Startseite > Bildung > Serie zur Schule als Fabrik – Weswegen haben die Brüder gewonnen?

Serie zur Schule als Fabrik – Weswegen haben die Brüder gewonnen?


Die Dressierbarkeit der Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel. Das Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert.

Friedrich Nietzsche

Der folgende Text setzt die vier ersten Artikel zur Schrift „l’ensaignement – 1. l’école primaire (1. Grundschule)“ der Französin Anne Querrien fort, in der sie beschreibt, wie in ihr die Sicht auf die Schule als Maschinerie zur Formierung gehorsamer Arbeiter reifte (siehe), und wie die Sicht der gesellschaftlichen Führungsschicht auf den ärmsten, den bildungsfernsten Teil der Bevölkerung im 19. Jahrhundert ausfiel (siehe)und wie Aufstellung des Heers der Arbeit als Zufuhr gehorsamer Arbeiter durchgeführt wurde (siehe).  Der dritte Teil betrachtete mehrere Strategien der Lehre in Bezug auf ihre Effektivität. Dabei lernten wir die Vorteile des mutuellen Unterrichts kennen. Der vierte Teil stellt dar, aus welchen Gründen am Ende der mutuelle Unterricht scheiterte und der Simultane den Vorzug bekam.

Weswegen haben die Brüder gewonnen?

Anne Querrien, Autorin des hier vorliegenden ins Deutsche übersetzten Textes

Eine erste Antwort findet sich bereits in dem Porträt einer Klassenschule, welche die Kinder im Kollektiv zusammenführt, um sie das Lesen, Schreiben und Rechnen als etwas erobern zu lassen, das zum Repertoire der durch körperliche Gewöhnung erworbenen Fähigkeiten des guten händischen Arbeiters zu gehören hat. Ein Echo dieser Antwort findet sich in der Arbeit einer anderen Gruppe des CERFI zum Thema der crèche, der Kinderkrippe. Die Kinderkrippen sind zeitgleich mit den mutuellen Schulen aufgekommen und hatten weitgehend die selben Initiatoren. Wie die mutuelle Schule, wurden auch die Krippen abgewürgt, allerdings nicht so restlos erfolgreich; im Jahr 1975 gab es lediglich noch 32.000 Krippenplätze. Dem Ausbau der Krippe – Ort des Kollektivkorps der Kinder – ist der Ausbau der école maternelle bzw. der Vorschule – Ort der Lehrerin-Kind-Beziehung – vorgezogen worden (siehe: Garde d’enfants et famille conjugale, Kinderverwahrung und eheliche Familie, CERFI, 1975).

Zuträgliches und Unzuträgliches der Methode der Brüder

Als die Brüder am Ende der Julimonarchie ihren Sieg feiern, sind die Charakteristiken der mutuellen und der simultanen Methode weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und, schlimmer, auch aus dem der Lehrkräfte verschwunden. Davon zeugt LouisArsène Meunier, treibende Kraft von L’écho des instituteurs, Das Echo des Lehrers, einem der ersten engagierten und von Januar 1845 bis Juni 1850 erschienenen Journale der Lehrerschaft. «Diese allgemeine Arbeitsweise, die das eine Mal mutuell und das andere Mal simultan genannt wird…» (S. 42 von Lutte du principe clérical et du principe laïc, Kampf zwischen dem klerikalen und dem laizistischen Prinzip, im Jahre 1861 in Paris erschienene Wiederauflage seiner Beiträge)

Die Rückvereinnahmung oder, richtiger gesagt, die Zerschlagung der Innovation ist so vollständig gelungen, dass nicht die mutuelle und die simultane Methode als solche, sondern nur noch die laizistische und die kongreganistische Referenzideologie der Lehrkräfte als unvereinbar begriffen werden. [72] Es kündigt sich die Schlacht für die laizistische Schule an, für eine Schule, deren pädagogische Form allerdings von den Brüdern herkommt.

Im übrigen erwecken die Beiträge von Louis-Arsène Meunier den Eindruck, als würden sich die rückwärtsgewandten Charakteristiken jener pädagogischen Form im Laufe des sich unter den beiden Monarchien abspielenden Kampfes um die Frage, welche der beiden Methoden siegen sollte, sogar noch verstärken.

Für die laizistische, demokratische und auf französische Art sozialistische Lehrkraft, die sich unter Einsatz ihres Lebens in die revolutionäre Schlacht von 1848 wirft, stehen die Brüder für Routine, Schweigen, Unbeweglichkeit, vor der Brust verschränkte Arme und den offenkundigen unguten Willen, die Kinder nicht nur in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten, wozu sie gemäß ihrer Statuten streng verpflichtet sind, sondern sie auch etwas anderes zu lehren. Als im Jahr 1843 das Zentralkomitee für öffentlichen Unterricht die Fächer Grammatik, Geschichte, Geographie und Strichzeichnen hinzufügt, weigern sich die Brüder entschlossen, diese neuen Gegenstände zu unterrichten; abgesehen vom Strichzeichnen werden sie wohl nur eingeführt, um den Religionsunterricht ersetzen und dessen Rolle der Massendisziplinierung übernehmen zu können. Um da, wo bei Beschränkung auf Lesen, Schreiben und Rechnen 18 Unterrichtsmonate ausreichen, einen auf vier Jahre angelegten Lehrplan aufzustellen, müssen mehr Unterrichtsgegenstände herbeigeschafft werden; den Kindern einen Sinn für Geographie und Geschichte und mithin für den Nationalstaat mitzugeben, ist nicht ohne Nutzen und ihrem Durchstreifen von Zufallslektüren in den Almanachen jedenfalls vorzuziehen. Wie das Beispiel von Pierre Rivière vor nicht langem erst zur Genüge bewiesen hatte. Doch so weit reichen die Betrachtungen von Louis-Arsène Meunier nicht; er begnügt sich mit den einer Lehrkraft eigentlich obliegenden und ihm keinerlei Probleme bereitenden zwei Missionsaufgaben: Unterwerfung der Kinder unter den Staat und Einpflanzen der Arbeitsmoral.

Wie alle guten Lehrer, die ihre Arbeit gut tun wollen, wünschte auch Louis-Arsène Meunier nicht mehr, als eine effektive Lehrkraft zu sein, und dies wünschte er selbstverständlich auch für alle anderen Lehrer, die ihren Unterricht so weit als möglich am Gesetz orientieren sollten. Und nur in dem Maß, in dem die Brüder von diesem Gesetz abweichen, entnerven sie ihn; sie entnerven ihn als schlechte Lehrkräfte, die ihre Missionsaufgabe nicht richtig erfüllen, nämlich einem jeden das Désir nach Vervollkommnung mitzugeben. Die von Louis-Arsène Meunier gegebene Analyse des Lehrbetriebs der Brüder unterscheidet sich kaum von der Analyse, die jeder gute wie auch jeder erfolgreich mit dem gesellschaftlichen Rand arbeitende Lehrer bezüglich des Unterrichts seiner Kollegen bzw. bezüglich des konventionellen Lehrbetriebs anstellt.

«Die Brüder wollen partout für sich in Anspruch nehmen, es besser als die laizistischen Lehrkräfte zu verstehen, die Kinder zu disziplinieren und bravzumachen. [73] Die Schüler der christlichen Schulen werden in der Tat eine wohl wache und robuste Seele haben müssen, um nicht von den dort sehr energischen Disziplinierungsmitteln überwältigt und eingeschläfert zu werden» (S. 21). Meunier zufolge besteht der Unterricht der Brüder aus stumpfsinnigem Abschreibenlassen, Wiederholen und Auswendiglernen. Nach Ablauf von sechs Jahren könnten die Kinder kaum lesen und schreiben. Die verwendeten Kalligraphien dienten lediglich der Disziplinierung und seien für das Erlernen des flüssigen Schreibens unbrauchbar; es werde mit aufgesetzter und nicht mit fliegender Hand geschrieben.

Die Brüder machen jegliches Wissen, das sie vermitteln, zu etwas restlos Sterilem, indem sie alles in Disziplinierungsinstrumente verwandeln. Das Désir der Kinder zu lernen, wird in Disziplinierung umgelenkt. «Nicht nur führt der kongregationistische Unterricht zu keinen Ergebnissen, sondern er setzt auch außerstande, jemals irgendetwas lernen zu können» (S. 35). «Alles, was man ihm (dem ehemaligen Schüler der Brüder) beibringen kann, ist die mechanische Seite seiner Tätigkeit. Er wird immer ein unvollkommener und unvollständiger Arbeiter bleiben, ganz und gar unfähig, seine Arbeit selbständig auszuführen oder gar andere in ihrer Arbeit anzuleiten. Er ist verurteilt, sein Leben lang ein einfacher, wenig nachgefragter und schlecht bezahlter Geselle zu sein» (S. 43).

Hier wird die Blässe der Analyse von Louis-Arsène Meunier sichtbar, der sich in den Mauern der Schule einschließt, wie die heutigen Frauen dies in den Mauern ihres Geschlechts tun. Falls es Ziel der Grundschule sein sollte, alle zu befähigen, die anderen in ihrer Arbeit anzuleiten, wer sollten diese anderen dann sein? Immigrantische Arbeiter und Analphabeten, die aus Ländern kommen, in denen die Grundschule, Gott-sei-Dank!, noch nicht Pflicht ist? Oder gründet der Triumph der Brüder nicht gerade in einer in den Fabriken und Büros bestehenden Arbeitsorganisation, die präzise nach unvollkommenen und unvollständigen Arbeitskräften verlangt, nach Arbeitern, die unfähig sind, ihre Tätigkeiten selbständig auszuführen oder die der anderen sogar anzuleiten? Woher kommt es, dass der Arbeiter, dessen Bild den innovatorischen Lehrkräften oder auch den Vertretern der Arbeiterbewegung vorschwebt und an den die letztere sich wenden, ein vorkapitalistischer Handwerker oder jemand ist, welcher der sehr kleinen Minderheit der qualifizierten Arbeiter angehört.

Louis-Arsène Meunier führt drei Gründe für den Erfolg der Brüder an: Die strenge Disziplin in ihren Klassen gefällt der öffentlichen Meinung. «Es wird die dort herrschende perfekte Ordnung und Stille geliebt: Was für brave Kinder und was für eine gut geführte Schule!». Als zweites genannt sind die den Brüdern zukommenden wohltätigen Zuwendungen, dank derer der Schulbesuch wie auch die Lernmaterialien kostenfrei sind; kostenfreier Unterricht wird erst zu Beginn der Dritten Republik allgemein eingeführt, Louis-Arsène Meunier aber schreibt gegen Ende der Julimonarchie, als ausschließlich Kinder, deren Eltern Hilfeleistungen erhalten, die kommunale Schule kostenfrei besuchen dürfen. Als drittes genannt ist die Protektion, die den Brüdern vom Klerus und von der Regierung, von den zwei einzigen konstitutionellen Gewalten des Königreichs, zuteil wird. [74]

Doch sieht er ganz einfach nicht, wie sehr der Unterricht der Brüder, die von ihnen auferlegte Disziplin und die Disziplin der Werkstätten einander gleichen. Eben genau diese Gleichheit herstellen wollte die Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, die glaubte, dies mit der mutuellen Methode erreicht zu haben, nur um schließlich die Methode der Brüder als die richtige erkennen zu müssen. In Werkstatt und Schule muss alles unternommen werden, um in der Masse der Arbeiter Phänomene kollektiven Désirs zu verhindern, die Aufgaben müssen so weit als möglich vereinzelt, die Verhaltensweisen so weit als möglich uniformisiert, die Gruppen segmentiert werden; die Kooperation ist zu zerschlagen, keine Gespräche dürfen aufkommen und die Kommunikation ist hierarchisch zu kontrollieren. Vermag die Schule, sich den Regeln antikollektiver Arbeitsorganisation zu entziehen, ohne einen Grundsatzstreit gegen diese Regeln zu führen?

Unaufhörlich führen Neuerer unter den Lehrkräften verdeckt gehaltene Angriffe auf diese Regeln, niemals aber stellen sie den Rechtfertigungszauber der schulischen Mission direkt in Frage und bleiben so selbst in diesem Zauber gefangen — haben wir nicht das Wissen unter das Volk zu bringen!? Und immerzu wundern sie sich über das Wenige an Macht und Geld, das ihnen für ihr hehres Tun zukommt. Bereits Louis-Arsène Meunier legt dar, dass das Gesetz Guizot aus dem Jahr 1833, mit dem jede Gemeinde zur Eröffnung einer Schule verpflichtet wird, den Grundschulunterricht in die Abhängigkeit aller auf lokaler Ebene verfassten Gewalten bringt und die Maschine so von vornherein zu völliger Trägheit verdammt. Sich selbst erklärt er das mit der Annahme, die aus der Julimonarchie neu hervorgegangenen Machthaber würden nicht gewusst haben, ob sie sich auf lokaler Ebene auf den Klerus verlassen könnten, da dieser hinter der Vorgängerregierung gestanden habe. Falls der Klerus sich verweigert hätte, hätte an die mit dem Gesetz Guizot in Stellung gebrachten staatsbeamteten Lehrkräfte der Ruf ergehen können, zum lokalen Räderwerk der Staatsmacht zu werden. Doch als deutlich geworden sei, dass der Klerus seiner Gewohnheit folgen und sich an die bestehenden Machtverhältnisse anlehnen würde, sei er seiner hohen moralischen Autorität wegen oben gehalten worden und die Lehrkräfte hätten sich daraufhin ins Abseits gestellt gesehen.

Worum geht es dem Lehrer? Um die moralische Oberautorität sowie um Teilhabe an der regierenden Macht im Lande. Doch das ökonomische Funktionsmodell, das er mit seinem unbegrenzten pädagogischen Désir befördert, macht ihn gefährlich — man würde Risiko laufen, keine Arbeiter mehr zu finden. Der gute Lehrer ist immer einer der ersten, der zum Opfer der Unterdrückung von Massenbewegungen wird. Das helle Auflodern der Macht der sozialistischen und republikanischen Lehrkräfte zu Beginn der Zweiten Republik unter dem Minister Hyppolyte Carnot ist von nur kurzer Dauer. Der Grundschulunterricht wird im Jahr 1850 unter die direkte Aufsicht der Präfekten gestellt, die das Recht haben, falschem Gedankengut anhängende Lehrer abzuberufen; dieses Recht bleibt ihnen bis zum Jahr 1945, von dem ab die Aufsicht unmittelbar durch den Berufsstand ausgeübt wird. [75]

Zuträgliches und Unzuträgliches der mutuellen Methode

Die Parteigänger der mutuellen Methode, ihre Förderer, haben der auch als simultan bezeichneten Methode der Brüder niemals Kritiken von der Art beigebracht, wie es die sozialistischen und republikanischen Lehrkräfte und die Arbeiterbewegung getan haben. Im Gegenteil hatten sie als fortschrittsorientierte Industrielle sowie als hohe Beamte lediglich eine schnellere Disziplinierung der breiten Masse angestrebt. Für sie stand die mutuelle Methode nicht wirklich im Gegensatz zur traditionellen Methode, der individuellen. Auf letztere beziehen sie alle ihre Berechnungen: Die jährlichen Kosten für die Erziehung eines Kindes betragen bei unserer Methode vier Franc, bei der traditionellen Methode 18 bis 30 Franc, so ist es im ersten Band des Journal d’éducation, im Erziehungsjournal der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts zu lesen.

Die mutuelle Methode ist vor allem eine Zeit und Geld sparende Methode, um dem Soldaten, Arbeiter und Staatsbürger das Minimum an notwendigem Wissen aufzupfropfen. Jenes Wissen wird von den treibenden Kräften der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts als eine Art von Impfstoff gegen die ansteckende Krankheit namens Unwissenheit zusammengestellt; der Impfstoff wie der Unterricht werden im übrigen von den selben Leuten propagiert.

Die Zeitschrift jener Gesellschaft ist mit Berechnungen gespickt, die die mutuelle Methode als einziges Mittel zur Beschulung ausnahmslos aller bedürftiger Kinder vorstellen wollen. Im Band 3 ist beispielsweise zu lesen, es könnten im ersten Pariser Stadtbezirk anstatt der aktuell (im Jahr 1816) 800 Kinder in 32 Schulen, für deren Betrieb den Eltern und Wohltätigkeitsbüros Kosten von insgesamt 30000 Franc entstünden, unter Einsatz der mutuellen Methode drei Schulen eröffnet werden, von denen eine jede 800 Kinder aufnehmen könne, was zu Gesamtkosten von nur 15000 Franc führen würde. «So könnten alle Kinder, die nicht zu Hause oder im Kolleg unterrichtet werden, die eines Unterrichts aber bedürfen und deren Zahl auf 2500 geschätzt wird, dank der neuen Methode Grundschulunterricht erhalten.»

Die Überlegungen der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts gehen in die Richtung, für jedes Stadtviertel eine einzige Schule vorzusehen, welche die vielzähligen Kleinschulen mit ihren weniger als 20 Kindern, den zwangsläufig miserablen Lehrern und den viel zu lästigen Eltern ersetzen sollen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist die mutuelle Schule übrigens erst ab einer Mindestzahl von 100 Kindern tragfähig. Zwangsläufig macht sie das zu einer Schule für die Stadt; ihre Verbreitung im ländlichen Bereich zur Beschulung der dortigen Kinder würde Zusammenlegungen von Gemeinden erfordern. [76] Hier kommen erhebliche Zweifel auf, denn es fehlen noch die zur Kontrolle der Kinder auf dem Schulweg geeigneten Transportmittel.

Der unter allen Gesichtspunkten «einzige Vorteil der mutuellen Schulen» ist es, dass «sie in den einwohnerstarken Städten die Beschulung einer großen Zahl von armen Kindern mit nur einer einzigen Lokalität und einer einzigen Lehrkraft möglich machen» (Bericht eines Mitglieds der königlichen Akademie der Stadt Caen über die mutuelle Schule der Stadt Cherbourg aus dem Jahr 1819).

Doch sogar dieser Vorteil ist nicht sehr augenfällig; falls die in der Lokalität versammelte Kinderschar sehr groß ist, verlangen die in der mutuellen Schule üblichen Bewegungsabläufe nach sehr viel Raum. Allein in kirchlichen Gebäuden finden sich Säle von ausreichender Größe. In ihrem Gründungsjahr 1815 gelingt es der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, Kirchengebäude, die seit der Revolution entwidmet sind, in Nutzung zu nehmen und kann vier Schulen gründen. Doch für die zwölf in Planung stehenden weiteren Schulen gibt es Probleme; um sie bauen zu können, wären Kredite aufzunehmen.

Die mutuelle Schule startet mit einem schweren Handicap, wohingegen die Schule der Brüder keine speziellen Räume benötigt. Sie kann sich mit irgendwelchen ausreichend großen und hellen rechteckigen Sälen begnügen. Zudem ist sie die Schule, die Religionsunterricht erteilt, von der Kirche bevorzugt unterstützt, gefördert und mit Räumen versorgt wird.

Die hauptsächlichen Vorteile der mutuellen Schule gegenüber der Schule der Brüder liegen in der Einzähligkeit des Lehrpersonals und den entsprechend niedrigeren Besoldungskosten sowie in der entsprechend niedrigen Beitragsbelastung für die Familien; doch diese Vorteile tragen nicht unbedingt. Die Einzähligkeit des Lehrpersonals macht die Einrichtung eines ganzen Systems lokaler und nationaler Überwachung erforderlich, welche die Moralität und Religiosität des Unterrichts sicherstellt, was zudem bereits schon vor Einsatz des Lehrpersonals durch dessen ausreichend langdauernde Ausbildung gewährleistet sein sollte.

Wenn die Brüder doch nur zur mutuellen Methode überwechseln und so ihren Unterricht kostengünstiger machen würden, wie schön einfach wäre dann alles. Die Methode der Brüder, «die beste von allen vorhandenen» (Journal d’éducation, Erziehungsjournal, Band 1), würde sich enorm verbessern, und man stünde nicht mehr vor dem schwierigen Problem mit den Budgets und Krediten, das man bisher mehr schlecht als recht mit Subskriptionen löst sowie mit einem Teil der 50000 Franc an Subvention für den Grundschulunterricht, die jedes Jahr neu von der Abgeordnetenkammer abgestimmt werden müssen. [77]

Die behördliche Unterstützung für die mutuellen Methode ist weniger real, als es scheint

Die Pariser Behörden unterstützen die mutuelle Methode von allem Anfang an. Mit dem 3. November 1815 richtet der Präfekt des Departments Seine, der Comte de Chabrol, einen Rat für den Grundschulunterricht im Department Seine ein, dessen Mitglieder überwiegend aus den Gründern der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts bestehen und dessen Berichterstatter Jomard ist, der Sekretär jener Gesellschaft.

Unter der Restauration gründen sich die mutuellen Schulen selbst auch in Paris nur am Rande des offiziellen Schulbetriebs und laufen unter dem Titel Experiment. Unter diesem Titel steht übrigens auch der hier oben erwähnte Kredit von 50000 Franc, der den Schulen der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts zu gleichen Teilen mit den Brüdern zugeeignet ist, von denen weiterhin eine Verbesserung ihrer Methoden erwartet wird und an die vermehrt dringende Bitten ergehen, dieser Erwartung zu entsprechen.

Vom Jahr 1816 an will man mutuelle Schulen nur noch an den Leerstellen des bestehenden Schulbetriebs einrichten bzw. an Orten, an denen die Brüder noch keine funktionierende Schule unterhalten. Zudem werden die Brüder im Jahr 1823 mit einem Rundschreiben für die Leitung neueröffneter Schulen der Wohltätigkeit empfohlen! Nach und nach zieht sich die Schlinge um die mutuelle Schule zu, und der den Brüdern vom Königtum zuteil werdende Rückhalt wird mehr und mehr sichtbar; und dies so weit, dass in der Julirevolution die Rufe «Es lebe die mutuelle Schule! Nieder mit den Ignorantinischen!» widerhallen.

Findet die mutuelle Schule mit der Julirevolution ihren Triumph? Dies ließe sich glauben. Guizot, seit 1815 Mitglied der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, wird Bildungsminister. Die Besorgnisse jener Gesellschaft und ihre administrativen Praktiken gelangen an die Macht. In Paris legt der Präfekt des Department Seine seinem Rat für den Grundschulunterricht am 30. September einen ersten Bericht über den Stand der Entwicklung des mutuellen Unterrichts vor. Zum ersten Mal wird das Ziel festgeschrieben, die Schulen der Brüder durch mutuelle Schulen zu ersetzen. Mit der Feststellung «Die Ersparnis von Zeit ist das Wertvollste überhaupt» wird die starke Verkürzung der Unterrichtsdauer zum Ziel jener Ersetzung erklärt. Doch steht der Präfekt vor dem Problem der für den mutuellen Unterricht erforderlichen Raumgrößen. Von den 24 von der Stadt unterhaltenen Grundschulen konnten (in den ersten drei Monaten nach dem Machtwechsel) fünf auf mutuellen Unterricht umgestellt werden, die 19 anderen folgen im darauffolgenden Jahr 1831.

Der Präfekt nimmt sich vor, auch die vom Wohltätigkeitsbüro der Hospize abhängigen Schulen umzustellen. So einfach wird sich das nicht machen lassen. [78] Zuvor wird das Jahr 1833 abzuwarten sein, in dem das Gesetz Guizot verabschiedet werden wird, welches die kommunale Verwaltung zur Bauherrin der neu zu errichtenden Schulen macht sowie die in Paris von den Verwaltungen der Spitäler abhängigen Schulen unter Gemeindeverwaltung bringt, um dort die gleichen Methoden wie in den anderen kommunalen Schulen anzuwenden. Unterdessen bewahrt der kongreganistische Unterricht in Paris seine klare Vorrangstellung; lediglich 24 Schulen sind kommunal verwaltet und 63 unterstehen den Spitälern. Im Jahr 1838 mietet die Stadt Paris Räumlichkeiten zur schulischen Nutzung, wofür sie die Gesamtsumme von jährlich 89725 Franc an die Verwaltung der Spitäler ausschüttet. Doch die Methode der Brüder gewinnt selbst in Paris stark an Bedeutung.

Mit Blick auf das Land insgesamt gesehen, findet die mutuelle Methode kaum Unterstützung. Das seitens des Bildungsministeriums von Guizot im Jahr 1834 gegebene «Statut für die kommunalen Grundschulen» erwähnt die mutuelle Methode mit keinem Wort und lässt den Lehrkräften bei der Wahl ihrer Methode freie Hand, oder besser gesagt, obliegt die Wahl der Methode den mit der Überwachung der Lehrerschaft betrauten kantonalen Komitees oder lokalen Behörden. Aus Tradition und Gewohnheit schlägt die Waage im allgemeinen deutlich zugunsten der Methode der Brüder aus, es sei denn, dem Gemeinderat würden Industrielle angehören, wie dies in Ost- und Nordostfrankreich gegeben ist. Schlimmer noch, spricht sich Guizots Statut, das sich an die in Paris vorherrschenden Praktiken anlehnt, faktisch für die simultane Methode aus; Artikel 3: «Alle Grundschulen sind, abhängig vom Alter und Unterrichtsstoff der Schüler, in drei Hauptabteilungen gegliedert»; Artikel 22: «Ein Quadrat mit einer Seitenlänge von 80 Zentimetern» für jeden Schüler ist die Ausgangsgröße für den Klassenraum, was selbstverständlich kein Plätzewechseln zulässt und die Schüler so, wie Jean Baptiste de la Salle es empfohlen hatte, auf ihren Bänken fixiert.

Vielsagender noch bezüglich der tatsächlichen Praktiken der neuen Machthaber sind die Handbücher für die Besucher der écoles normales, der Pädagogischen Hochschulen, in denen Lehrer für Frankreich in einer Taktung produziert werden sollen, die genügend geschwind ist, um den Unterricht auf alle Kommunen ausdehnen zu können und, ganz nebenher, die Brüder in der Masse untergehen zu lassen. Das im Jahr 1837 erschienene und von Lamotte und Lorain verfasste Handbuch des simultanen Unterrichts einschließlich der Methode des enseignement mixte, des gemischten Unterrichts wird für die Pädagogischen Hochschulen sofort zum offiziellen Handbuch, auf welches dann alle späteren Schriften der Lehrerschaft Bezug nehmen werden.

Im Regelwerk vom 19. Juli 1833 steht dort bezüglich der von den Lehrkräften zu verlangenden Befähigungen zu lesen, diese müssten sowohl in der simultanen wie auch in der mutuellen Methode ausgebildet sein. Überdies ist die simultane Methode die einzig richtige für die Gemeindeschulen und die einzig passende überall da, wo nicht eine übergroße Einwohnerschaft einen mutuellen Unterricht zwingend erforderlich macht.» {Das Anführungszeichen am Beginn der wörtlichen Zitation fehlt im Originaltext} [79]

Tatsächlich optiert das Ministerium nie für die eine oder die andere Methode und lässt den Dingen auf lokaler Ebene freien Lauf. Selbst wenn eine Lehrkraft an der Pädagogischen Hochschule in der mutuellen Methode ausgebildet worden sein sollte, erweist sich die Methode als unanwendbar. Die von M. Matter zeitgleich mit der Redaktion des Handbuchs von Lorain und Lamotte vorgelegten «Ratschläge und Anweisungen zur Vorbereitung der Grundschullehrer auf ihre berufliche Laufbahn und zu ihrer Anleitung bei der Erfüllung ihrer Aufgaben», sind da sehr viel gewiefter. Matter schreibt seinen Text von Anfang bis Ende in der Ichform. Die jugendliche Lehrkraft soll Lehren aus dem Vorgehen und den Missgeschicken der älteren ziehen.

Jene Missgeschicke veranlassen zur Abwendung von der mutuellen Methode, deren abstrakte Schönheit sie so sehr erstrebenswert für die eben erst frisch aus der Backform der Pädagogischen Hochschule geschlüpfte jugendliche Lehrkraft hatte sein lassen. Das wilde Durcheinander und Geschrei beim ersten Versuch ihrer Anwendung waren unbeschreiblich. «Am Nachmittag erhielt ich von der Behörde das förmliche Verbot, meine Extravaganzen am nächsten Morgen fortzusetzen, sowie die Anweisung, den von mir zerbrochenen Stock durch einen anderen von gleicher Länge zu ersetzen» (S. 41).

Matters Ratgeber ist behördlich genehmigt, was einer vom königlichen Rat für den öffentlichen Unterricht gegebenen Empfehlung gleichkommt.

Tatsächlich konnte sich die mutuelle Methode nur dort zeitweilig festsetzen, wo die mit der Überwachung des Schulbetriebs betrauten Behörden keine Vergleichsmöglichkeit mit einer Schule der Brüder hatten, mit der dortigen Stille und Regungslosigkeit, mit den Heften und mit der Dressiertheit der Kinder. Überall da, wo sich diese Vergleichsmöglichkeit bot, musste die mutuelle Methode sich sehr bald geschlagen geben. Die diesen Kampf entscheiden sollende Waffe waren die erstmals unter der Julimonarchie den Betrieb aufnehmenden pädagogischen Hochschulen. Und es ist die Verbreitung der Pädagogischen Hochschulen über alle Departments zu Beginn der Dritten Republik, was dem mutuellen Experiment ein unwiderrufliches Ende gesetzt hat; alle Departments haben sich der pädagogischen Organisation unterzuordnen, für die sich das Department Seine, ausgehend vom Zeitpunkt des Endes der Julimonarchie an, entschieden hat: Aufteilung in Klassen, altersentsprechende Versetzung.

Das Abwürgen der mutuellen Methode war von Anfang an absehbar. Es müssen in der behördlichen Anordnung vom Februar 1816 zur Einrichtung des oben erwähnten, unter dem Titel Experiment aufgelegten Budgets lediglich die dort vorgetragenen Beweggründe zwischen den Zeilen gelesen werden: «Wird der Unterricht insgesamt auf die wahren Prinzipien der Religion und Moral gegründet, trägt er zu einer guten gesellschaftlichen Ordnung bei, führt zum Gehorsam gegenüber dem Gesetz und bereitet auf die Erfüllung jeglicher Art von Pflicht vor; in dem Willen… durch eine geeignete Überwachung die auf ein so sehr erstrebenswertes Ziel gerichteten Anstrengungen zu koordinieren…», wird der Unterricht von lokalen Komitees für Unterricht und Wohltätigkeit, in denen sich am jeweiligen Orte ansässige angesehene Persönlichkeiten zusammenfinden, überwacht werden. [80]

Mutuelle und simultane Methode werden miteinander verwechselt

War es in Paris möglich, sich aufgrund ihrer ökonomischen Vorzüge in die mutuelle Methode zu vernarren, obschon man versuchen musste, ihre anderen Potentiale so weit als irgend möglich zu blockieren, kam Frankreichs Provinz nicht über die Vorstellung hinaus, es würden die Schüler nicht mehr einer nach dem anderen, sondern mehrere gleichzeitig unterrichtet werden. Das einzige, was die Provinz, und dies ausnahmslos, an der mutuellen Methode erfasste, war deren kollektiver Charakter, der aber gleichfalls der simultanen Methode zueigen ist, wenn auch sicherlich in geringeren Maßen und in quasi gegensätzlicher Weise. Mutuell und kollektiv liegen von den Wortbedeutungen her weit dichter beieinander als simultan und kollektiv; entsprechend häufig wird, so wie es das nun folgende Protokoll der Sitzung des Generalrats des Departments Indre aus dem Jahr 1818 belegt, mutuell gesagt, wenn kollektiv gemeint ist.

«Der öffentliche Unterricht kann nicht in bessere Hände gelegt werden, als in die der Sachwalter der Religion, die sich mit Eifer, aus Pflichtgefühl und aus übernatürlichen Beweggründen dem Unterrichten und überhaupt der Erziehung der Jugend verschrieben haben. Diese machtvollen Beweggründe veranlassen den Rat zu dem Wunsch, die Angelegenheiten des mutuellen Unterrichts in den Hauptorten des Department einem überaus respektablen und bereits so viel Gutes vollbracht habenden Verein zu übergeben, den Brüdern von den christlichen Schulen, zumal diese die zentralen Elemente dieser Art von Unterricht besonders zu würdigen wissen.»

Ursächlich für diese Verwechslung ist offensichtlich die mangelnde Begeisterung der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts, die mutuelle Methode um ihrer selbst willen zu verteidigen sowie zu versuchen, sie in ihrer Eigenart zu erfassen; vielmehr wird sie zur bloßen Verbesserung des Unterrichts der Brüder verhunzt, was deren Methode wiederum hilft, sich überall festzusetzen, auch in den écoles normales und so zugleich bei den zukünftigen Generationen von laizistischen Lehrkräften. Wissentlich wird ignoriert, dass es um die Frage geht, welches Prinzip von Autorität in der Gesellschaft vorherrschen und wie diese Autorität weitergegeben werden soll. Schwerer wiegt, die mutuelle Methode in Bezug auf Zeiten, Räume und Institutionen in Umstände zu stellen, die nicht für sie gemacht sind, was den Kern der in ihr liegenden Innovation aushebelt und sie zwangsläufig scheitern lässt.

Historisch ist die Methode der Brüder eine Länge voraus

Alle Diskurse bezüglich der Methode der Brüder betonen die lange Zeit ihres Bestehens und ihrer Vorherrschaft, was erklären kann, wieso es der mutuellen Methode schwerfällt, sich in den Gesellschaftsverband einzufügen, und weshalb sie sich den in der Methode der Brüder liegenden disziplinierenden und religiösen Vorgaben anschließt. [81] Übrigens kommen jene Vorgaben nicht allein von den Brüdern her, denn sie sind in allen Belangen sehr eng an die pädagogischen Methoden angelehnt, die von den Jesuiten sowie von deren Gegenspielern, den Jansenisten, angewendet worden sind. Die allumfassende Überwachung und Kontrolle in den neuen Schulen (siehe weiter unten im Text) ist eine Charakteristik, welche sich auch bei den jansenistischen Kleinschulen von Port Royal findet, die zwar nicht den gleichen Masseneinfluss besaßen wie die Schulen der Brüder, der pädagogischen Literatur jedoch Vorbild im Bereich des Experimentierens waren.

«Keinen einzigen Augenblick lang blieb das Kind der Untätigkeit, Träumerei oder sich selbst überlassen. Es gab einen Maître für jeweils fünf oder sechs Zöglinge. Er konnte sie daher niemals aus den Augen verlieren, ging gemeinsam mit ihnen spazieren und beteiligte sich an ihren Gesprächen und Spielen… . Jeder Schüler hatte seinen Tisch, seine Schublade, sein Pult und seine Bücher… . Er durfte seinen Gefährten weder etwas leihen, noch mit ihnen kommunizieren. Auch diesbezüglich war die kleine Versammlung für den Maître umfassend überschaubar… . Während der Erholungszeiten war es untersagt, einen exakt bestimmten Bereich ohne Erlaubnis zu verlassen, und die Maître blieben die ganze Zeit über vor Ort, ohne die Kinder jemals aus den Augen zu lassen… . Körperliche Züchtigungen galten als verschlimmernd und waren selten, ein kurzer Blick des Maître machte mehr Eindruck als die strengsten Strafmaßnahmen. Alle Schüler, Anfänger wie Fortgeschrittene, waren auf gleiche Weise gekleidet» (René Tavenaux, La vie quotidienne des Jansénistes, Das Alltagsleben der Jansenisten, Verlag: Hachette).

Solcherlei Erfahrungen mit Schule schärfen den Blick der 490 Inspektoren, die Guizot ernannt hat, um im Jahr 1831 den Ist-Zustand des Grundschulwesens in den verschiedenen Departments zu erkunden und ihm Bericht zu erstatten. Unter den für die Kinder der Armen vorgesehenen Methoden kommt die Methode der Brüder denjenigen Methoden am nächsten, die für die Kinder des Bürgertums gebräuchlich sind, und ist daher selbstverständlich die beste, denn es sind hier schließlich Angehörige des Bürgertums berufen, über diese Dinge zu befinden – Rechtsanwälte, Vorsitzende von Kollegien und so weiter. Fraglos schert sich die mutuelle Methode herzlich wenig um den an den enseignement primaire {entspricht dem aktuellen deutschen Grundschulunterricht} anschließenden enseignement secondaire {entspricht dem aktuellen deutschen Sekundarunterricht} schert, mit dem sie nicht das geringste gemein hat. Als Methode, die einen Strom von Individuen hervorbringt, die Hand in Hand hinreichende Kenntnisse im Lesen und Schreiben erringen, um auf eigenen Schwingen abheben und fliegen zu können, gehorcht die mutuelle Methode Regeln, die sich vollkommen von denen des Hauptschulunterrichts unterscheiden, in welchem die individuelle Selektion zutage zu treten begonnen hat. Die mutuelle Methode ist ganz entschieden eine für die Armen und eine Methode, derer man sich je eher entledigen können wird, desto schneller es gelingt, aus den écoles secondaires, den Gymnasien, Lehrkräfte hervorgehen zu lassen, die befähigt sind, die richtigen Methoden anzuwenden: von den Brüdern inspirierte, die aber nicht den in der Gemeinschaft der Brüder zwingend geltenden Regeln unterliegen.

Der Unterricht der Brüder ist alleiniger Bezugspunkt. Seit sehr langer Zeit schon beweist er seinen moralischen Wert, indem er gewährleistet, dass der Grundschulunterricht für die Armen tatsächlich das ist, was er zu sein hat: Präventivbestrafung. (82]

Die Patentbriefe von 1724 übertrugen den Brüdern die Leitung eines Zwinghauses zur Umerziehung der Opfer der königlichen Haftbefehle. Im Jahr 1803, anlässlich der Rückversetzung der Brüder in ihren alten Stand, merkt Portalis in einem an Bonaparte gerichteten Bericht an: «Es wurde mir versichert, dass sie überall das selbe Gute tun; überall zeigt sich ein beachtlicher Umschwung in Sachen Unterordnung der Kinder» (zitiert nach: A. Rendu, De l’association en général et spécialement de l’association des Frères des écoles chrétiennes, Über den Verein im allgemeinen sowie über den Verein der Brüder von den christlichen Schulen im besonderen, Paris 1845).

Die einzige Chance für den mutuellen Unterricht, nicht völlig unterzugehen, liegt in dem Angebot, die gleichen moralischen Garantien zu geben wie die Brüder. Doch konnte die Vorstellung, eine unpersönliche kollektive Disziplin würde Moral garantieren, sich zur damaligen Zeit noch nicht allgemein Bahn brechen und sie wird dies auch vor Ende des 19. Jahrhunderts nicht tun, nicht vor der Geburt der Soziologie und nicht vor jener großen gesellschaftlichen Bewegung, in deren Verlauf die Trennung von Kirche und Staat erstmals zu einer realen Möglichkeit wird, weil diese Trennung nicht mehr das Risiko des dauerhaften Verlustes sämtlicher Grundsätze gesellschaftlicher Unterordnung beinhaltet. Alle ihre Schullektüren entnimmt die mutuelle Methode dem Katechismus. Doch reicht dies nicht als moralische Garantie. Unterwerfung unter die Moral ist etwas, das den Körper und seine Regungen durchdringen muss. Wem und was ist der Körper der laizistischen Lehrkraft unterworfen, wenn dieser Körper nicht durch die jahrelange Ausbildung an der école normale, an der Pädagogischen Hochschule, gegangen ist? Nichts und niemandem. Einer solchen Lehrkraft ist nicht zu trauen. Zu trauen ist den Brüdern; sie sind es, die über die Person ihres Direktors Gott unterworfen sind.

Der Klerus steht entschlossen gegen die mutuelle Schule

Und tatsächlich ist die mutuelle Schule der materielle Beweis für ein vom göttlichen abweichendes, anderes Autoritätsprinzip, für das des menschengemachten Gesetzes, wie es während der Zeit der Revolution zum Vorschein kommt. Die mutuelle Schule ist dem Klerus grundlegend fremd, selbst wenn es bemerkenswerte Ausnahmen gibt, die als gallikanische Tendenzen immer schon im französischen Klerus beobachtbar gewesen sind und aus Einzelpersonen bestehen, die hoffen, für sich Vorteil aus irgendeinem Schisma ziehen zu können.

Der von dem Sieur Toussaint , Lehrer, verfasste und dem Bildungsministerium vorgelegte Rapport sur les causes qui ont amené la décadence et la dissolution entière de la méthode d’enseignement mutuel à Toulouse, Bericht über die Ursachen, die den Niedergang und völligen Zerfall der mutuellen Unterrichtsmethode in Toulouse herbeigeführt haben, ist diesbezüglich informativ:

Obwohl der Pariser Klerus der Schulordnung bereits zugestimmt hat, verweigert der lokale Klerus ihr in systematischer Weise die Approbation. Zu dieser Verweigerung gesellt sich eine einzigartig wirkungsvolle Strafmaßnahme; diejenigen Kinder, die die mutuelle Schule besuchen, werden vom Sakrament der Kommunion ausgeschlossen, ihre Familien auch. [83] Im übrigen werden ihnen die Hilfeleistungen für Bedürftige seitens des Wohltätigkeitsbüros vorenthalten. Alle Sonntagspredigten verweisen auf die religiöse Pflicht, die Kinder von der mutuellen Schule fernzuhalten.

Am übelsten aber an dieser mit völlig ungleichen Waffen geführten Auseinandersetzung ist deren Wirkung auf die Lehrkraft, die ihre Zielsetzungen einerseits nun total an dem ausrichtet, was die Anhänger der Methode der Brüder an ihrer Schule vorgeben; andererseits aber gibt sie ihrem Unterrichtsstil das Aussehen eines jener aus der Geschichte der Institution Schule sattsam bekannten großen und beherzten Wagnisunternehmen vom Typ Emanzipation der Kinder aus den hart arbeitenden Schichten. Der Sieur Toussaint hebt in seinem Bericht von 1820 für das Vorjahr hervor, der Bericht «beweise, dass alle Kinder am Ende ihrer Schulzeit zu ihrem Zielberuf gefunden haben; die aus der Arbeiter- und Industriearbeiterklasse haben eine Lehre angetreten; auch alle zu Berufen in Wissenschaft und Handel wie auch die zu Angestelltenberufen bestimmt gewesenen Schüler sind je nach Alter und Vermögen ihren Weg gegangen.» «Die von ihrem Wesen her auf die Prinzipien der wahren Religion und der allergesündesten Moral gegründete Methode wurde eingerichtet, um Menschen heranzuziehen, die sich dem Gesetz unterordnen, Freunde der Ordnung sind sowie Untertanen, die ihrem Fürsten, ihrem Vaterland und allen ihren Pflichten die Treue halten.»

Alle Treuebekundungen des Sieur Toussaint gegenüber einer Moral, die aus seiner Sicht lediglich auf lokaler, nicht aber auf nationaler Ebene herrschend ist – der arme Mann schreibt einem Minister, von dem er wähnt, er würde für die mutuelle Schule eintreten – sind vergebens, und so muss er sich am Ende entschließen, die mutuelle Methode aufzugeben; aus seinen Zeilen schimmern tiefes Bedauern und heftige Gewissensbisse. Jene Methode aufzugeben, bedeutet weit mehr als zu einer anderen Methode überzuwechseln, es bedeutet, das Unterrichten selbst aufzugeben. Denn erst, wenn verstanden wird, dass der Streit weniger um die Methode, als vielmehr um die Person geht, wird erkennbar, was auf dem Spiel steht: das Zieheisen der Bildung und des Autoritätsverständnisses einer Person.

Die mutuelle Methode hält die Kinder nicht beschäftigt

Der sehr bald schon gegen die mutuelle Methode aufkommende eigentliche Groll geht auf exakt das zu, was die Methode empfehlenswert macht und was ihr bis zu ihrer endgültigen Unterdrückung im Gefolge der Niederschlagung der Pariser Kommune noch einen Platz in der Erwachsenenbildung sichern können wird: Der springende Punkt der mutuellen Methode ist die Abkürzung des Grundschulunterrichts um mehrere Jahre, wohingegen es das eigentliche Hauptziel des Grundschulunterrichts ist, die aus der breiten Masse kommenden Kinder bis zu ihrer ersten Arbeitsaufnahme unter Verschluss zu halten.

Eine dermaßen kurze Beschulungsdauer ist mit Blick auf die Kinder aus den arbeitenden Klassen unerwünscht. [84] «Womit sollen sie die Zeit zwischen ihrem neunten und dreizehnten Lebensjahr füllen bzw. bis ihre Kräfte genügend stark geworden sind, damit sie die ihre Existenz sichern müssenden Arbeitstätigkeiten verrichten können? […] Was stellen sie mit ihrer Freiheit an? Wird es nicht etwas sein, …was häufig zum Schaden der anderen ist? Ist denn vorstellbar, dass ihre mit der eigenen Existenzsicherung vollauf ausgelasteten Familien jenen Teil der Erziehung übernehmen, der für die Kinder selbst wie auch für die Gesellschaft der wichtigste überhaupt ist, nämlich die moralische und religiöse Unterweisung… .

So es denn zutrifft, dass die aktuelle Unterrichtsweise und überhaupt diejenige der Brüder von den christlichen Schulen das Unterrichtsziel weniger beschleunigt erreicht, …eröffnet dieser Unterricht der moralischen Erziehung Möglichkeiten, die sonst nirgendwo zu finden sind; jener Unterricht macht sich auf gewisse Art zum Herrn und Meister über die den Kindern zu ihrer Verwendung überlassene Zeit …von Kindheitsbeinen an bis zum Jugendlichenalter bzw. bis sie – ausgerüstet mit den ihren Verhältnissen angemessenen Kenntnissen und gewöhnt an Ordnung, Gelehrigkeit, Fleiß und Arbeit sowie daran, ihren gesellschaftlichen und religiösen Pflichten nachzukommen – anfangen können, der Gesellschaft nützlich zu sein» (Darlegung der Beweggründe des Generalrats des Department Calvados, dem Antrag des Präfekten vom August 1818 zuwider gegen die Subventionierung der mutuellen Schule zu stimmen).

Trotz seiner auf solche Weise zum Ausdruck gebrachten großen «Vorsicht gegenüber jeglicher Maßnahme, den Einfluss der Brüder auf die Unterweisung der bedürftigen Klasse zu mindern,» wird der Generalrat des Department im Jahr 1822 neuerlich vom Präfekten zusammengerufen, um mit Mitteln des Department eine mutuelle Schule zu eröffnen, die der Pädagogischen Hochschule des Department als Modelleinrichtung angegliedert werden soll. Der Generalrat zeigt weiterhin entschlossenen Widerstand. Er erinnert an seine diesbezüglich bereits dargelegten Gründe und betont, ein neben anderen weiterer Vorzug der Brüder sei, dass sie die Er- und Einrichtung der Schule aus wohltätigen Zuwendungen bestreiten und öffentliche Mittel daher allein für die Kosten des Betriebs der Schule in Anspruch nehmen würden.

Glaubt man Dubois Bergeron, Verfasser einer im Jahr 1821 erschienenen und dem mutuellen Unterricht feindlich gegenüberstehenden Broschüre mit dem Titel La vérité sur l’enseignement mutuel, Die Wahrheit über den mutuellen Unterricht, haben 37 von 38 mit Fragen des öffentlichen Unterrichts befasste Generalräte die gleiche Position bezogen wie der des Department Calvados.

Auf vielen Seiten breitet Dubois Bergeron sein Anliegen und das von seinesgleichen aus: «Der größte der Gesellschaft zu entrichtende Dienst würde sein, sich eine Methode einfallen zu lassen, mittels derer die Unterweisung der unteren und bedürftigen Klassen der Gesellschaft schwieriger und langwieriger werden würde… . Jene allzu leicht zu erhaltende Unterweisung führt zur Entstehung von all diesen das Land auffressenden Büros sowie zu all diesen gefährlichen Heerscharen von Untätigen, die Frankreichs Sitten käuflich machen. Mit Bedauern sehen wir, dass Ihre Exzellenz der Unterweisung gegenüber der Erziehung ein viel zu großes Gewicht beimisst… . Die Kinder sind zwischen dem 4. und 12. Lebensjahr beschäftigt zu halten, es darf nicht diese Leere entstehen, wie sich dies bei einer 20-monatigen Unterweisung ergeben würde… . [85] Der mutuelle Unterricht ist empörend, da er Lesen, Schreiben und Rechnen auf maschinelle Weise lehrt… .» Infolge ihrer Arbeitsweise würden die mutuellen Schulen den Kindern beibringen, dass Autorität auf Alter und Verdienst beruhe; die Autorität werde aufgrund eines kollektiv vereinbarten Gesetzes einem Gleichen übertragen; das von den mutuellen Schulen vorgeschlagene Bild der Gesellschaft stimme mit den Prinzipien der Revolution überein… und so weiter.

Die Texte sprechen für sich und erübrigen jeglichen Kommentar. Unterstrichen zu werden, verdient allerdings die Auffassung des Generalrats des Department Calvados, die mutuelle Methode mache Sinn für die Kinder aus den wohlhabenden Klassen, deren Bestimmung allemal sei, ihr Wissen auf das größtmögliche zu erweitern, weshalb sie das Interesse haben, so schnell als möglich die unverzichtbaren Grundmechanismen zu erlernen. Eben diese Tür soll den nichtwohlhabenden Klassen der Gesellschaft verschlossen bleiben.

Lehrerschaft nach Vorbild der Gemeinschaft der Brüder

Die privilegierte Stellung der Brüder von den christlichen Schulen währt von der ersten Indienststellung der école normale, der Pädagogischen Hochschule im Jahr 1808 bis zu deren allgemeiner Verbreitung und mithin bis zum Beginn einer eigenständigen Lehrerausbildung – die dem von den Brüdern vertretenen Modell im übrigen entspricht -, und es ist diese Tatsache bezeichnend für die Rolle der Brüder bei der Konzeptionierung der sogenannt laizistischen Grundschule.

Der Großmeister der Universität «rief die Priesterschaft bereits mit einer seiner ersten Amtshandlungen als Verwaltungschef zur Überwachung der Landschulen auf und forderte die Einschaltung der Priester bei der Auswahl der Lehrkräfte», und er machte vom Gründungsdekret der Universität, das ihm die Brüder unterstellte, Gebrauch, «um die Brüder überall zu beschützen und zu fördern» sowie «um sie dem Wehrpflichtgesetz und den Belästigungen seitens der Militärbehörden zu entziehen» (siehe: Guizot, Essai sur l’histoire et l’état actuel de l’instruction publique en France, Aufsatz über die Geschichte und den augenblicklichen Zustand des öffentlichen Bildungswesens in Frankreich, Paris 1816).

Das ganze Problem des Protestanten Guizot ist der Neuaufbau einer Institution, die derjenigen der Brüder gleicht, deren Reich sich aber über alle, und nicht bloß über die katholischen Untertanen des Königs spannt. Die Freimaurerei, der Guizot wie so viele andere Verfechter der «laizistischen» Schule angehört, gibt ihm zweifellos Rückendeckung. Die entscheidende Tat seines Ministeriums liegt vielleicht weniger in dem, für das Guizot am bekanntesten ist, nämlich in der Verpflichtung einer jeden Gemeinde zur Eröffnung einer staatlichen Schule, sondern mehr in der Verpflichtung eines jeden Departments zur Eröffnung einer Pädagogischen Hochschule, an der die Lehrkräfte ausgebildet werden, welche den staatlichen Schulen überhaupt erst Sinn geben.

Die Brüder sind von dieser Ausbildung, der ihre eigene gleichgestellt ist, befreit. Doch müssen sie sich wie die anderen Lehrkräfte staatlicher Überwachung unterwerfen; [86] diese steht selbstverständlich über ihrer internen, durch den Bruder Superior ausgeübten Überwachung, was den Brüdern auf den ersten Blick hin keineswegs Anstoß bieten können sollte, zumal jene Überwachung von Prinzipien beseelt und von Vorschriften geprägt ist, die von den Brüdern selbst stammen und von ihnen daher besser als von irgendjemandem sonst beachtet werden könnten. Doch eine Überwachung, mit der sich die staatliche über die religiöse Autorität stellt, ist unannehmbar für die Brüder.

Es werden Kompromisse gesucht und Angebote unterbreitet: Freistellung vom Militärdienst für Brüder, die sich verpflichten, für die Dauer von mindestens 10 Jahren im staatlichen Schuldienst tätig zu sein. Ein außergewöhnliches Privileg, das allen sonstigen vom Besuch der Pädagogischen Hochschule befreiten Lehrkräften nicht gewährt wird. Lehrerausbildung ist Brüderausbildung ohne Treuebekundung dem Bruder Direktor gegenüber; doch ist es nicht gerade jene feudalistische, im Bruder Direktor einen Stellvertreter Gottes erblickende Treuebekundung, aus der die Brüder libidinale Stütze gewinnen? Wem und was ist der laizistische Lehrer untertan? Welche anderen denn als äußere Mittel gibt es, um die Kanäle zu kontrollieren, durch die das Désir dieser Lehrkraft fließt? Die in einer allein externen Kontrolle liegenden Unwägbarkeiten drücken sich in einer Reihe von Minireformen der Pädagogischen Hochschulen aus. Die am Modell der Brüder ausgerichtete Lehrerausbildung schenkt dem fundamentalen Antrieb der Brüder, der Hinwendung zu Gott, keinerlei Beachtung und lädt zu deren Ersatz durch Hinwendung zum Wissen ein, zur Emanzipation der breiten Masse mit all den einer solchen Emanzipation innewohnenden Gefahren, gegen die immer weitere Dämme zu ziehen sein werden: Internatsunterbringung der Lehramtsstudenten, zunehmende Engführung der Lehramtsausbildung sowie schlechte Besoldung – eine blasse und ärmliche Lehrerschaft wird schon nicht gefährlich sein.

Paris kehrt zur simultanen Methode zurück

Nach der Revolution von 1848, in der die am glühendsten für eine vom Wissen beförderte Emanzipation der breiten Masse eintretenden Lehrer die vordersten Schlachtlinien der Revolutionäre bildeten, tritt die Unterdrückung der mutuellen Methode offen zu Tage. Es werden ihrer Entwicklung nicht mehr einfach nur Fesseln angelegt, es wird ihre Ausbreitung nicht mehr einfach nur auf die Orte beschränkt, an denen die Brüder noch nicht sind, vielmehr wird sie nun geradeheraus zerstört. Ein an den Präfekten des Department Seine adressierter Bericht aus dem Jahr 1851 spricht sich für die Gesamtheit der Schulen des Departments für die simultane Methode aus. Man beruft sich auf gute Gründe: Monitor sein beansprucht zu viel Zeit, und die Eltern sind nicht einverstanden; die Lesemethode ist absurd, da sie schnelles Lesen verhindert, indem die unregelmäßig gebildeten Wörter und komplizierteren Buchstaben erst zum Ende des Unterrichts hin behandelt werden; die mutuellen Schulen sind laut und halten die Kinder nicht zur Führung von Heften an (sie schreiben auf Schiefertafeln), wohingegen sich die Schulen der Brüder durch Stille und ihre Schreibhefte hervortun; [87] die mutuellen Schulen sind von sehr ungleicher Qualität, während die Schulen der Brüder sich allesamt gleichen; und insbesondere weil der mutuelle Unterricht dem Lernrhytmus der Kinder folgt, sind die mutuellen Schulen nicht alle zur gleichen Zeit auf gleichem Lernstand, und dies obschon die Mobilität der Einwohner von Paris erfordern würde, dass ein Kind, welches in einen anderen Stadtteil umgezogen ist, am nächsten Morgen in der neuen Schule da im Lehrstoff weitermachen könne, wo es am Tag zuvor in der alten Schule stehengeblieben sei.

Eben diese letzte Feststellung beweist, das die mutuelle Methode, falls es sie denn überhaupt jemals gegeben haben sollte, in der Tat bereits seit langem aufgegeben worden ist. Denn ein Kind findet dort per Definition immer einen Platz, der seinem aktuellen Lernstand entspricht. Dies einerseits; andererseits sind Monitore nicht mehr diejenigen, die in der vorangegangenen Lektion eines jeweiligen Unterrichtsgegenstands die vorläufig Besten gewesen sind; es sind vielmehr die besten oder die ältesten Schüler Monitore. Die Regelung vom 29. April 1835 verpflichtet den Maître, ihnen täglich vor dem Schulbeginn der anderen Kinder einen eindreiviertel Stunden langen Kurs zu geben. Der mutuelle Unterricht ist in die von Jean Baptiste de la Salle gegebene, ursprüngliche Form des simultanen Unterrichts zurückversetzt worden: Eine jede von mehreren Abteilungen (in Paris sind es drei) arbeitet gleichzeitig unter Anleitung eines fortgeschritteneren Monitors, der eine Art von Vorarbeiter der Abteilung ist und wiederum unter der allgemeinen Anleitung des Maître steht. Von der mutuellen Methode ist nur noch die Bezeichnung geblieben.

Die Erstickung der mutuellen Methode verläuft übrigens im schnellen Galopp. Die oben genannte Regelung datiert aus dem Jahr 1835. Im Jahr 1847 wird in Paris für alle dortigen Schulen beschlossen, einer jeden mutuellen Klasse eine simultane Parallelklasse beizugeben. In Wirklichkeit heißt dies vor allem, den städtischen Schulen einen zweiten Maître beizugeben, was den Weg hin zu einer Mehrzähligkeit von Maître eröffnet, um am Ende für jede Abteilung einen Maître zu haben und mithin auch die letzte Spur des mutuellen Unterrichts zu beseitigen. Was allerdings das Problem mit sich bringt, die Anzahl der Abteilungen einerseits so groß zu halten, dass möglichst viele Kinder arbeiten, diese Anzahl andererseits aber nicht zu groß werden zu lassen, da dies die vorhandenen schulischen Budgets überfordern würden.

Die Einrichtung der simultanen Parallelklassen konnte zeigen, dass bei Verzicht auf Monitore sowie auf die für die letzteren abzuhaltenden Kurse auch «entfallen kann, die Kinder bis um neun oder zehn Uhr den Unwägbarkeiten der Straße auszusetzen.» Die Kinder verbringen jetzt neun anstelle von sieben Stunden in der Schule. Von diesen neun Stunden entfallen zwei auf die Essensmahlzeit.

Wenn alle nun zur selben Zeit dasselbe tun anstatt, wie es sich aus Sicht des Maître darstellt, in aufeinanderfolgenden Wellen aktiv zu werden, ergibt sich als einer der großen Vorteile dieses simultanen Unterrichts, dass der Maître das Unterrichten alle zwei bis drei Stunden unterbrechen kann. «Bei einem solcherart unterteilten Tagesablauf kann die Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse auf die Pausenzeiten beschränkt werden. [88] Und eine der allergewöhnlichsten Ursachen für Unterrichtsstörungen gehört der Vergangenheit an.» Was hier den Unterricht tatsächlich stört, ist die dem Maître auferlegte Pflicht, alle seine Schüler ständig im Auge zu behalten und niemals eine Abteilung, die ihre Arbeit beendet hat, allein nach draußen gehen zu lassen. Jene Pflicht des Maître treibt in der Architektur von Schulgebäuden bis hin zu der Blüte, in der Wand des Klassenraums einen Schlitz zu lassen, durch welchen der Maître Schüler, die sich während der Unterrichtszeit einzeln auf den Weg zu den Toiletten zu begeben haben, beobachten kann (siehe auch weiter unten im Text)!

Vom Jahr 1851 an bis zum Beginn der Dritten Republik besteht der Grundschulunterricht aus einer Grundschulklasse und einer Klasse für die Monitore; doch sind dies nicht mehr Monitore im Sinne von Vorarbeitern ihrer kleinen Klassenkameraden, sondern solche, die auf die Stellung eines Vorarbeiters einer Fabrik hin getrimmt werden. Die Klasse der Monitore wird starr; ehedem war sie nach «Fakultäten» unterteilt und wurde von einem einzelnen Schüler nur in derjenigen Fakultät besucht, in der er sich als stark erwies; nun werden einzelne Schüler für alle «Disziplinen» in die Monitorklasse berufen.

Das Streben nach Normalisation, nach Uniformität hat sein Ziel erreicht; die Kommission wünscht, dass der Stundenplan in den beiden Klassenstufen an jedem Tag überall der gleiche ist; dass die Unterrichtsstunde 60 Minuten dauert und rechtzeitig beginnt; dass in allen Pariser Schulen zur gleichen Zeit das gleiche getan wird. Ein System, das allen diesen Forderungen genügen würde, «wäre von einer Einfachheit, die seine allgemeine Verbreitung leicht machen würde» (Bericht aus dem Jahr 1851 an den Präfekten des Department Seine,). [89]

Fortsetzung: Die landesweite Normalisierung

[Hinweis: Die Quellenangaben kommen mit dem letzten Artikel dieser Serie]

Kategorien:Bildung Schlagwörter: ,
  1. Martin Bartonitz
    Dezember 27, 2020 um 11:25 pm

    „Es gab Mal eine Zeit, da haben die Schüler noch vor den Lehrern gebibbert!“

  2. No_NWO
    Dezember 28, 2020 um 10:59 am

    Es fällt auf, wie wenig Interesse diese Beitragsreihe bei den Besuchern des Blogs erweckt. Meine Verschwörungstheorie hierzu wäre: Einfach viel zu froh gewesen, als das Jahre währende Elend namens Schule endlich vorüber war, um dieser Qual danach auch nur noch eine einzige Sekunde Lebenszeit widmen zu wollen.

    • Martin Bartonitz
      Dezember 28, 2020 um 11:04 am

      Ja, ich sehe auch, dass sich das Interesse an diesem doch recht kritischen Thema sehr in Grenzen hält. Aber OK, es tut ja am Ende auch nicht gut zu verstehen, welchem primären Zweck Schule zu dienen hat …

    • No_NWO
      Dezember 28, 2020 um 12:15 pm

      Sicher, es ist eine Qual, sich an Qualen zu erinnern. Retraumatisierung.

      Als Anne Querriens Beitrag 1976 erschien, schlug er allerdings stürmische Wellen in der großen Leserschaft der Zeitschrift «Recherches». Was eigentlich ist so viel anders geworden seitdem? Waren die Damaligen naiver als wir, glaubten sie, in Wissenserwerb und Erkennen liege die Macht, die Welt zu verändern? Ja, es bliesen andere Winde, kräftige und landauswärts gerichtete, die herbeiriefen, in See zu stechen. Was auch die Eliten verstanden hatten. In «Between Two Ages» (1970) hatte Brzezinski die Lage bereits früh schon sauber analysiert und einen Gegenzauber gefunden: Den über ein offen daliegendes Meer in die Weite gehenden Blick einer global(!) im Aufbruch hin zu mündiger Kritik stehenden Jugend mithilfe des Themas Umwelt zurücklenken in die Enge von Katastrophe, Not, Elend und Tod — von Aussichtslosigkeit! (Jenes Gegenzauber-Komplott übrigens nur in der amerikanischen Originalausgabe von 1970 zu finden, nicht in der gekürzten deutschen Übersetzung!) Als Holger Strohm ehedem in Hamburg die Grünen mitbegründete, arbeitete er eng mit der CIA und auch unmittelbar persönlich mit Leuten aus dem direkten Rockefeller-Umfeld (z.B. mit Rockefellers Privatsekretär Buckley) zusammen. Öffentlich bekannt wurde dies übrigens durch Holger Strohms ganz freies Bekenntnis, welches er vor einem in die Hunderte zählenden Auditorium ins Mikro sprach, und das zu entlocken mir in einem beherzten Handstreich gelungen war — ich hab ihn einfach nur ganz dumm gefragt, ob es zuträfe, daß… . Und er fing zu reden an! Das war 1976, wenige Monate nachdem «l’ensaignement» erschienen war. — JA, STÜRMISCHE ZEITEN DAS!

      • Axel
        Februar 19, 2021 um 7:52 pm

        WowWowWowWowWow!
        Hast du da noch ein Paar Details (Holger ist einer meiner ‚Helden‘) ?

        • No_NWO
          Februar 19, 2021 um 9:02 pm

          Mein Held auch. Weil er eine grundehrliche Haut ist und nicht falsch spielt. Auch wenn er „Scheiße baut“, so wie damals mit den Grünen, ist er immer innerlich fest überzeugt, das Richtige zu tun. Wäre es anders, hätte er damals, im Bundestagswahlkampf 1976 auf der FDP-Veranstaltung «Kernenergie pro und contra» im großen Saal des Hamburger Curio-Hauses, meine drei Fragen nicht so dermaßen restlos offenherzig coram publico beantwortet, daß den hunderten Anwesenden die Kinnlade herunterfiel. Er sagte, in allerkürzester Zusammenfassung, etwa dies: „Ja, ich arbeite eng und sehr vertrauensvoll mit der CIA zusammen. Und auch mit Rockefellers – und das ist auch gut so, denn das sind astreine Leute.“ Als er dies sagte, glaubte er es fest. Es muß für ihn ein langer und schmerzvoller Weg gewesen sein, sich von seiner alten Religion, vom Glauben an das gute Amerika, befreit zu haben. Hut ab vor Holger Strohm!

          Ja, es gibt jenes gute Amerika. Sein Herz schlägt nicht in Regierungsinstitutionen und nicht in den großen Tycoons, sondern in der Brust jener Amerikaner, für die Amerika für Wahrheit, Freiheit und Brüderlichkeit steht, für die Werte der Constitution of the United States of America.

  3. No_NWO
    Dezember 30, 2020 um 2:50 pm

    Hier etwas für mich gänzlich Neues, das am ehesten in diesen Thread gehört, so an das große Motto der französischen Staatsschule gedacht wird: Einen Platz für jedes Ding, und jedes Ding an seinen Platz. Was durchaus auch die kleinen Kinderkörper angesprochen hat: Der Körper als Ding. Und Teil nun auch des Internets der Dinge! Siehe den Beitrag

    «Das Internet der Körper», von Jens Bernert

    https://kenfm.de/das-internet-der-koerper/

  4. No_NWO
    Dezember 31, 2020 um 9:01 am

    Was eigentlich in den Beitrag gehört hätte, dort aber leider fehlt: Die christlichen Lehrbrüder führen eine WEBSEITE ==>

    Lasallefrance.fr

    Die Lehrbrüder sind bis heute hin aktiv und sowohl in Frankreich wie auch international mit zahlreichen Einrichtungen vertreten.

    Der französische katholische Laienorden «Die Brüder von der christlichen Lehrdoktrin (les frères de la doctrine chrétienne)» ist allgemeiner bekannt als «Die Brüder von den christlichen Schulen (les frères des écoles chrétiennes)».

    Seine Webseite präsentiert den Orden wie folgt (Auszug aus Lasallefrance.fr in deutscher Übersetzung) ==>

    Die von dem Heiligen Jean Baptiste de La Salle gegründeten Brüder von den christlichen Schulen sind gemeinschaftlich lebende nichtpriesterliche Ordensmänner, die ihr Leben Gott geweiht haben und der Erziehung der Jugend widmen.

    Heutzutage sind die Brüder in 77 Ländern auf allen fünf Kontinenten und für annähernd eine Million Jugendliche tätig.

  5. muktananda13
    Dezember 31, 2020 um 12:55 pm

    Nietzsche hatte Recht.Leider noch aktuell.

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: