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Serie zur Schule als Fabrik – Die Wirkung tuenden Blicke

Der folgende Text setzt die sechs ersten Artikel zur Schrift „l’ensaignement – 1. l’école primaire (1. Grundschule)“ der Französin Anne Querrien fort, in der sie beschreibt, wie in ihr die Sicht auf die Schule als Maschinerie zur Formierung gehorsamer Arbeiter reifte (siehe), und wie die Sicht der gesellschaftlichen Führungsschicht auf den ärmsten, den bildungsfernsten Teil der Bevölkerung im 19. Jahrhundert ausfiel (siehe)und wie Aufstellung des Heers der Arbeit als Zufuhr gehorsamer Arbeiter durchgeführt wurde (siehe).  Der dritte Teil betrachtete mehrere Strategien der Lehre in Bezug auf ihre Effektivität. Dabei lernten wir die Vorteile des mutuellen Unterrichts kennenDer vierte Teil stellt dar, aus welchen Gründen am Ende der mutuelle Unterricht scheiterte und der Simultane den Vorzug bekam. Der fünfte Teil geht der Frage nach, warum die mutuelle Schule sich nicht gegen die Brüder durchsetzen konnte. Der sechste Teil zeigt auf, wie Schule in Frankreich überall angeglichen wurde. In der zweiten Hälfte spricht Anne über ihre emotionale Lage während der Erarbeitung der Studie mit einer Bewertung, die die Administration zu Innovationen steht. Diesen Teil empfinde ich als den deutlich spannenderen. Der hier nun folgende siebte Teil betrachtet die über alle Maßen stattfindende Kontrolle. Einer Kontrolle der Lehrer über ihre Schüler, aber auch der Inspekteure über die Lehrer. Sehr gruselig, wie ich finde.

Die Wirkung tuenden Blicke

Anne Querrien, Autorin des hier vorliegenden ins Deutsche übersetzten Textes

Die dank geeigneter technischer Hilfsmittel omnipräsente Überwachung beseelt die Gesamtheit aller Kollektiv-Infrastrukturen, welche die Disziplinierung und Formung der Arbeitskraft zum Ziel haben (siehe: Michel Foucault, Surveiller et punir, Überwachen und strafen, Verlag: Gallimard, 1975). Doch jenseits von Überwachung sind es die Blicke selbst, die von der Machtmaschine eingefangen und ausgerichtet werden, um ihr zu dienen. Die im 17. Jahrhundert aufkommende Obergewalt, die sich nach der französischen Revolution fest einrichtet, zeigt sich ihren Untertanen nicht mehr direkt: Sie sieht die Untertanen, und während diese sich zu sehen geben, gibt sie ihnen etwas zu sehen und kanalisiert auf solche Weise ihre Blicke.

Der Blick als Machtvektor

Der unablässige Blick des Maître auf den Schüler, der im exemplarischen Fall der Kleinschulen von Port Royal über Tag und Nacht andauert, stellt den ersten Kennbuchstaben der modernen Pädagogik dar. Um diese Überwachung so weit als irgend möglich zu erleichtern, umfassen die Gruppen in Port Royal nicht mehr als fünf oder sechs Kinder. «Körperliche Züchtigungen galten als verschlimmernd und waren selten. Ein kurzer Blick des Maître machte mehr Eindruck als die strengsten Strafmaßnahmen» (siehe: René Taveneaux, La vie quotidienne des Jansénistes, Das Alltagsleben der Jansenisten).

Port Royal nahm ausschließlich Kinder aus dem Adel oder aus der Großbourgeoisie auf. Doch ebenso die Schulen der Brüder zeichnen sich durch den neuartigen Gebrauch des Blicks als Zwangsmittel aus. Da der Maître nicht in all den Straßen, über welche die Schüler sich auf ihrem Nachhauseweg zerstreuen, gleichzeitig präsent sein kann, wird der Nachhauseweg organisiert und von irgendwelchen Schülern überwacht, die dem Bruder Direktor bezüglich des von ihnen Beobachteten berichtspflichtig sind; allerdings dürfen diese Schüler ihre Kameraden unter keinen Umständen zur Unterlassung von Fehlverhalten anhalten, das dann gegebenenfalls nicht mehr beobachtbar wäre. [126] Im Ergebnis ist der auf die Mitschüler gerichtete Blick delegiert, es ist der Blick dessen, dem Bericht zu erstatten ist, der Blick des Maître. Die geflissentliche Einhaltung des mit der Delegation des Blicks gegebenen Interaktionsverbots stellen eigens vom Maître beauftragte «officiers inspecteurs» sicher.

In der Schule der Brüder setzt die Verschriftlichung der Regel ein, sie wird für alle gut sichtbar ausgehängt, und auch der Regelverstoß wird quasi verschriftlicht und gegebenenfalls zusammen mit dem Delinquenten gezielt vor den Blick des Kollektivs gerückt. Einen Schüler der allgemeinen Schande bzw. dem Blick des Kollektivs preiszugeben, wird zum moralischen Zwangsmittel der Wahl. Hat es einen Fehltritt gegeben, schlägt der Maître mit dem Lineal bzw. «Signal» auf sein Pult, richtet das Lineal auf den entsprechenden Schüler und sodann auf diejenige Stelle der Wand, auf welcher der Satz ausgehängt ist, der die Regel aufführt, gegen die verstoßen worden ist.

Alle Innovatoren werden späterhin verschiedene Verfeinerungen dieses Aktes des dem kollektiven Blick Darbietens ersinnen.

Um die Verfehlung eines Schülers zu bestrafen, fixiert der Maître ihn mit den Augen, richtet den Finger auf ihn und bewegt seine Hand anschließend so, dass der Finger neben seine eigene Brust weist. Der Schüler kommt zum Podium des Lehrerpults; es wird ihm ein Schild um den Hals gehängt; der Maître weist mit dem Finger auf die Stelle im Klassenraum, auf welcher der Schüler im Blickfeld der gesamten Klasse zu stehen hat

Lamotte und Lorain, Manuel de l’enseignement simultané et méthode mixte, Handbuch für den simultanen Unterricht und die gemischte Methode, Paris, 1837

Der kollektive Blick ist der Garant des Vollzugs des Gesetzes, welches nun geschriebenes Gesetz ist, sich zur Schau stellt, sich per Aushang kundtut und, stumm, seine Anwendung einfordert; es fordert, dass über seine Anwendung gewacht wird, dass diese überwacht wird. Das Gesetz be(ob)achtet sich {frz.: observer = beachten, beobachten } und infolgedessen be(ob)achtet es auch seine Anwendung, deren Variationen immer nur Abweichungen von einer Einheitsnorm, Abweichungen vom Gesetzestext, sein können — eines Gesetzestexts, welchen zu erstellen jene Praxis des Be(ob)achtens nun auch für die bisher noch nicht kodifizierten Bereiche ermöglichen soll: das Gesetz als resultierender Mittelwert der in einem jeweiligen Bereich zu be(ob)achtenden Praktiken. Die geschriebene, per Aushang kundgetane und vor den Blicken aller Schüler ausgebreitete Regel muss punktgenau befolgt werden (siehe: M. Matter, L’instituteur primaire ou Conseils et directions pour préparer les instituteurs primaires à leur carrière et les diriger dans l’exercice de leurs fonctions, Der Grundschullehrer oder Ratschläge und Anweisungen zur Vorbereitung der Grundschullehrer auf ihre Laufbahn sowie zu ihrer Lenkung in der Ausübung ihrer Aufgaben).

Teilhabe an der Amtsgewalt ist Teilhabe an der Ausübung jenes Blicks. Und es sind hierzu alle aufgerufen, allerdings in einem jeweils unterschiedlichen Maße, welches bestimmt ist von der Reichweite ihrer jeweiligen Macht, welche die Reichweite ihres jeweiligen gesellschaftlichen Blicks ist. «Der Bürgermeister ist der Chef der Kommune, er bildet die Spitze der örtlichen Überwachung» (Schreiben von Guizot aus dem Jahr 1833 an die Lehrer). In dieser ihrer Position sind die Bürgermeister bis zur im Jahr 1835 erfolgenden Aufstellung des Korps der Inspektoren Mitglieder der infolge der amtlichen Anordnung aus dem Jahr 1816 eingerichteten örtlichen Komitees für die Überwachung der Lehrer. Ein Korps von Inspektoren, das seine Blicke unmittelbar zum Wohle des Gesamtstaats umgehen lässt, ist im Ergebnis mehr wert als eine Vielzahl von lokalen Brillen, durch welche wenig wahrscheinlich immer die gleichen Augen blicken werden, zumal ein Zusammensitzen von Bürgermeister und Pfarrer ohnehin immer nur die Augen der bürgerlichen und religiösen Tradition ergeben kann. [127] Bürgermeister und Pfarrer arbeiten übrigens mit Lehrern zusammen, bei denen sie Unterstützung für ihre Überwachungsaufgabe finden können (siehe: Bericht aus dem Jahr 1831 des Inspektors für die Region Montbéliard). Um sich diese Unterstützung zu sichern, geben Bürgermeister und Pfarrer im allgemeinen einer von den Brüdern eingerichteten Schule, welche dem ihnen selbst eigenen Verständnis von Autorität folgt, den Vorzug.

Die Brüder sollen in aneinander angrenzenden Klassenräumen sein; sie sollen ihre Plätze immer so wählen, dass sie sich gegenseitig sehen können, und sie sollen ihre Sitzplätze, so diese einmal gewählt sind, ohne Anweisung seitens des Bruder Direktor unter keinen Umständen verändern, auch nicht die Bänke, Tische und das sonstige Mobiliar. Der Bruder in der einen Klasse soll keinerlei Notiz vom Geschehen in einer anderen Klasse nehmen, es sei denn, er habe entsprechende Anweisung seitens des Bruder Direktor erhalten. Sollte sich allerdings in einer Klasse irgendetwas Unpassendes ereignen, und kein anderer Bruder dieser Schule sieht es oder weiß es, soll nicht versäumt werden, dies dem Bruder Direktor noch am selben Tag zur Kenntnis zu bringen, ohne dass der hier in Betracht stehende Kenntnisgebende das Recht hätte, deswegen auch nur im geringsten bekümmert zu sein. […] In der Person ihres Direktors sollen die Brüder allezeit Gott erblicken… . Ihm sollen sie ein demütiges und völliges Vertrauen entgegenbringen und ihm all ihre Schwachheiten, die des Körpers, wie auch die des Geists, entdecken…

Aus dem Statut der Gemeinschaft der Brüder von den christlichen Schulen aus dem Jahr 1787

Es entsteht eine Kette von Blicken, in welcher ein jeder den unter ihm für den über ihm besieht; und weil ein jeder so auf seine Weise zum Zustandekommen jenes allgemeinen Wissens des Staats, welcher die gesammelten Beobachtungen kapitalisiert, beiträgt, leistet er zugleich allen neuen staatlichen Maßnahmen Vorschub. «In den Pädagogischen Hochschulen ist alles durch Verordnungen geregelt und unterliegt der Inspektion und Überwachung, …im Ergebnis weiß der Staat alles, was dort geschieht; er trägt die Verantwortung für die aus dieser Hochschule hervorgehenden Schüler und kann die Maßnahmen ergreifen, die erforderlich sind, um Lehrer und Lehrerinnen auszubilden, die dieser ihrer Bezeichnung würdig sind» (Paul Bert im Jahr 1879 vor der Nationalversammlung).

Die Überwachung hat nicht allein Repression zum Ziel. Nach und nach werden repressiven Absichten folgende Maßnahmen von solchen abgelöst, die der neuen Absicht der Normalisation folgen, die überwachten Abläufe werden gemessen, und dies wird in dem zweifachen Sinne von quantifizierender Beobachtung wie auch von Beruhigung der Abläufe unternommen. Die alle Knotenpunkte der Macht durchziehende Überwachung hat die Aufgabe, die gesellschaftliche Innovation zu «regulieren». [128]

Die Überwachung als Herzstück der Organisation

Aufgabe der Überwachung ist es, die gesellschaftliche Reichweite der Innovation, mit welcher die Überwachung aufs allerengste verwoben ist, in zulässigen Grenzen zu halten. Diese Grenzen sind die des Bekannten, und für ein vorwissenschaftliches Denken, wie es im betrachteten Zusammenhang vorherrschend ist, meint Bekanntheit Sichtbarkeit. Angefangen beim Kind, dem Hauptgegenstand dieser Übung, darf nichts dem Blick entgehen — ist er doch eigens zu diesem einen Zwecke gemacht.

Konzipiert ist der Schulraum zuvorderst, um dem Mâitre zu ermöglichen, alle seine Schüler ständig im Griff zu haben. Sind die diesbezüglichen Mittel der Kleinschulen von Port Royal nicht verfügbar, sind entsprechende Lösungen zu ersinnen. Jean Baptiste de la Salle: «Um die Schüler einschließlich ihrer Füße sehen zu können, betrachtet der Maître sie von seinem erhöhten Podium aus im Seitenprofil.» Die pädagogische Praxis steckt noch in den Kinderschuhen, es gibt noch keine Erfahrungen mit der Delegation des Blicks an Mitschüler, für welche Jean Baptiste de la Salle sich zum Hauptfürsprecher machen wird. Aus seiner hier oben gegebenen Empfehlung strahlt jene dem Maître verfügbare Macht auf, die Gesamtheit seiner Eleven mit einem kurzen Blick zu erfassen; diese seine Fähigkeit bildet die materielle Hauptgrundlage einer Macht, die sicherer als die eines Maître ist, der schlägt und währenddessen nicht sieht, was hinter seinem Rücken geschieht.

Das Podium des Maître erleichtert diese Machtausübung, mehr noch aber symbolisiert es diese. Doch werden alle folgen sollenden Rundschreiben wie auch alle offiziellen Dokumente das Erfordernis der Präsenz des Maître immer wieder hervorheben:

– «Der Maître sitzt auf einem sechzig bis achtzig Zentimeter hohen Podium so, dass er die gesamte Klasse überwachen und mit einem kurzen Blick alle Schüler auf einmal erfassen kann…»
(Manuel de l’enseignement simultané, Handbuch des simultanen Unterrichts, von Lamotte und Lorain, 1837).

– «Kein Hindernis darf dem Maître den Blick verstellen»
(F. Buisson, Dictionnaire pédagogique, 1882).

– «Wie wollen Sie denn ohne Podium kontrollieren, was sich hinten in der Klasse tut?»
(S. 205, F. Oury und J. Pain, Chronique de l’école caserne, Chronik der Kasernenschule, 1972)

Der offen vor dem Blick des Maître liegen sollende Raum sowie die vom Maître in diesem Raum einzunehmende herausragende Position sind für die Blockade einer beträchtlichen Anzahl von Innovationen ursächlich; zwar stellen sie den Gebrauch des Blicks als bevorzugten Machtvektor nicht zwangsläufig in Frage, allerdings organisieren sie die Blickposition im Raum anders.

Ob pädagogische oder architektonische Innovation, im Ergebnis wird zuvorderst zu einer Umorganisation der Überwachung eingeladen, man lehnt sich gegen eine rückschrittliche oder mangelbehaftete Ausübung von Kontrolle auf. [129] So auch Félix Narjoux, Stadtarchitekt von Paris, der zu Beginn der Dritten Republik eine ganze Serie von Arbeiten über Schulbauten herausgibt und eine neuartige Vorstellung von Überwachung entwickelt hat, welche insbesondere den Maître und, allgemeiner, sämtliche Stellen des Klassenraums sehr viel enger umgreift. Narjoux will, dass der Maître sich mitten in den Klassenraum hinein und unter seine Eleven begibt, um diese unter allen Blickwinkeln und nicht nur unter immer dem gleichen zu überwachen. Der erhöhte Sitzplatz des Maître ist aus Sicht von Narjoux ein Monument der Lächerlichkeit, welches den Maître, wenn dieser die Schüler zu sich zitiert, um deren Hefte oder Aufgaben nachzuprüfen, zwingt, sich mit einem nach dem anderen einzeln zu beschäftigen, was allen anderen einen ganzen Katalog an möglichen Ausschweifungen offerieren würde. Mehr noch «werden mit dem Sitz auf dem Podium die ärgerlichen Gewohnheiten der Maître befördert, eine schlechte Körperhaltung einzunehmen sowie den Dingen ihren trägen Lauf zu lassen, und wie man weiß, entgeht wachen Kinderaugen nichts von alledem» (Ecoles primaires et salles d’asile, construction et installation à l’usage des maires, délégués cantonaux et membres de l’enseignement primaire, Grundschulen und Irrenhaussäle; Konstruktion und Bau zur Kenntnis und zum Gebrauch der Bürgermeister, Abgeordneten des Kantons sowie der im Grundschulunterricht Tätigen, von F. Narjoux, 1879).

Mit den Gesetzen des Systems vertraute Architekten können Ihrem innovatorischen Wollen einzig unter dem Vorwand von Verstärkung der Überwachung Betätigung verschaffen. Doch obschon Narjoux mit dem Anspruch auftritt, die Angelegenheiten der Überwachung rundum zu vertreten, weist der Inspektor der Akademie einzelne von Narjouxs Projekten gruppiert angeordneter Schulgebäude wieder und wieder zurück: Eine solche Anlage der Pausenhöfe lässt das Vorhandensein von nicht allseitig einsehbaren Ecken erahnen usw.

Die materiellen Formen aus der Anfangszeit der Überwachung zeigen die Tendenz, sich über die Absichten der für die Überwachung zuständigen Behörden hinwegsetzen und verewigen zu wollen. Jenen rechteckigen und tristen Räumen haftet nun eine sich dort nach und nach eingeschliffen habende mentale Struktur an, die jeglichem Erneuerungsversuch, und selbst wenn dieser vom Zentralstaat gewollt sein sollte, unverrückbar widersteht. Hierzu der restlos ernüchterte Kommentar aus der Feder von Georges Mesmin, ehemaliger Direktor für schulische Infrastruktur beim nationalen Bildungsministerium: «Die Direktoren der Einrichtungen und die Lehrerschaft fordern nachdrücklich eine Architektur, die eine gleichbleibende Überwachung erlaubt, welche sie über die Schüler ausüben zu müssen glauben… . Die Flure haben lang und rechtwinklig zu sein, die Pausenhöfe sollen kahl und alles Zufällige soll aus ihnen verbannt sein, um sie mit einem einzigen schnellen Blick überwachen zu können» (Architecture d’aujourd’hui, Architektur heute, Februar-März 1971, Sonderausgabe, L’architecture et l’enfance. Die Architektur und die Kinder).

Die architektonische Innovation verlangt nach innovatorischen Lehrkräften. Nicht nur geben die Regularien zur Bestimmung des schulischen Einsatzorts innovatorischen Lehrkräften selten Gelegenheit, sich da zu bewerben, wo es not täte; [130] vielmehr haben die Überwachungsmechanismen häufig bereits die Kontrolle über ihren Selbstbehauptungswillen gewonnen, und sie lassen sich dann an den einen verlassenen Ort versetzen, an dem all die Regeln, von denen die übliche Überwachung regiert wird, zerschellt sind: in Klassen, deren zuständiger Direktor nicht mit Eltern zu rechnen hat, die an der Überwachung mitwirken und ihm wegen seines umtriebigen Lehrers Ärger machen würden: in die classes de transition {?; wörtlich: Übergangsklassen; wohl: Förderklassen}, in die classes terminales pratiques {?; wörtlich: praktische Abschlussklassen; wohl: berufsvorbereitende ~} und in andere Klassen für Schüler mit Anpassungsschwierigkeiten.

Die vielzählig auf dem Lehrer lastenden Blicke

Narjoux ist zweifellos ein Innovator, wenn er den auf dem Lehrer lastenden Kinderblicken eine potentielle Macht beimisst. Allerdings schreibt er im Jahr 1888, zu einer Zeit, als erstmals die Elternversammlungen und mit diesen die Familien begonnen haben, als neue Einflussgröße im Machtspiel der Institution Schule in Erscheinung zu treten. Die Kinderblicke sind nur bedrohlich, weil sie von der Familie delegiert sind, um dieser vom gesehenen Geschehenen zu berichten.

Der lastende Blick ist jener, welcher erzählt, berichtet, Rechenschaft ablegt und den Kettengliedern der institutionellen Erziehung ihre Tragfestigkeit verleiht. Es ist der Blick des Kollegen Bruder von den christlichen Schulen, der sich nur und allein auf etwas legt, um dem Bruder Direktor davon zu erzählen; es ist der Blick des Direktors der Pädagogischen Hochschule, dessen Interesse an seinen Studierenden von dem Beobachtungsbogen herrührt, den zu führen ihn sein Minister verpflichtet hat; es ist der von der vorgefertigten Liste mit den vielen kleinen Abhakkästchen gelenkte Blick des Inspektors (siehe: Le guide de l’inspecteur des écoles mutuelles, Der Leitfaden des Inspektors für die mutuellen Schulen). Um so lastender sind diese Blicke, als sie zuvorderst fordern, ebenfalls zu blicken, Regelwerke zu be(ob)achten, Kinder zu überwachen. Kinder, die blicken. Und die sprechen, die dies jedoch immer andernorts tun, und deren Blick nur antwortet, wenn er sich einer anderen Autorität anschmiegt, der Autorität der Familien mit ihren Merksätzen.

Es sind vielzählige Blicke, in denen der Lehrer gleich einem Vogel im Netz gefangen ist. Blicke von wem auch immer, auch solche von dem neben ihm, die bei gleich welchem Anlass zu Antworten auf gleich welche von der Verwaltung gestellte Fragen werden und zu schwerwiegenden Anschuldigungen führen können. Das von uns in den Archiven des Department Seine ausgegrabene und aus der Anfangszeit der Dritten Republik datierende Aktenmaterial enthält Ablehnungen von Anträgen auf Eröffnung neuer Schulen, deren Lektüre zweifellos schmunzeln lässt:

− Die betreffende Lehrerin war nacheinander Hilfslehrkraft in Saint-Mandé und in der Turennestraße; von diesen Häusern ist sie wegen nicht-ordentlichen Verhaltens verabschiedet worden. [131]

− Frau T… ist jene Hilfslehrerin seit langem bekannt. Sie hat bei dieser immer wenig passende Manieren vorgefunden und vor allem wenig Mäßigung. Sie war in Kenntnis, dass die in Rede Stehende wegen ihres in den Jahren 1872/73 mehr als leichtsinnigen Betragens entlassen wurde… . Sie würde heimlich mitgebrachte Romane lesen… . Sie gäbe sehr viel für ihre Schönheitspflege aus… . Sie ist eine Verbindung mit einem Unteroffizier eingegangen, obschon dieser ihr dargelegt hatte, sie aufgrund des für Militärangehörige geltenden Reglements nicht ehelichen zu können. Sie erhielt als Wertbriefe aufgegebene Postsendungen… . Sie ging alle 14 Tage vom Samstagabend bis montags früh aus, obwohl sie in Paris weder Angehörige noch hierseits bekannte Briefkorrespondenten hatte… . Sie hat sehr viel Briefe erhalten, doch die Direktorin glaubte sich nicht verpflichtet nachzuforschen, wer die Absender seien.

− Die insgesamt zur Person des Herrn J… vorliegenden Zeugenbekundungen stellen diesen als einen seit langem dem Trunk ergebenen Mann dar, der zwecks Geldbeschaffung häufig auf taktlose Methoden zurückgreift… . Mit Schweigen übergehe ich die in S… geherrscht habende große Aufregung über sein Zusammenleben mit einer ihm ehelich angeblich nicht verbunden gewesenen Frau… . Sie stritten und schlugen sich häufig. Die an einem Bein verkrüppelte Frau, deren Gehabe nicht den Eindruck von Anstand hinterließ, und die gegen Mittag aufstand und sich ihr Essen von ihrem Gatten aus der Gaststätte bringen ließ, ging keiner Arbeit nach.

− Die Dame erfüllt nicht die für die Führung einer Einrichtung erforderlichen moralischen Anforderungen. Ihr Gatte soll wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in Bezug auf die Person seiner Nichte in Haft gewesen sein… . Frau G… wird beschuldigt, schon lange Zeit vor der Eheschließung intime Beziehungen zu ihrem jetzigen Gatten unterhalten zu haben und dem Trunk ergeben zu sein.

− «…Pflichten als Lehrer, Gatte, Familienvater und Mann von Ehre hatte er alle mit Füßen getreten… . Aus dem gemeinsam mit der Gattin bewohnten Haus ist er in Begleitung einer Lehrerin verschwunden, welcher alles hätte Warnung vor einem so sehr verderblichen Fall sein müssen.»

− «…ist in der Klasse häufig in trunkenem Zustand gesehen worden; hat seine Schüler dann mit unschicklichen und allzu freien Themen unterhalten und sie durch Lektionen über die Verteidigung
von Barrikaden zur Revolte aufgestachelt.»

− «…ist in zweiter Ehe mit einer ihrer Unmoral wegen allbekannten Frau verheiratet, die ein (von der Präfektur genehmigtes) Bordell geführt hat. Die Toleranz des Gatten scheint seinerseits für einen völligen Mangel an Würde und moralischer Verlässlichkeit, die mit gutem Recht von einem Lehrer zu fordern sind, bezeichnend zu sein.»

− «Jener Herr hat vor zwanzig Jahren Frau und Kinder verlassen, um vor aller Augen mit Konkubinen zu leben, sein Betragen war allbekanntlich nicht ordentlich… . Er ist ein Mann ohne Moral, Festigkeit und klare Ziele, er hat überspannte Ideen, ist Leser des Rappel sowie weiterer extremer Tageszeitungen.» [132]

Das Gefühl, beobachtet und permanent beurteilt zu werden, ist für eine Lehrkraft, die an einer mehrstufigen und von daher unter der allgemeinen Aufsicht eines Direktors stehenden Schule tätig ist, das – neben anderem – am meisten Behindernde. Hier zeigt das von den Brüdern von den christlichen Schulen anfänglich entwickelte und sich schließlich überall durchgesetzt habende Schema Wirkung, wohingegen es dem auf sich gestellten Landschulmeister über lange Zeit möglich gewesen ist, während der zwischen zwei Inspektionen
liegenden Zeit zu innovieren.

Das Gewicht der Aufgabe, auf die Unbescholtenheit seiner Schule zu achten, ist dem Direktor Argument genug, um mehr Überwachung einzuverlangen und zu verdeutlichen, diese auch seinerseits verstärkt ausüben zu wollen. Fernand Oury und Jacques Pain führen in ihrer Schmähschrift Chronique de l’école caserne, Chronik der Kasernenschule, einige Beispiele für von Schulleitungen stammende entsprechend Anweisungen an:

– …auf dem Pausenhof eine «sehr aufmerksame Aufsicht» zu führen. «Eine sehr aktive Aufsicht» zur Vermeidung gewaltlastiger Spiele.

– «…sind die Spiele bei Ertönen des Pfiffs unverzüglich zu beenden. Zeitgleich begibt sich alles Personal zum Aufstellungsort für seine jeweilige Klasse. Ein jeder ist verpflichtet, den für die Überwachung eingeteilten Maître helfend beizuspringen, damit die Schüler sich schweigend und ordentlich aufstellen» (S. 124).

– «Ich darf Sie bitten, ihre Schüler in den WC-Saal zu begleiten, um den Diebstahl und die Beschädigung der Installation zu vermeiden» (S. 224).

– «…sind in den Wassertoiletten neun Türen durch Fußtritte beschädigt. Um weitere Schäden zu vermeiden, bitte ich Sie, ihre Schüler zu Beginn der Pausenzeiten zu den entsprechenden Räumen zu führen und ihnen anschließend den Zutritt zu versagen. Die die Pausenaufsicht führenden Maître werden dies sehr aktiv zu überwachen haben.»

Dies die unerwünschten Nebenwirkungen einer architektonischen Neugestaltung, welche die Schule noch lächerlicher macht und so den Schutz ihres materiellen Inventars erschwert: «Die Verwaltung wurde mit der Absicht ins Zentrum der baulichen Anordnung gestellt, um dem Personal lange Wege zu ersparen und ihm die Überwachung des Gesamtkomplexes zu erleichtern» (siehe: L’architecture française, Französische Architektur, Nr. 267-268, Dezember 1964). [133]

Die Vielzahl der Blicke auf das Kind

Nach und nach entsteht ein ganzes Überwachungsnetzwerk; miteinander verbundene Blicke beobachten das Kind unter einer Serie von Blickwinkeln, die im Verlauf der Erarbeitung eines kinderärztlichen und -psychologischen Wissens, welches bei den Blicken beginnt und endet, zunehmend konvergieren.

Der auf seine Schüler gerichtet gewesene Blick des Maître nimmt nach und nach die Form einer Reihe von in den schulischen Bereich eingebundenen Aufgaben bzw. Diensten an. Die ununterbrochene Dauer des Blicks bleibt gewahrt, doch geht er nun von einer Mehrzahl von Personen aus, aus deren Reihe das Kind, welches in den ersten christlichen oder in den mutuellen Schulen in die Überwachungstätigkeit eingebunden war, nun verschwunden ist.

Während bei den Brüdern oder in der mutuellen Schule Kinder beauftragt waren, die Mitschüler beim Eintritt in die Klasse wie auch auf dem umweglos direkt und ohne unangebrachte Pausen nach Hause zurückzulegenden Gang durch die Straßen zu überwachen, präsentiert sich die Schule der Dritten Republik als brutal geschlossenes Universum, dessen Dichtigkeit die in den Stadtschulen anzutreffende Eingangspförtnerin nach innen und außen zu überwachen hat: Zutrittsverbot für Schulfremde, für Schüler das Verbot des Verlassens des Schulgeländes.

Die Frage, ob die Pförtnerinnenloge in Bezug auf die beiden Eingänge, welche Jungen und Mädchen jeweils getrennt vorbehalten waren, geeignet liegt, ist eine der großen Sorgen der Inspektoren, wenn diese die Grundrisse von Schulgebäuden in der Region Paris prüfen. «Von zwei angrenzenden Wartesälen umgeben, wird der Pförtnerin die Überwachung von zwei Eingangskorridoren schwierig sein müssen… . Einer dieser Korridore läuft auf eine Biegung zu, die jegliche Überwachung unmöglich machen würde» (Einwände gegen die Pläne des Architekten Narjoux für den Bau gruppiert angeordneter Schulgebäude in der Titonstraße; 1878).

Die Schule steht jetzt in direktem Kontakt zur Familie. Von dieser wird angenommen, dass sie das Kind bis vor das Schultor bringt, wo es von der Eingangspförtnerin übernommen und sodann an den Lehrer weitergereicht wird. Der Eingang ist der Kontaktbereich von Familie und Schule und muss von daher auch Präsenzbereich des Direktors oder der Direktorin sein. Den Architekten bereitet dies Kopfzerbrechen, zumal der überdachte Schulhof und die Höfe ebenfalls frei im Blickfeld von Direktor oder Direktorin liegen müssen, welchen die Kontrolle und Aufsicht während der Zeiten zwischen den Unterrichtsstunden obliegt.

Die Überwachung differenziert sich aus, überwacht werden die Beachtung der Uhrzeiten beim Betreten und Verlassen der Schule; der pflegliche Umgang mit den Gebäuden und Installationen; die Bewahrung von Ruhe und Ordnung: Die Eingangspförtnerin und der Direktor wohnen vor Ort. Doch es entstehen zudem Überwachungen von positiver Natur. [134] Etwa ab dem Jahr 1908 sind in den Grundrissen Bereiche für den schulischen Gesundheitsdienst, für die Überwachung der Entwicklung des kindlichen Körpers, vorgesehen. Später auch für den schulpsychologischen Dienst zur Überwachung der Intelligenzentwicklung des Kinds. Positiv ist diese Überwachung, indem sie sich nicht mehr allein in Verbotsmaßnahmen und der Beobachtung von deren Beachtung erschöpft, sondern direkt Messungen am kindlichen Körper oder an dessen Reaktionen auf Tests vornimmt. Das Kind steht nun noch ein wenig mehr abseits von der auf es gerichteten Überwachung, da das jeweilige Gebot, dessen Beachtung Gegenstand einer Überwachung ist, ihm im Rahmen der neuartigen positiven Überwachungsmodalitäten nicht einmal mehr zur Kenntnis gegeben zu werden braucht.

Überwachung differenziert sich aus und tut dies in einem Prozess, in dem sich der Grund für die Überwachung von denen entfernt, über welche sie ausgeübt wird, von den Kindern, für welche es zunehmend unmöglich wird, sich gegen Überwachung zu stellen und sie kollektiv zu unterlaufen, da sie von dieser nicht mehr als Kollektiv angesprochen und zur Beteiligung aufgefordert sind – Überwachung wird zunehmend individueller.

Kontrolle des Blicks der Kinder

Nicht nur befinden die Kinder sich beständig unter den miteinander verbundenen Blicken der mit ihrer Überwachung beauftragten Autoritäten, auch die Kinder selbst haben die Augen ohne Unterlass auf den Maître fixiert zu halten und dürfen den Blick von diesem nur abwenden, um ihn auf streng vorgegebenen Bahnen auf Objekte zu richten, welche von der diese Objekte hervorgebracht habenden Autorität künden. «Die Ordnung in einer Klasse ist leichter aufrechtzuerhalten, wenn der Maître alle seine Schüler mit nur einem einzigen kurzen Blick erfasst, und ihm die Blicke seiner Schüler folglich zugewandt sind» (siehe: Lamotte und Lorrain, Manuel de l’enseignement simultané et méthode ‚enseignement mixte, Handbuch des simultanen Unterrichts und der gemischten Methode, 1837, S. 17).

Verschiedene Zeichen sollen den Schülern den Maître, der sie anblickt und den sie faszinierend finden, als die lokale Inkarnation der Macht und, in der Klasse, als den Verkünder der Regel vor Augen bringen. Um ganz sicherzugehen, hängt die Regel in den mutuellen Schulen über dem Lehrerpodium an der Wand: «Einen Platz für jedes Ding, und jedes Ding an seinen Platz». Über dieser Maxime erhebt sich eine Büste des Königs, welche von den zwei Worten Ordnung und Sicherheit umrahmt ist (siehe: Bouillon, De la construction des maisons d’école, Vom Bau der Schulhäuser, 1834). Die Seitenwände der Klasse, die nun nicht mehr zum Aufhängen der von der mutuellen Methode ehemals verwendeten Lesetafeln gebraucht werden, zieren sich mit moralischen Wahrsprüchen, bevor auch diese nach und nach Fenstern weichen müssen. «Hegen wir zärtliche Gefühle für für unsere Maître, unsere Eltern, unseren König und unser Vaterland» (1842). «Was ihr nicht an euch getan haben wollt, tut auch anderen nicht, und tut anderen, was ihr an euch getan haben wollt» usw. [135]

Der vom Kind auf die Schule gerichtete Blick soll ihm auch von der Anwesenheit der Obergewalt künden, einer republikanischen Obergewalt, die sich von den Vorgängerregimen durch ihre Strenge auszeichnet, weswegen Jules Ferry die Schulen, die das neue Regime bis in den letzten Winkel des Staatsgebiets repräsentieren sollen, in massiver Bauweise errichten lässt. Hinter diesen starken Mauern, in dieser uneinnehmbaren Festung tut die Republik ihr Werk, …nämlich das der Transformation des Volks, ganz so wie dies von der Schule erwartet wird. Zugleich macht die Republik sich an die Ausbildung eines Massengeschmacks entlang der Prinzipien einer dekorativen Architektur, für die das äußere Erscheinungsbild eines Bauwerks wesentlicher ist, als dessen Raumaufteilung. «Die äußere Erscheinung des Bauwerks hat mit seiner Bestimmung in Einklang zu sein. Dies verlangt, ihm eine sparsame und strenge Physiognomie zu geben. Nackte Fassaden, keinerlei schmückendes Beiwerk. Einfache Inneneinrichtung, keinerlei Vorsprünge, glatte Flächen. Licht und Luft im Überfluss, sehr viel Raum» (Empfehlungen für Entwurfspläne von Schulen aus dem Jahr 1873). Das Auge des Kinds soll nirgendwo Halt, soll nichts Interessantes finden, um sich so fest wie möglich auf den Maître, auf das Papier, das Buch und die Arbeit fixieren zu können. Für den das Kind umgebenden Raum ist Neutralität vorgesehen, er soll allein der Einhaltung der für ausreichende Hygiene und Beleuchtung zu stellenden Bedingungen genügen.

Was dieses Einhalten angeht, ist neben dem Blick vor allem etwas anderem Einhalt zu gebieten, dem Geschlechterunterschied, den die Schule in brutaler Weise aus ihrem Sichtfeld verbannt und als Leerstelle behandelt. Unter der Juli-Monarchie geht man gar so weit, für die noch gemischt bleibenden Schulen einen Sichtschutzzaun von 1,50 Metern Höhe vorzuschlagen, der den Klassenraum der Länge nach von hinten nach vorn in zwei Hälften teilen und jedem der Geschlechter den Genuss der von seiner Seite des Zauns aus sichtbaren Hälfte des Maître überlassen soll! Was am Blick interessiert, ist nicht mehr sein Vorhanden- oder Nichtvorhandensein, sondern allein noch seine Richtung. Geschlechtercharakteristische Düfte und Klänge? Uninteressant! Ihnen fehlt im schulischen Raum jegliche Bedeutung.

Obschon die Kinder beiderlei Geschlechts in den Familien häufig gemischt zusammenleben und bis zum Beginn der Pubertät im selben Bett schlafen (siehe: G. Clancier, Le pain noir, Das Schwarzbrot), dürfen sie in der Schule in keinem Moment aufeinandertreffen. Knaben und Mädchen haben jeweils eigene Eingänge. Wenn sie zufällig einmal den selben Eingang nehmen müssen, sollen sie dies im Abstand von einer Viertelstunde tun (siehe: Règlement des écoles communales de 1834, Regelwerk für die kommunalen Schulen aus dem Jahr 1834). «Die Schulen mit nur einem Gebäude für beide Geschlechter sollen vollständig separiert sein. Überdachte Pausenhöfe, Freihöfe und Gärten sollen durch begrünte Mauern getrennt sein und zwar so, dass sie zwei unabhängige und vollkommen voneinander getrennte benachbarte Einrichtungen bilden» [136] (Ministère de l’Instruction publique, deuxième série de plans modèles pour la construction de maisons d’écoles et de mairies par César Pompée: 1873, Bildungsministerium, Reihe 2 der Musterbaupläne für Schul- und Bürgermeisterhäuser, von César Pompée, 1873).

In der Anfangszeit der Dritten Republik zählen die architektonischen Auflagen bezüglich der Geschlechtertrennung zu den strengsten von überhaupt allen. Im Ergebnis entstehen praktisch symmetrische Grundrisse (siehe hier auf S. 151 den der Sammlung von César Pompée entnommenen Grundriss), in denen sich die Geschlechter bis hin zum Werkraum – jeweils einer zum Zeichnen, der andere fürs Nähen – punktgenau gegenüberstehen, um sie auf das ihnen jeweils zukommende Metier als Arbeiter oder Haushaltskraft vorzubereiten. Diese Trennung ist bei den Schreibmeistern vor der Revolution sowie auch bei den kirchengemeindlichen Kleinschulen unbekannt.

Das Zielobjekt des Blicks

Auf was wird sich der Blick des Erziehers zu richten haben, nachdem die Geschlechtertrennung vollzogen ist? Auf die sonstigen Erscheinungsformen von Sexualität: auf Masturbation, Homosexualität und auf all das, was die Gefahr irgendeines Durcheinandergeratens der Kinder heraufbeschwören könnte – ein Platz für jedes Ding, und jedes Ding an seinen Platz. Es sind hier die Kinder kleine «Dinge» mit zugehörigen Plätzen, mit gesellschaftlichen Plätzen, welche zu konservieren die Mission der Schule ist.

Die Kleinschulen von Port Royal wie auch die der Brüder von den christlichen Schulen achten bezüglich der Haltungen ihrer Schüler insbesondere – und dies im Falle von Internatsunterbringung auch während der Nacht – auf die «gebotene Mäßigung», vornehme Umschreibung des Masturbationsverbots. Diese Unterdrückung der kindlichen Sexualität durch die schulische Disziplin kommt mit dem Werk von Gerson und den Büchern der Zivilität {rechtes Betragen}, mit denen die Kinder zu lesen lernten und zugleich nachlesen konnten, was gute Manieren sind, bereits vor der allgemeinen Einführung der Grundschule auf, welche letztere von ihren fanatischsten Verfechtern als regelrechtes Gegenmittel zur Geißel der Masturbation wahrgenommen wird. Diese Auffassung wird sogar vom Journal der Gesellschaft zur Verbesserung des Grundschulunterrichts als Argument für die mutuelle Schule angeführt (Band 5, Oktober 1817 – März 1818). Die mutuelle Schule würde die Onanie zum Verschwinden bringen, da die Kinder kontinuierlich Übungen unterlägen und von ihren Kameraden überwacht würden. «Böte dies nicht Grund zu der Hoffnung, dass der mutuelle Unterricht […] zu einem regelrechten Heilmittel gegen insbesondere jene Krankheit wird, welcher die vereinten Anstrengungen von Religion und Medizin nicht haben beikommen können; und in nicht allzu ferner Zukunft könnte es sein, dass unsere Schulen gegen diese Leidenschaft wie ein Impfmittel gegen Windpocken verschrieben werden» (S. 337). [137]

[138] Schutz gegen die Masturbation der Kinder, gegen die Besessenheit, mit der die «stillen Orte» und Waschräume überwacht werden, welche gut einsehbar unter den Blicken des Kollektivs mitten auf dem Pausenhof stehen, damit ein jeder, der sich zu lange dort aufhält, schnell das Gefühl bekommt, Hohn und Spott auf sich zu ziehen, und den Ort deshalb unverrichteter Dinge wieder verlässt. Auch Schutz gegen das Aufwachsen des Lehrerpodiums, dessen Höhe erlauben muss, die Hände aller Kinder zu sehen: auf und nicht unter den Tischen. Auch Schutz gegen die oralen Ersatzhandlungen der Masturbation, gegen die Kitzeleien und kleinen Liebkosungen, gegen die alten Techniken der auf der Brust verschränkten Arme oder der auf den Kopf gelegten Hände. Der Maître ist unter den Blicken der Kinder gleichermaßen geschützt.

Zu überwachen ist zudem, dass nicht zu zweit in die Toilettenräume gegangen wird, und es muss möglich sein, dort einen prüfenden Blick hineinzuwerfen, und jeder soll sehen können, dass dies sehr leicht zu tun ist, um so bereits jeglicher Schlechtigkeit vorzubeugen. Die Unterseiten der Türen sind folglich in 40 Zentimetern Höhe über dem Boden abgeschnitten, und in einem Abstand von 21 Zentimetern von der Seitenkante der Tür befindet sich ein Guckloch in Höhe des Auges eines Erwachsenen. Unter den Blicken von Erwachsenen verrichtet das Kind seine Bedürfnisse, auch wenn es diese Blicke nur potentiell gibt (siehe: Lorain und Lamotte, Manuel complet de l’enseignement mutuel, Vollständiges Handbuch des mutuellen Unterrichts, Verlag: Hachette, 1842).

Das zu verhindernde Kindermischmasch ist nicht allein eines geschlechtlicher, sondern auch gesellschaftlicher Art. In dem Maße, in dem sich nach und nach das Modell einer Einheitsschule durchsetzt, in der alle schulischen Stoffgebiete einschließlich derer, die vordem an getrennten Orten vermittelt worden waren, nun zusammen an einem Ort unterrichtet werden, stellt sich das Problem des gemeinsamen Schulbesuchs von Kindern aus unterschiedlichen Milieus. Die Angehörigen des Bürgertums würden ihre Kinder gern von der Grundschule profitieren lassen, aber nicht um den Preis, dass ihre eigenen Kinder sich mit denen der Canaille vermischen, an welche die Schule sich doch eigens richtet. Im Jahr 1820 ist eines der Argumente für die mutuelle Schule, dass sie dem Maître die gleichzeitige Aufsicht über zwei nach Arm und Reich getrennte Klassenräume erlaube. Im Jahr 1876 wird ins Gespräch gebracht, die allgemeine Schulpflicht mit dem Verbot der Fabrikarbeit von Kindern zu verbinden, da es unmöglich sei, die «Familien-» und «Fabrikkinder» gemeinsam zu unterrichten: Kinder gehören nicht in die Fabrik, ihr Platz ist in der Schule.

Ihr Platz ist in der Schule, die das schulische Niveau der Kinder in einem System von Plätzen exakt widerzuspiegeln versteht. Entsprechend hatte Jean Baptiste de la Salle die Klasse für das Lesen in neun leçons de lecture, Leselektionen, und diese wiederum in drei ordres, Ordnungen, gegliedert, aus denen sich 18 {sic!} unterschiedliche classes, Klassen, ergeben. [139] «Jede der Ordnungen innerhalb einer Lektion soll ihre eigenen Sitzplätze in der Schule haben, damit die Schüler der einen Lektionsordnung nicht mit denen einer anderen Ordnung der selben Lektion zusammen sind und durcheinandergebracht werden und sie anhand ihrer Sitzplätze voneinander unterschieden werden können.» Bei Jean Baptiste de la Salle sind die Sitzplätze beim Schreiben, Lesen und Rechnen die selben. Sie richten sich nach der Sitzordnung beim Lesen und werden zwischen zwei Prüfungen unverändert beibehalten.

Diese Einheitsordnung hat den Vorteil, einfach zu sein, und bietet sich der höchsten Autorität, dem Bruder Direktor oder dem Inspektor, offen zur Anschauung dar: In der Klasse gibt es keinerlei Regsamkeit, weswegen sie quasi den gleichen Anblick bietet wie ihre Repräsentationen in Form von Tabellen, Registern usw., welche letzteren zu führen die Maître mehr und mehr gehalten sind, um ihre eigene Überwachung zu erleichtern.

Eine Schreibschrift, die zu sehen gibt

Die Schreibschrift, welche sich über die gesamte schulische Hierarchie sowie auch über die Gesamtheit der gegen Ende des Jahrhunderts und während des 19. Jahrhunderts (siehe: Michel Foucault, Surveiller et punir, Überwachen und strafen) aufkommenden Kollektiv-Infrastrukturen verbreitet, wird auf eine sehr spezielle Weise verwendet. Wird einmal von den Hausaufgaben abgesehen, ist jene Verwendungsart häufig die einzige, welche die anfänglich ersten beschulten Kinder kennenlernen. Die Hausaufgaben werden in Hefte geschrieben, um jener anderen, außerhalb der Schule auf dem Kind lastenden Autorität sichtbar gemacht zu werden, der Familie. Einer der Gründe für den Sieg der simultanen über die mutuelle Methode liegt in dem in der mutuellen Schule üblichen Einsatz von Schiefertafeln, auf denen keine Spuren von der im Laufe der Zeit in der Gesamtarbeit des Kinds stattfindenden Evolution sichtbar blieben, keine Spuren von den diese Arbeit modifizierenden Eingriffen des Maître, von der berühmten roten Tinte unserer Kindertage.

Wie läßt sich mittels von Aufschreibungen das tägliche Geschehen in einer Klasse auf die dichtestmögliche Weise erfassen? Die Register sprießen nur so. Das Statut der kommunalen Grundschulen aus dem Jahr 1834 zeigt, nach welchem Prinzip dies vor sich geht. «Die Lehrkraft soll ein Register, in dem das Betragen und die Arbeit der Schüler exakt notiert werden, führen und es an das örtliche Komitee sowie an die Mitglieder und Delegierten des Stadtbezirkskomitees weitergeben.» Doch in seinen Ratschlägen und Anweisungen für Grundschullehrkräfte (1843) hat M. Matter es bereits auf 10 verschiedene Register gebracht, mittels welcher sich die Arbeit der Schüler und der Betriebsablauf der Schule sehr viel feiner vorgeben lassen: [140]

  • ein Register der angemeldeten Schüler;
  • ein Anwesenheitsregister für jeden Tag, um von den Eltern Entschuldigungsschreiben einfordern zu können;
  • ein Register für Belohnungen/Belobigungen;
  • ein Register für Bestrafungen
  • ein Register der Korrespondenz mit den Behörden, welches dem Inspektor erlaubt, schnell das Verhalten der Lehrkraft zu kontrollieren;
  • ein Register mit Besuchern der Schule; die Schule führte sich zur damaligen Zeit noch als Innovation auf, und man wollte wissen, vor wem sie sich aufführte;
  • ein Inventarregister des Materials, der Aushangtafeln, Schiefertafeln, Bücher und Instrumente im Bestand der Schule;
  • eine Buchführung
  • das Klassenbuch mit den Eintragungen des unterrichteten Stoffs und der Hausaufgaben;
  • Betragensbüchlein für die Schüler, um sich als Berater und Freund der Familien ausgeben und diesen diktieren zu können, was sie von ihrem Kind zu halten haben.

VORLAGE GRUNDRISS SCHULE FÜR 70 JUNGEN UND 70 MÄDCHEN
1873
siehe die für das Bildungsministerium erstellte Sammlung
von Grundrissen des Architekten César Pompée

Register und Aufschreibungen zu führen, ist im Ergebnis das Diktat von Verhalten bereits vor dessen Beobachtung und Notierung, dies auch und zuerst mit Blick auf den Aufschreibenden. Was die Lehrkraft mit ihren Eintragungen, der Inspektor mit seinem Inspektionsfragebogen und der Direktor mit dem von ihm zu führenden Register regulieren, ist ihr eigenes Verhalten.

Der Direktor einer Pädagogischen Hochschule soll es sich in allen Dingen zu einer strengen Pflicht machen, den Charakter, die Grundsätze und den Grad der Befähigung eines jeden seiner Lehramtsstudierenden gründlich zu kennen…, um in der Lage zu sein, Schwächen zu beheben, Tugenden zu pflegen und die Talente der angehenden Lehrkräfte zu entwickeln… . Gespräche mit einem jeden einzelnen, väterlicher Rat zu gegebenem Anlass so wie auch allgemeine und anlassbezogene besondere Strafpredigten sind einfache und sichere Mittel, dem von Grund auf Bösen in all seinen Spielarten Einhalt zu gebieten und machtvoll zu rechtem Handeln anzuspornen. Auf solche Weise wird es ihm gelingen, das vom Artikel 22 des allgemeinen Statuts vorgesehene Register exakt zu führen.

Register über die Arbeit, den Charakter und das Betragen der Lehramtsstudierenden; siehe: Considérations sur les écoles normales primaires de France, Betrachtungen über die Pädagogischen Hochschulen für Grundschullehrkräfte in Frankreich, von Ambroise
Rendu, 1838

Als Liste des zu Tuenden ist das zu führende Register lediglich ein Doppel der bereits geltenden schriftlichen Ordnungsregeln und es führt diese Ordnung jedem, der lesen kann, wieder und wieder bis ins Endlose vor Augen. Eine fixierende Ordnung, welche vereinheitlicht und die selbe Norm für alle setzt, eine unwiderrufliche Norm, durch deren Befolgung der Blick auf das zu Befolgende gelenkt und ein Kontroll- und Bestätigungsblick wird; [141] alles innerhalb der Norm Getane ist gut. Die Gesten und Zeichen, denen sich angepasst wird, sind durch Wörter und Sätze ersetzt, welche nun das schulische Universum regieren: Die Schreibschrift hat gewonnen. Eine Schreibschrift, welche nichts mit Erforschen zu tun hat, welche Wiedergabe des Sichtbaren und – der Maschine vorauseilend – bereits kinematographisch ist, allgegenwärtiges Video.

Die Schreibschrift kommt auch im Test eine Hauptrolle zu: Der Beobachter blickt und notiert unaufhörlich. «Eine derartige Befragung vorzunehmen, soll übrigens auch Gelegenheit bieten, das der Befragung unterzogene Individuum so umfassend wie möglich zu beobachten: Hat man das Kind vollständig zur Verfügung? Hört es dem Befragenden aufmerksam zu, oder muss es diesbezüglich häufig ermahnt werden? Errötet es verlegen? […] Es wird gut sein, den von dem Kind erhaltenen allgemeinen Eindruck anschließend zusammenzufassen» (Alfred Binet und Albert Simon, La mesure du développement de l’intelligence chez les jeunes enfants, Die Messung der Intelligenzentwicklung bei Kindern, Verlag: Armand Colin et Bourrelier, Paris 1934, S. 34).

Der erhaltene Eindruck ist, dass das Kind vielleicht nicht ganz da ist, nicht ganz da ist, wo es stehen sollte: zur Verfügung – und dies eventuell schon dauerhaft.

Denken und sehen: die Kontrolle der Gedankenassoziationen

Die Idee, das System der Gedankenassoziationen und die gesellschaftlichen Prozesse der Gedankenproduktion zu kontrollieren, steht bei Einführung der Schule vornean. Es ist das Projekt der Ideologen. Ein erstes wissenschaftliches Echo findet jenes Projekt gegen Ende des 19. Jahrhunderts zweifellos bei Freud und, in Frankreich, bei Binet. Ist das Geschriebene sichtbar gemachte Darstellung des Gedachten – was einzubleuen die Schule sich eifrig bemüht hat, indem sie umgekehrt die Beschränkung des Geschriebenen zum Bürgen der dem Denken auferlegten Beschränkungen gemacht hat – ist es ein kleiner Schritt nur, im Geschriebenen auch das Gedachte finden zu wollen. «Was ist das, denken? Woran denkt ihr?», fragt Binet seine Nichten Marguerite und Armande, «Was schreibt ihr unter diesen oder jenen Bedingungen?». Das ist die Fragestellung von L’étude expérimentale de l’intelligence, Experimentelle Untersuchung der Intelligenz, 1903.

Die von Binet in dieser Untersuchung bezogene Position ist offenkundig: Denken ist Widergabe des Gesehenen; ist für den, der aufgefordert ist, irgendetwas zu schreiben, die Erstellung einer Liste, welche ausschließlich in räumlicher und zeitlicher Nähe befindliche Objekte aufführt; ist Assoziieren strikt unter Bezug auf in unmittelbarer Nähe Befindliches; macht aus dem Schreiben einen strikten Reflex der Wirklichkeit, eine Art ihrer Bestätigung, ihrer gesellschaftlichen Kontrolle ganz so, wie die Schule die Verwendung des Schreibens vorgeführt hat. Dem zum Trotz findet Binet bei seiner Nichte Armande eine andere Form von Intelligenz vor, welche er unermüdlich anschwärzt und heruntermacht mit dem Erfolg, diese Intelligenzform nach einem Jahr quasi zum Verschwinden gebracht zu haben. [142] «Es ist verwirrend, bei ein und derselben Person Abstraktions- und zugleich Vorstellungsvermögen anzutreffen» (L’étude expérimentale de l’intelligence, Experimentelle Untersuchung der Intelligenz, S. 34). Sind die Wörter ein zur Wirklichkeit hin gespanntes Band, um von ihr (Armande) ausgehend, Wirklichkeit zu produzieren, oder sind sie eine strenge Abbildung der Realität ohne irgendeine produktive Intention (Marguerite)?

Der Vater der Intelligenztests trifft seine Wahl; dasjenige Schreiben, welches am weitesten von Intelligenz entfernt ist, indem es zwischen den Wörtern keine anderen Verbindungen herstellt als die des sichtbaren gesellschaftlichen Raums, wird als Normalform von Intelligenz genommen. Denken ist sehen und nicht sprechen, nicht überlegen; denken bedeutet, nichts hervorzubringen, das außerhalb des Bereichs des Gesehenen läge. Denken bedeutet die Fähigkeit, die eigenen Ideen zwingen zu können, den außenliegenden Formen zu folgen bzw. die Fähigkeit, das Denken an die Wirklichkeit anzupassen bzw. an das, was als wirklich zu nehmen aufgenötigt ist: Gut zu denken hilft, mit erzwungenem und aufgezwungenem Verhalten erfolgreicher zurande zu kommen. Zu eben letzterem Schluss zwingen die Ausführungen Binets in L’étude expérimentale de l’intelligence.

Die Hervorbringung einer Intelligenz des Sichtbaren erfordert eine sichtbare Ordnung: Die überall präsente, einförmige und alle Kinder einschließende Ordnung der Schule, von der ausgehend Binet arbeiten und die Kinder, welche sich alle im gleichen gesellschaftlichen Raum befinden, vergleichen kann.

Die Ordnung des Sichtbaren

Im schulischen Raum hat sich eine Ordnung für Kinder bzw. Menschen herausgebildet, welche letzteren alle durch diese Ordnung gesellschaftlich wie auch mit Blick auf ihre Intelligenz klassifiziert werden – Ordnung der Ideen, rechte Ordnung, einheitliche Ordnung, die als Repräsentanz der Wirklichkeit angesehen wird: Ordnung des gesunden Menschenverstands, befohlene Ordnung, die unter keinen Umständen durcheinandergebracht werden darf. «Damit das Gesetz überall geordnet und auf die gleiche Weise angewandt wird», was genaue Mustervorgaben für alle auf dem Gesetz Guizot beruhenden Akte meint. «Jegliche Abweichung wäre von nun an unentschuldbar,» berichtet der Staatssekretär in der Abteilung Öffentliche Bildung bezüglich der Ausführung des Gesetzes vom 28. Juni 1833 über das Öffentliche Bildungswesen an den König.

Diese festgeschriebene Ordnung wird allein vom Individuum gestört, von dessen plötzlichen Regungen, von dessen unvernünftigen, natürlichen Bedürfnissen. Eine individuelle Regung in der Klasse ist unnormal, bringt die sichtbare Ordnung durcheinander, welche eine kollektive ist, an der entlang man denkt, zu denken gezwungen ist.

Diese Gleichsetzung der zwanglichen mit der sichtbaren Ordnung zeigt sehr weitreichende Folgen im Bereich der Künstlerausbildung, die sich von nun an als unmöglich erweist. Ist das Gesehene, Gelesene und Beobachtete Widergabe dessen, das getan wird, getan werden und so getan werden muss, wie es vorab vorgegeben ist, und ist die Vorgabe zudem von einer Art, dass sich aus dem zu Tuenden kein Werden ergeben können wird, dann kann die Ordnung des Sichtbaren keine Produktionsordnung, keine praktisch produktive Ordnung sein. Die Schule hat das künstlerische Universum verlassen, welches sich in ihr allein noch durch bloßes Dekor in Erinnerung bringt.

Die Gleichsetzung der zwanglichen mit der sichtbaren Ordnung, was mit der Gleichsetzung des Denkens mit dem Sichtbaren einhergeht, zeigt auch im Bereich der Innovation sehr weitreichende Folgen. Erschöpft sich all das, was eine Lehrkraft aufschreibt, im Ausfüllen von Registern, in welche Einträge vorzunehmen sind, die verschiedenen aufgenötigten Mustern zu folgen haben, und kann die Lehrkraft in den Registern nur und allein beobachtetes Geschehen festhalten und dieses zudem nur und allein tun, um der ihr übergeordneten Gewalt die Abweichungen des Beobachteten vom Angeordneten zur Ansicht zu bringen, dann muss eine Lehrkraft schon über ein kaum vorstellbar großes Übermaß an Energie verfügen, um die Dinge anders zu sehen und zu machen, als es von ihr verlangt ist.

Die in der staatlichen Schule gegebene Gleichsetzung des Denkens mit dem Sichtbaren ist gleichbedeutend mit dem Verbot des wissenschaftlichen Denkens, welches doch eben aus dem Bruch mit dem
Sichtbaren hervorgekommen ist. Vor Galilei hat jedermann sehen können, dass sich die Sonne um die Erde drehte, mit dem Morgengrauen aufstand und mit der Dämmerung schlafen ging, so wie ein Mensch! [144 leer; 145]

Fortsetzung : Die Familienkinder

[Hinweis: Die Quellenangaben kommen mit dem letzten Artikel dieser Serie]

  1. No_NWO
    Januar 18, 2021 um 9:37 pm

    Michael Vogt im Gespräch mit Dr. med. Ulrich Mohr am 09.08.2015, 00:29. Es geht u.a. auch um die gesellschaftliche Rolle der Schule.

    Über den Link
    https://forum.silber.de/viewtopic.php?t=19137
    zu erreichen ist neben dem hier unten einkopierten Einführungs-Text mit seinen interessanten Sichtweisen auch ein Video-Link zum Gespräch, welcher aber bei YouTube „nicht verfügbar“ ist. Sollte jemand einen funktionierenden Link kennen, diesen bittesehr hier im Thread angeben!

    Zum Inhaltlichen zu sagen, sehe ich die Ursache der Entstehung von Mächtigen nicht so pauschalisierend negativ wie Dr. Mohr. So z.B. ist das frz. Kapetinger-Königshaus überhaupt erst entstanden, weil einige sich fähig zeigten, die Region Paris gegen räuberische Einfälle der Wikinger zu verteidigen. Woraus dann auch das Lehnswesen hervorging, das vor allem eine militärische Struktur darstellte. Auch die durchweg abwertende Sicht von Dr. Mohr auf Mächtige finde ich wenig differenziert.

    Hier nun das aus dem Link Kopierte ==>

    Ulrich Mohr:
    Die Aufzucht des orientierungslosen Weisungsempfängers

    Dr. med. Ulrich Mohr im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt.

    Der Mensch im Staat hat noch nie mehr als die Freiheit gehabt zu konsumieren. Selbst die ältesten Überlieferungen von Rechtstexten kennen durchweg den Sklaven, Bürger, Weisungsempfänger. Die heutige Welt besteht aus tiefmittelalterlichen Glaubensgemeinschaften, die allerdings von den wenigsten als solche erkannt werden.

    Man glaubt an die Nachrichten, an die Inhalte der Zeitung, an den Inhalt der Schulbücher. Man glaubt an die Medizin und vertraut dem Therapeuten. Man glaubt dem Politiker und gibt seine Stimme an der Urne ab. Man glaubt an den Juristen und Richter, daß Recht gegeben werden möge. Man glaubt an die Obrigkeit und Rechtfertigung eines Staates.

    Die entscheidende Frage ist, woraus dieses kritiklose Folgen in einer angeblich so aufgeklärten Zeit entsteht? Die Antwort liegt in der Kindheit des Menschen, genauer in den ersten sechs bis zehn Lebensjahren. Schon die Jesuiten erkannten vor langer Zeit: Gib mir ein Kind die ersten sechs Lebensjahre und es gehört ein Leben lang der Kirche. Diesem Leitsatz sind sie konsequent gefolgt. Über Jahrhunderte bestimmten sie bis zum heutigen Tage das Bildungssystem in Europa, dem seit Menschengedenken aktiven Zentrum der Welt. [Anm. No_NWO: Anne Querrien beschreibt die Geschichte der Grundschule hingegen als nicht von den Jesuiten geprägt!)

    Gebildet zu sein, klingt wertvoll und wichtig. Doch es sind die Inhalte, die über den Wert entscheiden. Wertvoll wäre die Fähigkeit denken zu können, Zusammenhänge zu erkennen, das Leben zu verstehen, die innere und äußere Natur zu verstehen. Das findet wie anfänglich gesagt in der Bildung nicht statt. Das ist gewollt, denn das Bildungssystem verfolgt einen völlig anderen Zweck. Wenige Überlegungen genügen, das zu bestätigen.
    1. Gesetze schaffen Mächtige, denn nur diese können sie durchsetzen.
    2. Der Mächtige muß sich von der Natur entfremdet haben, sonst wäre er zufrieden Bauer geblieben und hätte von und mit der Natur gelebt.
    3. Der Mächtige muß also ein Kopfmensch sein, der Natur nicht mehr versteht, in Einsamkeit, Angst, Unverständnis und damit unersättlicher Kontrollsucht versinkt. Der Kopfmensch strebt folgerichtig den Staat an, um Macht anzuhäufen, damit Kontrolle und Sicherheit für SICH sicherzustellen.
    4. Und was hat die Mächtigen mächtig gemacht?
    a. Gewalt mit Schutzgeld,
    b. Glaube mit Seelenheil und Himmelszutritt und
    c. Handel. mit Verträgen zum Transport und Verkauf von Dingen, die man für das Leben nicht braucht.

    Die Umsetzung = die Erzeugung des Weisungsempfängers
    Ziel 1 – Folgsamkeit in der Gruppe Gleichaltriger (Entwicklung von Parallelwelten, sogar mit eigener Sprache, Aufspaltung der Familie), Glauben an die Obrigkeit, kritikloses „vertrauensvolles“ Schlucken des vermittelten Wissens. Um den Lerninhalt ging es im Wesentlichen nie!
    Ziel 2 – Die Versiegelung der Sinne.
    Ziel 3 – Das Gewaltmonopol – Die Unterdrückung der natürlichen Aggressivität

  2. Martin Bartonitz
    Januar 19, 2021 um 12:52 pm

    7 Lektionen von John Taylor Gatto
    1. „Die erste Lektion, die ich unterrichte, ist Verwirrung“ (S. 18).
    So werde alles, was an Schulen gelehrt wird, aus dem Zusammenhang gerissen, sei der Stundenplan ein „Flickenteppich“, würde den Schülern nur ein „Werkzeugkasten oberflächlicher Begriffe“ mitgegeben. Die Kinder müssten die Lerninhalte so akzeptieren, wie sie vermittelt werden, und dann so wiedergeben. Kritisches Denken werde unterbunden, denn dann könnten ja auch z.B. die Dogmen des Lehrers hinterfragt werden.
    2. „Das zweite Fach, das ich unterrichte, ist die unentrinnbare Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht.
    … Meine Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass es den Kindern gefällt, mit Kindern gleichen Niveaus zusammengesperrt zu werden oder dass sie es zumindest widerspruchslos erdulden. Wenn ich meine Sache gut mache, können sich die Kinder nicht einmal vorstellen, anderswo zu sein, denn ich habe ihnen beigebracht, die höheren Lernniveaus zu beneiden und ihnen mit Ehrfurcht zu begegnen, auf die darunter liegenden Niveaus dagegen mit Verachtung herabzublicken“ (S. 20). So lerne jedes Kind, dass es – auch später als Erwachsener – „den ihm angemessenen Platz in der Pyramide hat“ (S. 21).
    3. „Das dritte Fach, das ich unterrichte, ist Gleichgültigkeit“ (S. 21).
    Selbst wenn Lehrer einen interessanten Unterricht machen oder von den Kindern verlangen, zumindest Begeisterung zu heucheln, sei mit der Pausenglocke alles schlagartig vorbei: Die Schüler „müssen sich wie ein Lichtschalter an- und ausschalten lassen. Nichts Wichtiges wird in meiner oder irgendeiner anderen mir bekannten Unterrichtsstunde jemals zu Ende geführt. … Die eigentliche Lektion der Pausenglocke ist, dass es keine Arbeit gibt, die es wert ist, zu Ende geführt zu werden. Warum also sollte man sich für irgendetwas engagieren?“ (S. 21).
    4. „Das vierte Fach, das ich unterrichte, ist emotionale Abhängigkeit.
    Mit Fleißbienchen und Smileys, mit Lächeln und Stirnrunzeln, Auszeichnungen, Ehrungen und Strafen bringe ich den Kindern bei, ihren Willen der vorherbestimmten Befehlskette zu unterwerfen“ (S. 22). Die Schüler hätten keine Rechte, ihre Individualität würde zugunsten der Anpassung unterdrückt, ein Widerstand werde bestraft.
    5. „Das fünfte Fach, das ich unterrichte, ist intellektuelle Abhängigkeit. Gute Schüler warten darauf, dass ein Lehrer ihnen sagt, was sie tun sollen“ (S. 22).
    Die Lehrer hätten die Macht zu kontrollieren, was Kinder denken. Und wer so denke wie erwartet, sei ein guter Schüler und würde entsprechend benotet. Dies sei die wichtigste Lektion von allen: Wir müssten die Abhängigkeit von anderen Menschen akzeptieren, denn darauf basierten Hierarchien, Wirtschaft, Sozialwesen, Rechtssystem usw.
    6. „Das sechste Fach, das ich unterrichte, ist labiles Selbstbewusstsein.
    … Unsere Welt würde so, wie sie ist, eine Flut selbstbewusster junger Leute nicht sehr lange überleben, daher unterrichte ich, dass die Selbstachtung eines Kindes von der Meinung eines Experten abhängen sollte. Meine Kinder werden beständig ausgewertet und beurteilt“ (S. 24). Menschen dürften sich nicht selbst einschätzen, sondern müssten lernen, das Urteil „objektiver“ Dritter zu akzeptieren.
    7. „Die siebte Lektion lautet, dass man sich nicht verstecken kann. Ich lehre die Schüler, dass sie immer unter Beobachtung stehen und immer überwacht werden“ (S. 25).
    Auch der Austausch mit den Eltern diene der Kontrolle. Mit Hilfe der Hausaufgaben werde die Schule in die Familie hinein ausgedehnt, „wo die Schüler sonst ihre freie Zeit nutzen könnten, um etwas zu lernen, was nicht autorisiert ist, zum Beispiel von den Eltern, durch eigenes Erkunden oder durch Kontakt mit einer kompetenten Person in der Nachbarschaft“ (S. 25 f.). Privatheit bzw. Privatsphäre müssten den Menschen vorenthalten werden, um die Gesellschaft zentral kontrollieren zu können.

    • No_NWO
      Januar 19, 2021 um 1:42 pm

      Kann man es noch schöner sagen? Nein! Aber kürzer: Den Kindern erzählen, sie würden „für das Leben“ lernen. Und sie dann eingesperrt und von allem wirklichen Leben fernhalten!

      Frage nun, ob überhaupt größere kognitive Dissonanz und Hypokrisie vorstellbar seien? Oder anders formuliert, kennen wir nun das Geheimnis hinter der

      BORDERLINE-REPUBLIK DEUTSCHLAND

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