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Die Aufstellung der Armee der Arbeit

Der folgende Text setzt die beiden ersten Artikel zur Schrift „l’ensaignement – 1. l’école primaire (1. Grundschule)“ der Französin Anne Querrien fort, in der sie beschreibt, wie in ihr die Sicht auf die Schule als Maschinerie zur Formierung gehorsamer Arbeiter reifte (siehe), und wie die Sicht der gesellschaftlichen Führungsschicht auf den ärmsten, den bildungsfernsten Teil der Bevölkerung im 19. Jahrhundert ausfiel (siehe). Der folgende Teil beschreibt sehr erhellend die Genese zur allgemeinen Schulpflicht in Frankreich:

Die Aufstellung der Armee der Arbeit

Anne Querrien

Im Jahr 1816 ist die kollektive Zusammenführung der Kinder zum Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens eine pädagogische Methode, welche zunächst an Hilfebedürftigen und Waisen den – zweifellos an potentiell allen Kindern wiederholbaren – Beweis angetreten hat, Kinder zu guten Arbeitern machen zu können; in der Pädagogik ist diese Methode bereits die Regel, in der Realität ist sie dies noch nicht; die meisten Landschulen werkeln mit nicht mehr als Bordwerkzeug. Ihre Lehrkräfte sind nicht ausgebildet und häufig Männer, die sich nicht für andere Tätigkeiten eignen. Landschullehrer werden so schlecht bezahlt, dass dieser Beruf damals die letzte Wahl war und meistenfalls eher kurzzeitig ausgeübt wurde.

Die Industriellen und Spitzenbeamten, die zwei neu entstandenen gesellschaftlichen Schichten, setzen sich an die Spitze der Bewegung für eine Beschulung der Kinder und gründen im Jahr 1815 die Société pour l’Amélioration de l’Instruction élémentaire, die Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts. Diese kämpft für die Anwendung einer pädagogischen Methode, die sich schon seit 20 Jahren in einigen Grundschulen Englands bewährt hat; es ist dies die mutuelle Methode, die in Frankreich bis dahin allerdings ausschließlich im enseignement supérieur, im Hochschulbereich, zum Einsatz gekommen ist, insbesondere an der in diesem Bereich führenden, im Jahr 1747 gegründeten Ecole nationale des Ponts et Chaussées, an der Nationalen Schule der Verwaltung für Straßen und Brückenbau.

Die mutuelle Methode ähnelt der von Jean Baptiste de la Salle, da sie gleichfalls auf kollektive Organisation des Lernens der Kinder setzt. Doch im Vergleich mit der Methode der Brüder besitzt sie zahlreiche Vorzüge. [40] Für die Industriellen und Spitzenbeamten ausschlaggebend sind die folgenden:

  • Sie ist deutlich schneller als die von De la Salle; anstelle von fünf oder sechs Jahren braucht ein Kind für das Erlernen des Lesens und Schreibens lediglich zwei Jahre;
  • sie ist deutlich wirtschaftlicher; neben der Zeitersparnis erlaubt sie einer einzelnen Lehrkraft, eine praktisch unendliche Zahl an Kindern zu unterrichten, was seine Grenzen erst in der bautechnisch gegebenen maximalen Aufnahmegröße von Sälen findet, die damals bei etwa 500 Kindern lag.

Die mutuelle Methode sieht keine direkt unterrichtende Lehrkraft vor, da lediglich Gruppen von jeweils 10 Kindern, die sich selbst Unterricht geben, zu beaufsichtigen sind und diesen Gruppen anzugeben ist, wann sie zur nächsten Unterrichtseinheit überzugehen haben. Mit der Methode der Brüder können einzelne Lehrkräfte maximal 50 Kinder unter sich haben, zudem wird die Zeitspanne, in der ein Kind aktiv ist, lächerlich kurz. Wie viele Kinder auch in einer mutuellen Schule versammelt sind, lernt ein Kind dort fünfmal so lange aktiv, wie es dies in einer Klasse der Brüder mit 50 Kindern tun würde. Die Zeit aktiven Lernens wird erst gleich lang, wenn
eine Klasse der Brüder aus lediglich 10 Kindern bestehen würde. Die Schnelligkeit der mutuellen Methode lässt sich mit diesem Vergleich gut erfassen.

Die mutuelle Methode eignet sich für große wie für kleine Kindergruppen, selbst für solche mit weniger als 10 Kindern. Die Schülergesamtzahl einer Klasse ist für ihre Anwendung unerheblich, was die Methode in Großstädten wie in kleinen Dörfern und Weilern einsetzbar sein lässt. Übrigens ist jene Methode aktuell vor sehr kurzer Zeit erfolgreich von Bauernkindern genutzt worden; die sieben «Kinder von Barbiana», die von den kommunalen Schulen abgewiesen worden waren, haben ihre Schulabschlusszeugnisse daraufhin in dem kleinen italienischen Bergweiler Barbiana unter Anleitung eines Priesters erlangt (siehe: Lettre à une maîtresse d’école, Brief an eine Schullehrerin, von den Kindern von Barbiana, Verlag: Editions Mercure de France).

Jean Baptiste de la Salle hat seinen Lehrbrüdern zur Regel gemacht, eine Schule immer mindestens zu dritt zu betreiben. Dann lässt sich dem dritten im Bunde, dem Bruder Direktor, heimlich Bericht erstatten, und es muss nicht offen miteinander gestritten werden. Diese Regel hat die Lehrbruderschaft zugleich genötigt, die Ausbreitung ihrer Institution auf die Städte zu beschränken. [41] Von daher steht sie gewissermaßen nicht auf der Höhe der nun ins Auge gefaßten Zielsetzung, Bauernkinder zur Arbeit zu erziehen. Doch an die Stadt gebunden ist lediglich die Gemeinschaft der Brüder der christlichen Schulen, nicht deren pädagogische Methode. Werden laizistische Lehrkräfte auf diese Methode hin ausgebildet und finden sich eine oder mehrere Persönlichkeiten, um diese Lehrkräfte vor Ort so zu überwachen, wie es die Brüder unter sich tun, wäre die Methode der Brüder für die Beschulung des ländlichen Bereichs eben so gut einsetzbar wie die mutuelle Methode.

Von beiden Methoden lässt sich sagen: «Die Methode ist eine solche, dass sie der Unwissenheit keine Auswege lässt. Werden die Kinder in die Manufakturen aufgenommen allein, wenn sie die Abendschule besuchen, werden sie dies tun.» (Bulletin der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Journal d’éducation, Erziehungsjournal,
erstes Trimester 1817)

Warum möchten die Industriellen die Kinder zumindest am Abend in der Schule haben? Weil am Abend die Arbeiterversammlungen stattfinden, in denen Revolten und Streiks vorbereitet werden; dem sollen die Kinder durch den abendlichen Schulbesuch ferngehalten werden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts liegt die ostfranzösische Unternehmerschaft am weitesten vorn im Land und fördert Einrichtungen, die ihr, wie auch die Schule, alle zu einem friedfertigen und gesunden Proletariat verhelfen sollen. Die Schule für die Kinder, für die Erwachsenen der von einem Garten umgebene Pavillon in der Arbeiterstadt. Wie der folgende Text aus dem Jahr 1850 zeigt, kämpft Villermé, großer Streiter für den Schulbesuch der Kinder, zugleich für die Arbeiterstadt:

«Der Bürgermeister der Stadt Mulhouse hat für 36 zu seinen Bauwerkstätten gehörende Haushaltsvorstände Wohnungen errichten lassen, für die nur die Hälfte der üblichen Miete zu zahlen ist und deren jede über zwei Wohnräume, eine kleine Küche, einen Vorratsraum und einen Keller verfügt. In den Mietkosten enthalten ist außerdem ein der Wohnung angegliederter Garten, in dem sich das haushaltsnotwendige Gemüse ziehen lässt und der den Arbeiter überdies daran gewöhnen soll,
dort jene Zeit zu verbringen, die er anderenfalls im Kabarett säße. Um jedoch in den Genuss dieser Vorteile zu gelangen, muss er den Garten mit seinen eigenen Händen bestellen, seine Kinder zur Schule schicken, darf keine Schulden irgendwelcher Art aufnehmen, muss bei der Sparkasse ein Konto anlegen und jede Woche 15 Centimes in die Betriebskrankenkasse einzahlen. [42] Letzteres berechtigt ihn im Krankheitsfall zum Empfang von täglich 30 Sous, zu Arztbesuchen und zum Erhalt von Heilmitteln.»

Die Pflichtschule für die zukünftigen Arbeiter

Zur damaligen Zeit fordert die Arbeiterbewegung mehr noch als die Beschulung der Kinder deren Nichtarbeit. Die Beweggründe für diese Forderung sind nicht allein humanitärer Art; die neuartigen Maschinen, die geringer qualifiziertes Bedienpersonal erfordern, sollen die höher zu entlohnenden Erwachsenen nicht um ihre Beschäftigung bringen. Dennoch zieht die Unternehmerschaft die Arbeitslosigkeit von Kindern der von Erwachsenen vor; dies tut sie, weil sie mit der Schule über eine Maschine verfügt, die den Wert der Arbeitskraft steigert und zudem unter Bedingungen konzipiert wurde – Experimentieren mit den Kindern von Bedürftigen in den vorherigen Jahrhunderten – welche diese Maschine
für Kinder besser als für Erwachsene geeignet sein lässt.

Es sind die in Fabriken arbeitenden Kinder die ersten, für die der Schulbesuch Pflicht wird. Ein erstes Gesetz aus dem Jahr 1841 greift nicht. Es richtet sich nur an Werkstätten mit mehr als 20 Beschäftigten und sieht keine Strafen für Unternehmer vor, die nicht-beschulte Kinder nicht länger als zwei Stunden täglich arbeiten lassen. Jenes Gesetz geht auf die Initiative einzelner dynamischer Unternehmen zurück, die es bereits vor seinem Inkrafttreten beachtet hatten und nicht länger zusehen wollten, wie eine kindliche Arbeitskraft, der mit der Arbeitszeit selbstverständlich auch der Lohn gekürzt worden war, zu Konkurrenzunternehmen hin abwanderte.

Voraussicht ist gefragt: Die kindliche Arbeitskraft übermäßig auszubeuten, ist wenig vorteilhaft, da dies das Kind innerhalb sehr kurzer Zeit unbrauchbar macht. In dieser überaus simplen Überlegung erschöpft sich das auf das Jahr 1842 datierteTableau physique et moral sur la condition des ouvriers du textile de Villermé, deutsch: Aufstellung über den physischen und moralischen Zustand der Textilarbeiterschaft von Villermé. Mit Blick auf ihre Arbeitsbereitschaft und -fähigkeit ist eine zu junge Arbeitskraft undiszipliniert, nicht an gleichmäßige Leistungserbringung gewöhnt und würde die Unternehmen zu relativer technologischer Stagnation verurteilen. [43] Die Maschinen verlangen immer mehr nach Disziplin und immer weniger nach Geschicklichkeit, zudem machen sie häufig das Lesen von Arbeitsanweisungen erforderlich. Zudem erfordert die zu jener Zeit aufkommende Arbeitsergebniskontrolle, die geleistete Arbeit zu dokumentieren und deshalb auch schreiben und rechnen zu können.

Branche und Alter entscheiden, welcher der beiden Optionen
die Industrien zuneigen:

  • Profit ziehen aus einer vergleichsweise qualifizierten Arbeit, die der Ethik des vorindustriellen Handwerks nahesteht;
  • Profit ziehen aus großen Manövriermassen mit deutlich geringeren Kenntnissen, aus Infanteristen der Arbeit, die von einer noch zu konstituierenden Zwischenschicht dirigiert werden müssen, von den Vorarbeitern, welche auszubilden ein erstmals berufsorientierter Unterricht zu sorgen beginnt (siehe: Claude Grignon, L’ordre des choses, Die Ordnung der Dinge, Verlag: Editions de Minuit).

Allerwegs muss das Kind geschützt werden, entwickelt und gestärkt, es ist der Brunnen, aus dem geschöpft werden können muss: «Wird die materielle Lage der Kinder verbessert, wächst die Disziplin, verbessert sich das Arbeitsergebnis, die Sitten werden weniger rauh und die Bevölkerung entwickelt materiellen und moralischen Wohlstand.» Von diesem Vorbringen des Direktors der Kristallwerke von Baccarat berichtet Jules Simon{!} im Jahr 1867 in L’ouvrier de huit ans, Der Arbeiter von acht Jahren. Tenor der Schlussbetrachtung dieser Schrift ist, die Schule möge Frankreich die «ruhmreiche und mächtige Armee der Arbeit» schenken.
{!} 1814-1896; Philosoph und Staatsmann; von 1870-73 Bildungsminister; von 1876-77 Innenminister

Jene Armee der Arbeit ist nicht als von der Armee als solcher getrennt zu sehen. Jules Simon, zukünftiger Bildungsminister der Dritten Republik, schlägt in oben genannter Schrift vor, es solle in der Schule militärische Ertüchtigung geben, da die Erfahrungen in England ein besseres Ergebnis beweisen würden: «Herr Edwin Chadwick hat kürzlich in London eine außergewöhnliche Denkschrift über den Nutzen von Exerzierunterricht veröffentlicht, der eher Schulkindern gegeben werden solle als in den Werkstätten unabkömmlichen erwachsenen Männern. Die von den Kindern aufs Exerzieren verwandten Stunden kosteten die Industrie nichts, auch nicht die Familien und die Kinder selbst, für die es angenehm, stärkend und erholsam sei. [44] Nicht allein würden die Werkstätten durch diese Maßnahme den Verlust einer großen Zahl von Arbeitstagen vermeiden, sondern es würden die Kräfte des zukünftigen Arbeiters gestärkt, denkt Herr Chadwick, und drei an militärische Gymnastik gewöhnte Kinder könnten später die Arbeit von fünf Arbeitern leisten. Die Kosten seien übrigens minimal, da sie für 130 Kinder bei denen für einen Erwachsenen lägen» (Jules Simon, L’ouvrier de huit ans).

«Das große Geheimnis der militärischen Kraft eines Volkes liegt in der Verbesserung seiner Rasse» (Jules Simon, ebenda). Nach der Niederlage von 1870 wird dies augenfällig. In Preußen gibt es die Schulpflicht seit dem Jahr 1819 und die Militärdienstpflicht seit dem Jahr 1833. In Frankreich hingegen lässt man die Kinder umstandslos in den Werkstätten verkümmern, und wie sich mit der Pariser Kommune erwiesen hatte, waren die Zentren gefährlicher revolutionärer Gärung die Werkstätten gewesen. Es ist nicht länger angezeigt, die Erziehung der Fabrikkinder dem guten Willen der Industriellen anheimzustellen; vielmehr muss Erziehung zur Pflicht werden, zu einer realen Pflicht, und sie muss militärisches
Exerzieren umfassen. Die Versuche der neuen (Dritten) Republik, die militärische Ertüchtigung in die Schulen zu bringen, scheitern allesamt. Doch haben sie den französischen Gymnastikunterricht deutlich prägen können.

Ein mit dem 19. Mai 1874 in Kraft tretendes neues Gesetz bestimmt, dass jedes Kind, das täglich länger als sechs Stunden zur Arbeit zugelassen zu werden wünscht und das 15. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, einen Grundschulabschluss vorzuweisen hat. Kinder vor Vollendung des 12. Lebensjahrs dürfen eingestellt werden nur, wenn sie täglich für mindestens zwei Stunden in der Schule sind. Dem Unternehmer ist eine von der Schule ausgestellte Anwesenheitsbescheinigung vorzulegen. Ein vom Familienoberhaupt zu führendes Familienbuch muss für jedes Kind die Schulbesuchszeiten festhalten.

Die Präfekten {Chefs der kommunalen Verwaltung} haben die Befolgung des Gesetzes zu überwachen. Ein im Jahr 1876 in dieser Angelegenheit vom Präfekten von Paris an die Bürgermeister gegebener Fragebogen lässt keinen Zweifel mehr, woher die Forderung nach Beschulung der Kinder kommt. «Die Schwierigkeiten gehen weniger auf die Unternehmerschaft als vielmehr auf die Eltern zurück… . Es sind die uneinsichtigen Eltern, auf die eingewirkt werden muss,» so der Bürgermeister des sechsten Pariser
Stadtbezirks.

«Die Familien haben die bedauernswerte Angewohnheit, uns hastig die kaum den Kinderschuhen entwachsenen Kinder wegzunehmen, um sie in die Werkstätten zu stecken, in denen sie nichts als schlechte Eindrücke sammeln können,»

weiß der Bürgermeister des 20. Stadtbezirks von Paris. [45]

Der Bürgermeister von Saint-Denis, selbst ein Industrieller, setzt all dem die Krone auf, wenn er mit Blick auf die Arbeiterversammlungen in den Fabriken fordert, «die jugendlichen Kinder von deren verderblichem Einfluss und dem häufig schädigenden Kontakt zu diesen fernzuhalten» und die «Familienväter zu verpflichten, die Kinder nicht umherstreunen zu lassen.»

Die feste Gewohnheit, die Kinder während der einen Hälfte des Tages arbeiten und sie während der anderen Hälfte in die Schule gehen zu lassen, ist übrigens nicht unproblematisch…

  • …oder auch sie nehmen an Erwachsenenkursen teil und finden sich dort unter Männern jeden Alters wieder, was erneut die Gefahr birgt, dass sie sich an öffentlichen Versammlungen beteiligen, von eben denen sie fernzuhalten, doch das sich von der Schule selbst gesetzte Ziel war, zumal sehr viele Erwachsenenkurse von Anhängern der gefährlichen mutuellen Methode (siehe weiter unten im Text) angeboten werden. Im 20. Stadtbezirk von Paris beispielsweise sind von den 625 für Erwachsenenkurse eingeschriebenen Teilnehmern 254 tatsächlich anwesend, und das Alter der Teilnehmer liegt zwischen 7 und 47 Jahren: ein Schüler ist 7 Jahre alt; 2 sind 8; 7 sind 9; 16 sind 10; 33 sind 11; 48 sind 12; 31 sind 13; 27 sind 14; 33 sind 15; 18 sind 16; 12 sind 17; 11 sind 18; 4 sind 19; 5 sind 20; einer ist 21; einer ist 24; einer ist 30; einer ist 33 und einer ist 47 Jahre alt.
  • …oder auch besuchen sie während einiger Tagesstunden die kommunale Schule des Stadtviertels; in ihrer Reife liegt die Gefahr, den anderen Kindern unschöne Horizonte zu eröffnen. «Ich bin insbesondere gegen eine Zulassung von Fabrikkindern in den kommunalen Tagesschulen… . Dies Gemisch von Kindern hätte mit Blick auf die guten Sitten und auf gute Vorbilder sehr ärgerliche Folgen,» sagt der Bürgermeister von Saint-Denis, ein Industrieller, und er fordert, «ein generelles Verbot von Kinderarbeit in den Fabriken wie auch gesetzliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Umherstreunens der Kinder sowie zur Erzwingung des Schulbesuchs.»
  • …oder auch es eröffnen die Unternehmer Halbtagsschulen. Doch viel zu häufig lässt das dortige Lehrpersonal zu wünschen übrig. Marx hebt mit mehreren Anmerkungen in «Das Kapital» den in England zuzeiten gegebenen Umstand hervor, dass Fabriklehrer meistens ehemalige Vorarbeiter oder Militärangehörige im Ruhestand und selbst Analphabeten waren, wie es die Kreuze bezeugen, welche die Schulzeugnisse anstelle einer Unterschrift zieren. [46] Fabrikschulen sind vor allem Verwahreinrichtungen und nur an hinterer Stelle Orte, an denen tatsächlich gelernt wird. Ihr Zweck, die Kinder an einer Teilnahme an den Arbeiterversammlungen zu hindern, ist nur allzu offensichtlich und führt zur Revolte in Form von Schuleschwänzen.

Die eine Schule für alle Kinder könnte um so mehr die Lösung für diese Probleme sein, als über kurz oder lang allen der eine Stand des Fabrikarbeiters, des Büroangestellten oder des städtischen Bediensteten zugedacht ist.

Die urbane Domestizierung

Die Kampagne für ein nationales Erziehungswesen, für eine allgemeine Verbreitung der Schule als Maschine gesellschaftlicher Unterwerfung, hat bereits vor der Revolution begonnen. Es muss «allen Euren Untertanen ein Unterricht zuteil kommen, der ihnen greifbar vor Augen führt: die Obliegenheiten, welche sie gegenüber der Gesellschaft und gegenüber Eurer sie beschützenden Macht haben; ihre sich aus diesen Obliegenheiten ergebenden Pflichten wie auch das Interesse, diesen Pflichten zum allgemeinen wie auch zum eigenen Wohl nachkommen zu wollen» (Turgot 1727-1781; Jurist, Nationalökonom und Finanzminister aus reicher
Familie des Bürgertums Plan d’éducation, Erziehungsplan, 1761). Doch die einzige tatsächlich vorhandene kollektive und daher die gewünschte allgemeine Verbreitung von Schule ermöglichende Erziehungstechnologie ist jene der Frères de la Doctrine chrétienne, der Brüder von der christlichen Lehrdoktrin. Sie erscheint jedoch als viel zu eng an die religiöse Natur der Gemeinschaft der Brüder gebunden, um passend sein zu können. Der Gehorsam, den die Brüder den Kindern eingeben, ist der gegenüber den Vertretern der Kirche. Aber von nun an geht es um Gehorsam gegenüber den Vertretern des Königs bzw. des Staats.

«Die Kinder des Staats sollen niemand anderem als den Gliedern
des Staats unterstellt sein.» (La Chalotais, 1764)

Doch noch hat der Staat kaum materiellen Gehalt. Unter dem Begriff Staat werden die Désirs und Interessen des Justizmagistrats verstanden, der höheren und vor allem in Paris und in einigen Großstädten der Provinz mächtigen Vertreter der Rechtsprechung. Im Bereich Erziehung sind deren Interessen klar: Dem Volk dessen Pflichten zur Kenntnis bringen, insbesondere die Pflicht, die Justizmagistrate bei deren Machtausübung zu unterstützen, ohne zu erwarten, als Gegenleistung auch nur den geringsten Zugang zur Macht zu erhalten, und dies nicht einmal für eine Minderheit des Volks. [47] Was die Justizmagistrate mit Blick auf die bei den «ignorantinischen Brüdern» bisweilen durchbrechende Lehrleidenschaft fürchten, spricht La Chalotais im Jahr 1764 aus:

«Sie beschäftigen sich mehr damit, einer Minderheit von Armen zu erlauben, sich auf das höchstmögliche zu erheben, als die Massen zu lehren, auf ihrem Platz zu bleiben.»

Anstatt letzteres zu tun, wird ein Kind, das durch die Schule der Brüder gegangen ist, vielmehr weiter lernen und sich selbst unterrichten wollen – es will nicht länger Jungmatrose, Landarbeiter oder Lehrling sein.

Die zur Zeit der Restauration in Stellung gehende Schulemaschine gibt der Sorge um die Beschränkung der grundschulischen Erziehung weiten Raum.

«Die Unterweisung umfasst jene Kenntnisse, die von einem jeden Individuum notwendigerweise zu erwerben sind…, um die Schuld, die es von seiner Geburt an dem Staat gegenüber hat, begleichen zu können.»

An Größe sei diese Schuld der Höhe der durch Geburt bestimmten gesellschaftlichen Stellung proportional, und es müsse ein höhergestelltes Individuum entsprechend mehr lernen, erklärt Ambroise Rendu{!} im Jahr 1819 in seinem Essai sur l’instruction publique et particulièrement sur l’instruction primaire, Aufsatz über die öffentliche und insbesondere die grundschulische Unterweisung, welcher nachweisen will, dass die Methode der Brüder von den christlichen Schulen das «Prinzip und Modell» für die
mutuelle Unterrichtsmethode liefern würde.
{!} 1778-1860; Autor; viele Jahre Generalinspektor der Pariser Universität; von 1808-1850 Beamter des Bildungsministeriums

Staat ist, konkret genommen, Justiz und Verwaltung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist das Französische ausschließlich die «Sprache der Justiz» sowie der ihr angegliederten Berufszweige; im ländlichen Bereich wird es nicht gesprochen. Es ist das Französische allerdings die Sprache der Schule. Das Erlernen des Alphabets, des Lesens und Schreibens, bedeutet zur damaligen Zeit, zuallererst französisch sprechen zu lernen (siehe: M. Matter, Studiengeneralinspektor, L’instituteur primaire ou Conseils et directions pour préparer les instituteurs primaires à leur carrière et les diriger dans l’exercice de leurs fonctions, Der Grundschullehrer oder Ratschläge und Anweisungen zur Vorbereitung der Grundschullehrer auf ihre Laufbahn sowie zu ihrer Lenkung in der Ausübung ihrer Aufgaben, zweite Ausgabe, Verlag: Hachette, 1843). «Wir erwarten, dass jede Person, die auf uns zukommt, zu lesen und zu schreiben weiß, dies angefangen bei den häuslichen Bediensteten. Es müssen ihnen die Mittel gegeben werden, dies zu erlernen» (Außenminister Pasquier im Jahr 1821 im Verlauf der Rechenschaftsdebatte der Abgeordnetenkammer bezüglich einer Subvention von 50.000 Franc für die Entwicklung des Grundschulunterrichts). [48]

Im Jahr 1831 ist den zur Untersuchung des Zustands des Grundschulunterrichts von Guizot ins Ländliche ausgesandten Inspektoren ihre Aufgabe klar: urbane Domestizierung des Schuldienstes, die Landschulen auf Stadtschullinie bringen. Den Widerstand der ländlichen Notablen gegen eine Finanzierung dieses Dienstes erklären sie so:

«In mehreren Kantonskommunen verhindern das Fehlen von Industrie sowie die zahlreich und auf rauhe Art in einer herkömmlichen Landwirtschaft eingesetzten Hofbediensteten, die Bedeutung des Grundschulunterrichts anzuerkennen; überdies sind die Schulwege ausgesprochen lang, sie verlaufen von weit versprengt liegenden Höfen aus durch Wälder, über schlechte Wege oder über Wasserläufe, von denen die Wege überschwemmt worden sind. Es ist schwierig, einigen Ratsmitgliedern die Idee auszureden, sie würden nicht den Unterricht finanzieren, sondern denjenigen, der ihn erteilt, und zusätzlich auch noch diejenigen, welche ihn erhalten sollen. Vergeblich erklärt man ihnen, sie würden durch Unterricht bessere Hofbedienstete bekommen, aus denen sie mehr Profit ziehen könnten… . Sie befürchten, es würden auf ihre Kosten Hofbedienstete gemacht, die eher für Indienstnahme durch das Bürgertum geeignet seien, ganz als ob das Bürgertum nichts zur Mehrung der Aufgeklärtheit der armen Klassen beitragen würde.»

Bericht an den Bildungsminister über den Grundschulunterricht im Ain, aus dem Jahr 1831. Der Berichterstattende ist selbst Angehöriger des Bürgertums und sitzt dem Kolleg des Hauptorts des Departments vor.

Folgt man den von Jules Simon zusammengetragenen und im Jahr 1867 in l’Ouvrier de huit ans veröffentlichten Statistiken, kehren von den 36000 vom Ländlichen herkommenden Wehrpflichtigen nur 9000 wieder auf die Scholle zurück. Der Dienst als Wehrpflichtiger und der zuvor geleistete Dienst als Schüler sind aufgrund der dort in den Körper eines jeden einzelnen eingepflanzten Gewöhnung an kollektives Leben, Sichbewegen und vor allem Gehorchen ganz wunderbare Maschinen, um zu urbanisieren bzw. in Lohnarbeit oder häuslichen Dienst zu bringen.

Nach der Zeit der Revolution hält man sich nicht mehr mit Armenunterricht auf. Die neu hervorgekommene Macht findet mit der Schule die Maschine zur Unterwerfung der Allgemeinheit unter ihr Gesetz, in den Arbeiterstand. Im Jahr 1836 verlangt Baron de Gérando, einer der Gründer der im Jahr 1815 entstandenen Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, in seiner Abhandlung «Über die öffentliche Wohltätigkeit» den gleichen Unterricht für alle. «Mit Blick auf ausschließlich elementaren Unterricht erteilende Schulen wäre jegliche auf Wohlstand oder Bedürftigkeit der Familien gegründete Unterscheidung ungerecht und unheilvoll. Ungerecht wäre sie, da Grundschulunterricht für die Kinder bedürftiger Familien nicht weniger notwendig ist als für die Kinder all der anderen arbeitenden Klassen; im Grunde sind sie alle zum gleichen hin berufen. [49] Das Ziel der Erziehung der ersteren ist präzis, die Linie, die sie von den zweiteren trennt, verschwinden zu lassen, indem sie befähigt werden, ihnen zum Verwechseln ähnlich zu sein.» Ein schönes Beispiel für einen ideologischen Text, der hier, wie so oft, auf die gleiche Weise gelesen werden muss, wie ein Handschuh umgewendet wird: Der Vorschlag lautet, alle Kinder sollten den gleichen Grundschulunterricht erhalten wie die Kinder aus den bedürftigen Familien.

Die Grundschule wurde geschaffen, um die gesellschaftlichen Ungleichheiten zu erhalten, einen jeden an seinem Platz zu halten; und sie tut dies unter dem Zeichen des Versagens und der Schuld: «Wer Unterricht hatte, ist auf sich allein gestellt. Bleibt jemand unten, mangelt es ihm an Selbstvertrauen oder Intelligenz. Das ist dann die Schuld eines jeden einzelnen, die Gesellschaft ist aller Verantwortung enthoben,» erläutert Jules Simon in einer im Jahr 1873 in der «Demokratischen Bibliothek» publizierten und mit «Der kostenfreie Pflichtunterricht» betitelten kleinen Propagandaschrift.

Indem sie sich nach und nach über das gesamte Landesterritorium verbreitet und währenddessen immer gezielter Jagd auf Schulverweigerer macht, ist die Schule im Jahr 1880 eine wohlabgestufte Einberufungsmaschine geworden, die befehligt wird wie eine wirkliche Armee, wie die «Armee der Arbeit», von der Jules Simon spricht. Im Jahr 1880 stellt die Schule ein weitläufiges Ensemble von Einrichtungen dar, das sich bis zum 20. Lebensjahr hin erstrecken kann: école maternelle {vergleichbar der aktuellen deutschen Vorschule}; école primaire élémentaire {vergleichbar der aktuellen deutschen Grundschule}; cours complémentaires, Ergänzungskurse; écoles primaires supérieures {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule}. Es ist dies Ensemble vollkommen getrennt von den Erziehungseinrichtungen für die Kinder aus dem Bürgertum. Es gibt zwei gut gegeneinander abgedichtete Schulnetze, die sich bis heute hin weitgehend unverändert erhalten haben (siehe: Christian Baudelot und Roger Establet, l’Ecole capitaliste en France, Die kapitalistische Schule in Frankreich, Verlag: Maspéro, 1872 {sic!}).

Aber anders als heute waren es unter der Dritten Republik die Absolventen der degrés supérieurs de l’enseignement primaire, der höheren Grade des Grundschulunterrichts {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule}, die mit der Eigenreproduktion (Lehrkräfte) der unteren Grade {Grundschule} und mit der gesellschaftlichen Eingliederung der Hervorbringsel der degrés inférieurs de l’enseignement primaire, der unteren Grade des Primärschulunterrichts {Grundschule} betraut waren; zum Angestellten oder Vorarbeiter wurde damals in der école primaire supérieure {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule} ausgebildet. Heute geschieht dies im enseignement secondaire long {vergleichbar der aktuellen deutschen Sekundarstufe II}, welche die Ausbildung der Hervorbringsel des enseignement primaire {vergleichbar der aktuellen deutschen Hauptschule} sowie des enseignement secondaire court {vergleichbar der aktuellen deutschen Sekundarstufe I} sicherstellt.

Das Schulpflichtgesetz von 1882 stellt dies imposante Bauwerk fertig. Nun ist das Staatsgebiet vollständig vom schulischen Netz überzogen, welches niemandem mehr eine Lücke zum Durchschlüpfen lässt. [50] Entkommen kann lediglich ein ausgewiesener Unruhestifter, ein Delinquent, wie es damals hieß – und tatsächlich bezeichnete der Begriff Delinquent ursprünglich das schulisch abwesende bzw. die Schule unregelmäßig besuchende Kind.

Zu Beginn der Dritten Republik dient Schule noch ihrer anfänglichen Berufung, Randständige auf Linie zu bringen, die Kinder der Armen. In seiner weiter oben angegebenen Broschüre schreibt Jules Simon:

«Diejenigen, die dem Vater Fahrlässigkeit und dem Kind Unwissenheit erlauben, sind die einzigen wirklichen Feinde der gesellschaftlichen Ordnung. Dies sagt mir zumindest meine Vernunft. Das Prinzip des Pflichtunterrichts betrachte ich als das von allen Prinzipien am meisten konservative. Wenn ich mir selbst treu bleiben wollte, müsste ich sogar vertreten, arme Kinder für den Schulbesuch zu bezahlen oder sie zumindest zu beköstigen. Der Staat wendet Mittel für die Kinderhilfe auf; muss dem Elend denn erst abgeholfen werden, wenn seine traurigen Folgen sichtbar geworden sind?»

(Seite 132 der Broschüre L’instruction gratuite et obligatoire,
Die pflichtige und kostenfreie Bildung, 1873) Vorsorgen ist besser
als heilen – so will es das Prinzip der gesellschaftlichen Hygiene.

Die Inwertsetzung des Kapitals Kind

Sind erst alle Kinder beschult, ändert sich der Kurs; es geht nun in Richtung auf «Inwertsetzung des intellektuellen Kapitals der Nation» (Jules Ferry{!} am 6. Juni 1889 vor der Abgeordnetenkammer). Es ist das intellektuelle Kapital das einzige, das bisher verstaatlicht ist. Demzufolge ist seine Inwertsetzung prototypisch und muss entsprechend methodisch angegangen werden, was die unablässige Verbesserung der eingesetzten Maschinen und zudem eine punktgenaue Methode zur Ergebniskontrolle einschließt. Für die Schule ist der Intelligenzquotient das, was für die Fabrik die Uhr ist. Hatte Unordentlichkeit ehedem Fehlen in der Schule gemeint, bezieht jener Begriff sich mit der allgemeinen Schulpflicht nun auf etwas im Herzen von Schule, auf die Arbeit selbst. Eben dort muss Jagd
gemacht werden auf Unordentlichkeit.
{!} 1832-1893; Jurist, republikanischer Politiker, Diplomat, Journalist, Rassist und Kolonialpolitiker; zwischen 1879 und 1883 dreimal Bildungsminister

Die Einheitsschule kann kommen, da nun eine narrensichere Methode zur bedarfsentsprechenden Vorbestellung der Kinder verfügbar ist; nun lassen sich über den Grad des erreichten Schulabschlusses die Positionen ansteuern, welche den Kindern in der gesellschaftlichen Hierarchie jeweils einzunehmen für ihre Zukunft zugedacht ist. Nach und nach wird das binäre System – Schulbesuch ja / nein; Elementarschule / weiterführende Schule – von einem linear teilenden System ersetzt, welches die Schulabschlüsse mehr und mehr abstuft und diese Stufung bis ins Unendliche weiterzutreiben erlaubt. [51] Die aus dem binären System hervorgegangenen Schularten verlieren in dieser Unendlichkeit ihren konkreten Sinn, doch ist die gesellschaftliche Weigerung, sie in Frage zu stellen, zu stark: Der seit der ersten Inbetriebnahme der Schulemaschine angestrebte Effekt, einen kontinuierlichen Strom bedarfsgerechter Arbeitskraft zu produzieren, ist Schritt für Schritt erreicht worden. Die Schule hat das Fundament für einen bürokratisch verwalteten bzw. für den «konservativen Sozialismus» (Jules Simon) gelegt. «Es liegt in der Wesensnatur des intellektuellen Reichtums, dass er demjenigen, der diesen Reichtum weitergibt, unvermindert erhalten bleibt… . Wer gibt, bereichert sich, denn er wird mehr Meister seiner Wissenschaft und besitzt sie voller, nachdem er sie gelehrt hat» (Jules Simon, L’école, Die Schule, Paris 1865, Seite 6). [53]

Fortsetzung: Zusammenführung der Kinder im Kollektiv

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