakademie, in der junge Arbeiter in Geometrie, Zeichnen und Architektur unterrichtet werden. Er tut entschieden zu viel, und obschon de la Salle die Zahl der Kinder, die in der Pfarrgemeinde Saint Sulpice einen christlichen Unterricht erhalten, im Laufe von 10 Jahren von 500 auf 1000 verdoppeln kann, muss er in die Vorstadt Saint Antoine wechseln.

Eine weitere Gründung nach de la Sallschem Muster ist die von Démia in der Stadt Lyon; 16 Rektoren inspizieren dort die Schulen und machen Familienbesuche. Sogenannte «Einschreiber» unter den Kindern haben den Auftrag, die vagabundierenden und die Waisenkinder für den Schulbesuch zu gewinnen.

Warum es funktioniert

Der Zustrom von Kindern in die Schulen von Jean Baptiste de la Salle ist von Beginn an sehr groß. Dies erklärt sich nicht allein durch das Knüpfen der Vergabe von Hilfsleistungen für die Eltern an die Unterrichtsteilnahme ihrer Kinder. Für die Kinder unterstützter Eltern ist der Schulbesuch zwar Pflicht, doch werden die Schulen der Wohltätigkeit auch von Kindern des «Bürgertums» bzw. von Kindern von Handwerkern und Bauleuten besucht, welche allerdings, um nicht mit dem Schmutz und den Krankheiten der Kinder der Armen in Berührung zu kommen, häufig räumlich getrennt von diesen unterrichtet werden. [30]

Grund für den Erfolg der Schulen der Wohltätigkeit ist deren Innovation, unter einem Dach all das zu unterrichten, was ansonsten in getrennten Einrichtungen angeboten wurde; Unterricht in Religion, Lesen und Singen in den kleinen Pfarrschulen; Unterricht in Schreiben und Rechnen in den Schulen der Schreibmeister; Moralerziehung wurde außerhalb der Schulen der Wohltätigkeit nicht angeboten; sie war von ratgebenden Lektüren und mithin vom guten Willen eines jeden einzelnen abhängig.

Die Schule der Wohltätigkeit unterrichtet alles, Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion und die guten Sitten bzw. das den verschiedenen Alltagsumständen angemessene körperliche Betragen. Und all dies kostenfrei, wohingegen die Schreibmeister zu bezahlen sind. Entsprechend schicken die Väter von Handwerkerfamilien ihre Kinder vor Eintritt in eine im eigenen Hause oder bei einem Handwerksbruder zu absolvierende Lehre lieber auf die Schule der Wohltätigkeit als zu einem Schreibmeister. Außerdem brauchen die Eltern sich nicht mehr so viele Sorgen um das Hin und Her ihrer Kinder
durch die Straßen der Stadt zu machen, wenn es zu nur einer einzigen Schule geht.

Das hohe Schüleraufkommen zwingt die Schulen der Wohltätigkeit, neue pädagogische Methoden einzuführen, die es erlauben, ein Maximum an Kindern mit einem Minimum an Lehrkräften beschäftigt zu halten. In den Kleinschulen und bei den Schreibmeistern ist der Unterricht individuell; der Lehrer arbeitet mit den Kindern eins nach dem anderen und kann so kaum mehr als 25 bis 30 Schüler haben. Wohingegen die Schulen der Wohltätigkeit bisweilen mehrere hundert Kinder unter der Leitung von nur ein oder zwei Lehrern versammeln. Kostenfrei und durch wohltätige Zuwendungen finanziert, sind jene Schulen gehalten, sparsam zu arbeiten, das heißt kollektiv und indem sie bei den Schülern selbst Stützen und Triebkräfte finden, die den Erziehungsvorgang befördern. Die Schulen von Jean Baptiste de la Salle überdauern, weil sie den Weg entdeckt haben, kollektive Erziehungsvorgänge zu mobilisieren; wohingegen die Schulen der Wohltätigkeit bei der individuellen Methode stehen bleiben und bald in Vergessenheit geraten.

Diese kollektive Methode eines verbundenen Erlernens des Lesens und Schreibens ist vielleicht nicht einmal effizienter als die individuelle Erziehung eines einzelnen Kinds. Aber sie erlaubt es, mit der gleichen Anzahl von Lehrkräften eine weit größere Zahl von Kindern zu unterrichten und, falls es gelingen sollte, genügend viele Lehrkräfte auszubilden, sogar die Möglichkeit ins Auge zu fassen, auf Grundlage dieses Modells alle Kinder zu beschulen. [31] Während die individuelle Methode auf Nachahmung beruht und von der Lehrkraft neben der Kenntnis dessen, was sie unterrichten will, keine weitere Ausbildung erfordert, verlangt die Methode der Brüder von den christlichen Schulen bzw. die «simultane Methode» das Erlernen der Kunst, sich den Gehorsam einer Gruppe zu sichern und dies innerhalb der Grenzen des mit der Erziehungsaufgabe zugewiesenen Handlungsspielraums zu tun. Die «Methode der Brüder von den christlichen Schulen» verlangt eine Ausbildung der Lehrkräfte, ein Korps der Lehrerschaft.

Die Schreibmeister und die Kleinschulen, die über vier Jahrhunderte hin einem gemächlichen Trott folgen konnten, fühlen sich von der in ihr Leben einbrechenden neuartigen Erziehungsmaschine bedroht. Sie versuchen, die Schulen von Paris verbieten zu lassen. Der Kantor Claude Joly kommt hier nicht zum Erfolg; der Ruf der Rechtschaffenheit, den die Pfarrgemeindeschulen sich erworben haben, zählt wenig bei der hochwohlgeborenen Richterschaft. Doch die Schreibmeister erringen einen Teilerfolg, und es kommt zur Beschlagnahmung des schulischen Mobiliars. Die Brüder von den christlichen Schulen dürfen ihren Unterricht nur fortführen, falls sie ihn strikt auf die Armen sowie auf Unterrichtsinhalte beschränken, die nicht das Risiko bergen, Armen zu ermöglichen, über den ihnen zugedachten zukünftigen Stand von Lehrlingen hinauszukommen. Einige Jahre darauf wird La Chalotais{!} zu Protokoll geben: «Die Brüder der christlichen Schulen lehren Leute das Lesen und Schreiben, die eigentlich nichts anderes zu lernen haben, als zu zeichnen sowie Hobel und Feile zu führen, was sie nun aber nicht mehr tun wollen… . Das Gemeinwohl verlangt, dass die Kenntnisse des Volkes nicht das für seine Tätigkeiten Notwendige übersteigen» (1763, Essai d’éducation nationale ou plan d’études pour la jeunesse, Aufsatz über nationale Erziehung oder Unterrichtsplan für die Jugend. Es werden von da an diese das Volk zu umfangreich unterrichtenden Brüder spöttisch mit dem Adjektiv «ignorantins» {ignorantinische} bezeichnet.
{!} 1701-1785; Louis-René de Caradeuc de La Chalotais, bretonischer Adeliger, Generalstaatsanwalt der Bretagne, Politiker

Doch die Moralerziehung der armen Kinder sowie die Söhne der Bedürftigen aus dem allgemeinen Spital in Lehre oder Arbeit zu bringen, sind eine für das aufkommende Bürgertum mehr als wichtige Angelegenheit. So dürfen die Brüder ihre Unterrichtstätigkeit fortsetzen, sie müssen allerdings ein Schülerverzeichnis führen, aus dem sich ablesen lässt, dass sie ausschließlich die Kinder der vom Hospiz beherbergten Armen unterrichten.

Es ist noch keine schulische Austauschmaschine verfügbar, die es erlauben würde, sich der Dienste der Brüder zu entledigen.

Die von religiösen Gemeinschaften für den Erwerb von Immobilien benötigten offiziellen Patentbriefe erhalten die Brüder im Jahr 1724 von einer königlichen Obergewalt, die sich hierzu genötigt sieht und keine andere Wahl hat. [32] Tatsächlich hatten die Brüder den Erwerb weiterer Immobilien nicht etwa eingestellt, sondern halblegal weiterbetrieben. Wären ihre Dienste nicht als so nützlich beurteilt worden, hätte der König anders entscheiden, ihr Eigentum einziehen und es den Hospizverwaltungen der betreffenden Städte überschreiben können. Ein Patentbrief wird unter anderem für das Haus Saint Yon in der Stadt Rouen ausgestellt. Jenes Dokument führt die neben anderen folgenden Beweggründe auf: «Wir wünschen, der Unwissenheit abzuhelfen, die in der genannten Stadt (Rouen) unter den Armen regiert, deren Kinder nicht in gewöhnliche Schulen gehen können und die deshalb ohne Disziplin und in Unkenntnis ihrer Religion in den Straßen der Stadt vagabundieren und umherirren.» Überdies macht jener Patentbrief die Einrichtung in Saint Yon zu einem Zwinghaus, in das der König einzelne Opfer seiner Haftbefehle überstellen kann. Zu guter Letzt enthebt der König die Brüder von der gewöhnlich auf Immobilienerwerb lastenden Steuerpflicht.

Die herrschende Gewalt springt auf den fahrenden Zug

Die königliche Machtgewalt ist sich der Gefahr bewusst, einer unabhängigen Körperschaft ein derartiges Instrument in die Hand zu geben, und trifft Vorbereitungen, es wieder an sich zu bringen. Doch dazu muss sie aus den vorhandenen Teilen erst ihre eigene Maschine bauen. Eine gleichfalls mit dem Jahr 1724 datierende königliche Bestimmung führt für die Eröffnung einer Schule der Wohltätigkeit eine von der Pfarrgemeinde aufzubringende Sondersteuer ein, doch ist die Pfarrgemeinde ein kirchliches Territorialgebiet. Abgesehen vielleicht vom Einzugsbereich des Intendanten, verfügt die Zentralgewalt noch nicht über eine eigene Gebietsordnung. Doch ist der Einzugsbereich des Intendanten wohl viel zu groß, zudem ist sein Handlungsrahmen auf Budget und Fiskalisches beschränkt. Der König hat gut reden, wenn es im Artikel 7 seiner Bestimmung heißt: «Wir wollen, dass unsere eigenen Bevollmächtigten wie auch die hohen Herren unserer Aufsicht sich allmonatlich von den Pfarrern, Vikaren und Schulmeistern Aufstellungen geben lassen… über die genaue Zahl der Kinder, die nicht zur Schule, zum Katechismusunterricht und zu den Unterweisungen gehen… um anschließend die erforderlichen Nachforschungen anzustellen»; zu einer solchen Politik fehlen dem König schlicht die Mittel.

Es haben die königlichen Intendanten also nun die neue Steuer zu erheben, die widerspenstigen Eltern zu verfolgen, zu beurteilen, ob die Städte ausreichend Mittel zur Bestallung einer Lehrkraft haben sowie Neubauten von mittels der neuen Steuereinnahmen finanzierbaren Schulen zu überwachen. [33] Die Intendanten sind in der Erfüllung all dieser ihrer Aufgaben kaum effektiv; der Unterrichtsbetrieb ist es noch weniger, da der Beruf des Schulregenten sehr schlecht besoldet und nur von denjenigen gewählt wird, die nichts Besseres finden können. Die Brüder haben als einzige eine systematische Lehrerausbildung, und trotz des Widerstands der königlichen Intendanten kommen sie gut voran; nur in Paris treten sie aufgrund von Opposition seitens des Parlaments auf der Stelle. Im Jahre 1750 sind sie in beinahe allen Städten von einiger Bedeutung zumindest überall da präsent, wo noch keine anderen Kongregationen vom gleichen Typus gegründet worden sind. Doch die von Jean Baptiste de la Salle festgesetzte Regel, keine Schule mit weniger als drei Lehrkräften zu eröffnen (wegen der wechselseitigen Überwachung; siehe weiter unten im Text), verwehrt ihnen das Abenteuer, aufs Land hinauszuziehen. Ausschließlich große Städte haben die Mittel, die Brüder unter Vertrag zu nehmen. Und mit der nach 1750 aufkommenden Wirtschaftskrise sind diese Verträge nicht mehr zu verlängern, was zu einer gewissen Stagnation führt.

Französische Revolution = Entschulung!

Ihren aufeinanderfolgenden großen Plänen für eine umfassende Beschulung zum Trotz ist die Revolution eine Zeit faktischer Entschulung. Dem ist so, weil die Aufgabenstellung von Schule eine andere wird. Es ist nun jedermann unter das Gesetz zu zwingen, unter die Gesetze, und folglich wird es unumgänglich, die Gesetzessprache zu kennen, das Französische. Zugleich aber fehlen dem an die Macht gelangenden Bürgertum noch die lokalen Institutionen, die den Gesetzen Geltung verschaffen könnten, auch fehlen administrative Messinstrumente, mittels derer gegebene Ist-Zustände erfasst und deren Abweichung von den mit einem Gesetz anvisierten Soll-Zuständen bestimmbar werden würden. Wird zum Beispiel im Erziehungsplan des Konvents für je 1000 Einwohner eine Schule festgesetzt, bedeutet dies faktisch die Abschaffung von drei Vierteln der ländlichen Pfarrgemeindeschulen. Keinesfalls haben die Revolutionäre genau dies beabsichtigt; obgleich sie durchaus mit weniger Schulen einverstanden wären, falls dies zugleich auch mehr jener Schulen bedeuten würde, die ihnen genehm sind: französische. Der erste vom Konvent betreffs Schulpflicht votierte Plan betrifft ausschließlich die Randgebiete Frankreichs bzw. die konterrevolutionären oder für konterrevolutionär gehaltenen Departements.

Zahlreiche Schulen schließen, da die Mitglieder der {religiösen} Kongregationen keinen Amtseid ablegen wollen. Die Versuche, einen neuartigen Grundschulunterricht zu organisieren, scheitern alle. [34] Unter der Reaktion während des Thermidor zählt eine jede der zwölf Pariser Stadtverwaltungsbezirksschulen höchstens noch zehn Schüler. Denn Städte können unmöglich Massen von Kindern sich selbst überlassen. Es muss auf die alten Institutionen zurückgegriffen werden; mit Erlass vom 16. Juni 1801 genehmigt die konsularische Regierung die Wiederaufnahme des Betriebs der Schulen der Wohltätigkeit und betraut die Büros der Wohlfahrt mit Lenkung und Verwaltung des Vermögens jener mildtätigen Stiftungen, die vordem kostenfrei unterrichtet sowie die Armen unterstützt hatten.

Imperiale Restauration

Der Generalrat der Hospize, dem die Wohlfahrtsbüros unterstehen, macht sich ans Werk. Im Bericht über die Verwaltung der zu Hause geleisteten Hilfen aus dem Jahr X (1802) heißt es:

Um sich hier angemessen und planvoll zu verhalten, ist der Arme in all seinen Lebenslagen zu betrachten, in der Kindheit, in seinen reifen Jahren, im Alter, als Gesunder, als Kranker usw. Als erstes und dringlichstes aller Bedürfnisse tritt bald die Erziehung hervor. Wird das Wort Erziehung in seiner eigentlichen Bedeutung genommen, steht es für alles, was zur Formung der Menschen und Staatsbürger beiträgt. Als erstes soll der Arme lesen, schreiben und rechnen können, anderenfalls wird er sich in der unheilvollsten Abhängigkeit befinden und ein Spitzbube sein müssen. Zweitens soll er von religiösen Ideen durchdrungen sein, weil dies die beste Weise ist, ihn die Vorstellungen von Moral und Ordnung erfassen zu lassen. Drittens soll er die Arbeit lieben; anderenfalls wäre er allen Lastern und Verbrechen ausgeliefert, die vom Müßiggang herrühren. Für den Armen braucht es daher Schulen, die ihm diese drei nicht voneinander zu trennenden Dinge beibringen; eben dies ist die ihm vorrangig zu leistende Hilfe.

Zum ersten Mal erscheint hier die Liebe zur Arbeit unter den Zielsetzungen von Schule. Jean Baptiste de la Salle hatte sich auf die zwei erstgenannten Zielsetzungen beschränkt.

Die Religion wechselt im übrigen gerade ihren Gegenstand, sie laizisiert sich, wie es der zeitgleich mit dem soeben zitierten Bericht verfasste Bericht über die dem Collège Sainte-Barbe angegliederte Grundschule zeigt:

«Der Unterricht hat zum Gegenstand erstens die Religion, und es hat jene Klasse hier besonderen Bedarf, um sie mit dem den Gesetzen zu zollenden Respekt vertraut zu machen und sie in der ihr zukommenden Unterordnung unter die Regierung zu halten… .» [35]

Ist da die Religion des Höchsten Wesens oder die katholische Religion gemeint? Die Religion beginnt, den profanen und vom jeweils verehrten Gott unabhängigen Sinn eines gesellschaftlichen Bindemittels anzunehmen.

Im Jahr 1804 haben sich 19 Pariser Schulen der Wohltätigkeit den hier weiter oben angegebenen drei Zielsetzungen verpflichtet, im Jahr 1813 beträgt ihre Zahl 50. Die Wohlfahrtsbüros ohne eine Schule der Wohltätigkeit in ihrem Stadtbezirk erhalten monatlich 25 Sous für jedes Kind, das zu einer Lehrkraft im Wohnviertel gegeben wird. Von 70.000 Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren finden 7000 im Jahr 1807 einen Platz in den Schulen der Wohltätigkeit… . Jedem Gesuch für eine Aufnahme in eine Schule muss eine vom Gesundheitsoffizier der Division ausgestellte Bescheinigung beiliegen. Ein Verwaltungsbediensteter des Wohlfahrtsbüros überzeugt sich daraufhin von der Mittellosigkeit der Eltern. Beim vierten unentschuldigten Fehlen innerhalb eines Monats wird das Kind von der Schülerliste gestrichen, und seine Eltern erhalten für
sechs Monate keine Unterstützung vom Hospiz mehr.

Erste Normalisationsversuche

Die Regierung der Restaurationszeit versucht von Beginn an, diese im wesentlichen in Paris vorfindliche Situation auf ganz Frankreich zu übertragen und sie für sämtliche Pariser Stadtviertel sogar uniform zu regeln. Eine Verordnung vom 2. Juli 1817 schafft in Paris zwölf Wohltätigkeitsbüros, eines je Stadtviertel. Ein ministerieller Erlass vom 19. Juli 1816 bestimmt für das gesamte Königreich:

Kein Bedürftiger soll Hilfen erhalten, wenn er seine Kinder nicht
zur Schule schickt.

Kurz darauf stellt die ministerielle Weisung vom 28. August 1816 weiter fest:

Häufig vernachlässigt der Arme die Erziehung seiner Kinder; sei es, dass er die Bedeutung von Erziehung nicht verspürt, oder sei es, dass er ganz und gar mit der Befriedigung materieller Bedürfnisse beschäftigt ist; immer vergisst der Arme, was er seinen Kindern schuldig ist, oder er setzt sie auf eine Weise ein, die ihnen keine Zeit für das Erlernen des Lesens und Schreibens lässt. Es obliegt den Beschützern der Armen, diesem Übel abzuhelfen. Indem die Büros den Vätern und Müttern im Bedarfsfalle beistehen und indem sie auch den Kindern beistehen, was die Eltern wiederum entlastet, erwerben die Büros von den Eltern das Recht, den schulischen Fleiß der Kinder einzufordern. [36]

Was unter dem Schutz der neuen pädagogischen Methoden, die dem ganzen das Aussehen einer Dienstleistung mitgeben, faktisch aufgerufen ist, ist ein allgegenwärtiges System zur Kontrolle der Armen. Dies belegt das im Jahr 1815 vom Abt Fraissinous, von Frédéric Cuvier und G. Cuvier am Ende eines Berichts über eine experimentelle mutuelle Schule (betreffs der Bedeutung des Begriffs mutuell siehe hier weiter unten im Text) redigierte Entwurf eines königlichen Weisungsschreibens:

Um unsere Völker an Ordnung zu gewöhnen… soll in jedem Kanton dem Bemühen der Präfekten anheimgestellt sein, ein kostenfreies {sic!} Wohltätigkeitskomitee zu bilden, das den Grundschulunterricht überwacht und fördert… . Das Komitee soll über die sittliche Ordnung, den religiösen Unterricht, über die Beachtung der Regeln und die Abstellung der Missbräuche wachen.

Die Schule muss über die Armen hinaus ausgeweitet werden

Die Bedürftigen in den Städten sind zahlreich aber nicht zahlreich genug, um die Bedarfe des Kapitalismus von 1830 zu decken. Im Jahr 1835 beispielsweise werden in Paris mit seinen 770.000 Einwohnern 9139 Familien als bedürftig geführt, was etwa fünf Prozent der Einwohnerschaft entspricht. Die Bedürftigen sind dank einer mit der landwirtschaftlichen Revolution verbesserten Nahrungsmittelversorgung zu einer Randerscheinung geworden. Es gilt als tatsächlich bedürftig, wer sich unterhalb der Subsistenzschwelle befindet. Diese Schwelle kann für den Arbeiter, den Proletarier, nun garantiert werden. Dies ist der Eintritt in ein
neues Zeitalter. In Frankreich verhungert niemand mehr, und niemand fällt mehr auf die «wohltätigen» Einrichtungen und Zwangsarbeit zurück. Das Zeitalter der «freien Arbeit» hat begonnen.

Da die Schule ihr Können bewiesen hat, die Kinder der aller untersten gesellschaftlichen Schicht in Arbeiter zu verwandeln, wird nun darangegangen, die Segnungen dieser großartigen Institution auf alle Kinder auszudehnen, denen zugedacht ist, zu Arbeitern zu werden; bei Ersteinstellungen wird nun kontrolliert, ob auch die Schule besucht worden ist. In Deutschland wird im Jahr 1819, in England im Jahr 1825 und in Frankreich im Jahr 1849 die Vorlage einer Schulbesuchs-bescheinigung für all jene Kinder verpflichtend, die arbeiten wollen.

Doch während die Kinder der Hospize überwiegend in den Städten und vor allem in den Großstädten zu finden sind, sind diejenigen, denen zugedacht ist, zukünftig in den Werkstätten und Fabriken zu arbeiten, vor allem auf dem Land zu Haus. [37] Es sind dies die Bauernkinder, denen mit der «landwirtschaftlichen Revolution» das Schicksal zuteil geworden ist, von ihren Eltern nicht mehr gebraucht zu werden. Zwei Kinder sind genug; ein Sohn, um dem Vater nachzufolgen, eine Tochter, um die Ehe mit dem Nachbarssohn einzugehen. Der restliche Nachwuchs ist Überschuss und wird davonziehen, wenn die Schule ihn nur erst einmal für das anbrechende industrielle und städtische, vom Klang des Geldes erfüllte Morgen in Form gebracht haben wird; noch ist die so sympathische und zauberische Flüssigkeit des Geldes auf dem Land unbekannt.

Das Hospiz kann als städtische Einrichtung nicht mehr länger die Verwaltung sein, welche die «éducation nouvelle», die neue Erziehung, kontrolliert. Ab Ende des 18. Jahrhunderts tritt die Vorstellung eines im gesamten Landesterritorium uniformen Schuldienstes zutage (verstanden als ein zu absolvierender Dienst, den das Kind als Keimform des später erwachsenen Staatsbürgers ganz so zu durchlaufen hat, wie der junge Erwachsene den Militärdienst). Doch es fehlen die lokalen Institutionen, um diese geniale Idee in die Tat umzusetzen.

Indem den Gemeinden die Finanzierung des Schulbetriebs (Unterrichtsräume und Lehrergehälter, mit allenfalls ein paar gesamtstaatlichen Centimes Zuschuss) auferlegt und die Lehrerausbildung dem Staat übertragen wird – und so zugleich das Korps der Lehrerschaft in Aufstellung geht – schafft das Gesetz Guizot aus dem Jahr 1833 nun, da die (von Jean Baptiste de la Salle bereits entwickelte) entsprechende pädagogische Voraussetzung besteht, auch die administrative Voraussetzung, der gesamten Einwohnerschaft Frankreichs den Grundschulunterricht überzustülpen. Hier als allererste im Visier: die zukünftigen Arbeiter. [39]

Fortsetzung folgt

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  1. Martin Bartonitz
    November 18, 2020 um 10:45 pm

    Du hast Besitzer, die Dich an den Eiern haben:

  2. November 18, 2020 um 10:53 pm

    .
    Die subjektiven Vorstellungen deines eigenen Geistes, das gefühlsbestimmte
    Denken, die Samen der Wurzeln allen Anhaftens, die Macht der Gewohnheit,
    alles psychische Leiden – all das ist leer, vergänglich, illusorisch, unwirklich.

    ~ Hanshan

    • No_NWO
      November 19, 2020 um 3:02 pm

      Themenfremder esodiotischer Schwachsinn des Trollo-Generals N.

  3. Axel
    November 19, 2020 um 10:29 am

    Ich muss das mal an dieser Stelle hinterlassen – auch wenn es nicht direkt zum Artikel passt:

    Die systematische Zerstörung der menschlichen Psyche David Icke

    • No_NWO
      November 20, 2020 um 12:43 am

      Ja, sehr gut! Echsenmenschen hin oder her, aber David Icke ist mal wieder ganz nah dran. Er vermag allerdings das enorme Ausmaß des ja bereits vor Corona virulent gewesenen und Corona erst ermöglichenden Rationalitätsverlusts der Gesellschaft nicht darzulegen. Dazu braucht es nicht die Psychologie eines Birman, sondern die von Erich Neumann: psychische Rekollektivierung ==> Rückfall in archaische Fühl-, Denk- und Handlungsweisen!

  4. Tula
    November 21, 2020 um 9:58 am

    Wie nehme ich ab während des Lockdowns? – Sadhguru

  5. November 21, 2020 um 11:45 am

    Martin: „Schule soll die Liebe zur Arbeit fördern“

    Nicht „die Liebe zur Arbeit“, sondern die Freude
    am Ausdruck ― auf die verschiedenste Weise.

    Die ehrenvolle Aufgabe der Schule und ihrer Fachkräfte ist es, die
    Anlagen, die Talente der Kinder und Jugendlichen zusammen mit ihnen
    zu entdecken und sie bei deren Entfaltung freundlich zu unterstützen.

    Sekundär müssen den jungen Menschen selbstverständlich
    auch alle erforderlichen Tools (Lesen, Schreiben, Rechnen usw.)
    nahegebracht werden, die sie für das Leben in der Gesellschaft
    oder an ferneren Orten für ihre Unternehmungen brauchen.

    Neben der Entfaltung des Körperlichen und Kognitiven
    sollte gleichwertig auch die Entdeckung des Inneren, der
    eigenen Mitte, der Stille angeboten und gefördert werden.

    • Martin Bartonitz
      November 21, 2020 um 11:53 am

      Jo, so sollte es sein …

  6. November 21, 2020 um 11:58 am

    Näheres dazu hier:
    https://nirmalo.wordpress.com/category/neue-schule/

    Herzlich willkommen!

    • No_NWO
      November 21, 2020 um 9:08 pm

      Deine notorisch abwegigen und konzentriert themenfernen Kommentare hier als Referenz genommen, werde ich auch nicht einen kleinen Zeh auf dein Portal setzen.

    • Karl-Heinz Giese
      November 22, 2020 um 12:20 am

      Für alle die nicht überall einen Verrat an ihrem festgelegten Weltbild fürchten müssen:

      Die Seite sollte unbedingt mal besucht werden. Das sind viele interessante und anregende Gedanken aus dem Bereich Philosophie und Gesellschaft zu finden.

  7. Tula
    November 22, 2020 um 2:23 pm

    Sadhguru – Dieser Gedanke muss in den Kopf jedes Menschen

  8. November 24, 2020 um 12:06 pm

    .
    Der Gedanke darf nicht von Außen in die Köpfe gebracht werden, das
    ist Indoktrination und eine Beleidigung der Weisheit des Einzelnen.

    Wenn Schule es aber nicht schafft, die Schüler zu befähigen, aus sich selbst
    heraus zu sehen, was im Clip gesagt wird, hat sie auf ganzer Linie versagt.

  9. Gerd Zimmermann
    November 24, 2020 um 2:43 pm

    Die Erde ist eine Interpretation, darum kann er nicht wissen, ebenso wie
    Wissenschaftler nicht wissen können dass das gesamte physikalische
    Universum eine Interpretation ist.

    Der Mensch kann diese Erde, Interpretation, nicht zerstören.
    Einen Spiegel kann man zerschlagen aber keine Interpretation.

  10. Gerd Zimmermann
    November 25, 2020 um 8:26 am

    @ hat sie auf ganzer Linie versagt.

    Das trifft nicht nur auf die Schule zu sondern auf jede Bildungseinrichtung der
    westlichen Welt.

    Es wird empirisches Wissen gepaukt. Wissen das durch Beobachtung im Aussen
    entstanden ist.
    Mit anderen Worten, man beobachtet ein Universum im Aussen.
    Interessant ist doch zu wissen wie ein Universum im Innern entsteht und
    nach draussen projiziert wird.

    Auf diesen Weg kommen wir den Zusammenhang zwischen Subjekt und
    Objekt schon etwas näher.
    Der Mensch kann auf diesen Weg das sowohl als auch erkennen.

    Es gibt ein Universum obwohl es eigentlich gar kein Universum gibt.

    Wer das erkennen will, muss alles erkennen wollen, dazu gehört wahrscheinlich
    ein wenig Mut, den ich in meiner Umwelt nicht erkennen kann.

    Angst kann ich erkennen, seit Corona vielfach potenzierte Angst.

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