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Das Pandemie-Gespenst – Eine zeitgeistige Analogie


Hexenverbrennung 1587
dargestellt in der Wickiana

Wie noch auf jede Notzeit notwendig auch eine Zeit der Not folgen muss, nach dem Schwunggesetzen des ehernen Pendels in der Faust des Geistes der Geschichte, so war auch nach den Verheerungen während jenes Krieges, welchen die Späteren auf dreißig Jahre beschränkt erachteten, und der doch für seine Zeitgenossen wie lebenslänglich erfahren wurde, mit dem diplomatischen Friedensschluss noch lange nicht der Frieden ins Land gekommen.

Und was an Rohheit nicht von fremden Landsknechten auf die Dörfer gebracht worden war, hat der Mensch noch je im Eigenbau zur Selbstversorgung hervorgebracht.

Wohl kein Marktflecken, in dem nicht ein schauerlicher Richtplatz vom Wahn des Misstrauens des Menschen gegen sich selbst Zeugnis ablegen könnte. Nicht Weib noch Kind, nicht Mann und Vieh, konnte sicher sein, dass der Brandpfahl, dem heute ein Opfer zugeführt wird, nicht morgen schon ihm selbst bestimmt werden konnte.

Aus den Chroniken jener Zeit ragt allein ein Dorf heraus, das von einem bestimmten Jahre an keinerlei der Hexerei Verdächtigte mehr zu verzeichnen hatte. Hätte man die Einheimischen darum befragt, sie hätten wohl bestätigt, dass sie zur Vernunft nur über den Gipfel des Wahnes zu schreiten im Stande gewesen waren. Und das begab sich damals so:

Ein stattlicher Bursche, und künftiger Erbe eines ansehnlichen Anwesens, hatte sich einmal ein Mädchen ausersehen, zur zukünftigen Gattin, und der Segen der Dorfgemeinschaft wäre beider gewiss gewesen, da die Überzeugung allgemein gewesen war, sie wären wohl ein sauberes Paar geworden.

Allein das Mädchen empfand eine ängstliche Scheu davor, ihr trautes Heim schon so bald verlassen zu müssen, und verzögerte die endgültige Zusage von Monat zu Monat. Da in der Familie allgemein kein Zwang aufeinander üblich gewesen war, lebten alle in der hellen Zuversicht, dass, wenn eine Sache etwa dringlich daran gewesen wäre, sie sich schon von alleine unverrückbar wie ein Felsbrocken in den Weg legen mochte.

Des Freiers Geduld indes stand aber schon auf einem wippenden Fuß, und zuletzt wandelte sich zärtliche Zuneigung in mürrische Ruppigkeit, und schließlich verkehrte sich Liebe in Hass.

„ An der Braut muss ohnehin etwas faul sein, sie hat vielleicht schon einen anderen Buhlen, wenn nicht gar…!“, so ging es hin und her durch den Ort.

Dass es nun schon bald hieß, man hätte sie nächtens bei Vollmond auf einer Waldlichtung tanzen gesehen, lieferte den endgültigen Beweis zur allgemeinen Überzeugung, dass das Mädchen gewslich etwa eine Hexe sein müsse. Vor das Tribunal der Ältesten zitiert, vermochte ihr Widerspruch vor Allem den Vorsitzenden, welcher immerhin der Vater des Verlobten gewesen war, nicht zu überzeugen.

Vielleicht war ihr Widerspruch zu heftig ausgefallen, so dass dies gerade eben als notwendige Bestätigung der Treffsicherheit des Verdachtes gegolten haben mochte.

Vielleicht aber war ihre Entgegnung zu zaghaft ausgefallen, so dass es quasi als ein Eingeständnis gelten konnte. So oder so herrschte die Überzeugung sämtlicher Geschworenen, nach einem, vom Vorsitzenden ausgerichteten üppigen Mahle zur Beratung, man wäre, Alles in Allem abgewogen, gewisslich auf der richtigen Spur. Zumal die notwendige Erörterung der Umstände, und welcher Natur die Bekleidung der Malefikantin, beziehungsweise deren Ermangelung, beim nächtlichen Tanze gewesen sein könnte, gewichtig gegen diese ausgefallen war.

Es kam, wie es sich in jener Zeit schon oft zugetragen hatte, nämlich dass das Urteil immer die Bestätigung des Vorurteils zu liefern hatte, wollte man sich nicht nachträglich noch ins Unrecht setzen und die Spesen des Verfahrens als für Nichts vertan hinnehmen.

Um die Sache ganz und gar abzuschließen, wurde nicht nur das Mädchen einstimmig verurteilt, sondern auch die Mutter, die sie die Hexenkünste wohl gelehrt haben musste, und der Vater, dem sie in kindlicher Liebe zugetan, und die Brüder, die dem Freier schon eins ums andere Mal mit Prügel bedroht hatten. Weitere Ermittlungen wurden gegen den Knecht des Hofes erhoben, weil man bei ihm ein Büchlein mit lateinischen Versen gefunden hatte, was ihn als einstmalig abgebrochenen Studiosus verdächtig ausgewiesen hat. Desweiteren die Magd, weil sie sich für keine Mannersleut nie hat je sich interessiert gezeiget.

Es folgt die lange Liste des weiteren Kreises der Verdächtigen:

Der Bader des Dorfes, dem man bei dieser Gelegenheit gleich mit abfertigte, weil er wiederholt hat zu behaupten, dass das Kranksein weniger von der wesentlichen Sündhaftigkeit des Menschen, als vielmehr von der Drangsal eines schlechten Daseins herrühren müsse. Seine alchymische Experimentier-Stube ward verwüstet, und fragwürdige Gerätschaften von Kupfer und Glas in den Schutt und Staub getreten.Der Köhler ward mit schwarzem Gesicht aus seinem Meiler im Wald gezogen, wie aus der Hölle selbst.
Der Schmied, der an der Essenglut die Funken stieben lässt, als hätt’ er‘s in des Teufels Küche gelernt.
Der Dorfschulmeister, weil er zu viel weiß, und der Dorftrottel, weil er vorgibt, nichts zu wissen.
Die Schönen am Ort gleich mit, weil sie der Verführung ein Gesicht geben, und die Hässlichen, weil sie ihr Seelenheil drum gäben.
Verdächtig sind die Reichen, weil sie jederzeit die Gelegenheit zu sündigen angeht; aber verdächtig auch die Armen, weil sie der Verderber beim Neide packen kann.
Wer Verstand hat, hat ihn vom Teufel, und wer keinen hat, kann gerade deshalb sein williges Werkzeug sein.
Verdächtig sowieso, wer die Nas’ viel stecket in ein Buch!
Was die Meisten von der Schrift nicht versteh’n, hat leicht von Zauberformeln den Geruch.
Die Henne, wenn sie zu wenig Eier legt, und der Hahn schon bei seinem ersten.
Der Esel, weil er gescheit, aber störrisch; das Schwein, weil es mit dem Menschen viel gemein…

Jede Rechnung konnte endlich beglichen werden:
„Du hast damals im Krieg nicht so gelitten wie ich, weil du’s mit dem Feind gehalten hast!“, ..und Du hast beim Kuhhandel betrogen, oder beim Kartenspiel , Dein Gaul lahmt, Deine Kuh glotzt mit dem bösen Blick..; Dein Weizen steht höher als meiner, das geht nicht mit rechten Dingen zu…“

Verdächtig ist der Fleißige, denn welch finsterer Ehrgeiz treibt ihn an;
der Knecht, der schafft für zwei,
steht dem nicht ein daimon bei?
Und erst der Faule, was hemmet seine Kraft,
ist es etwa ein Dämon, der zehrt von seinem Saft?
Wer stets beim Kirchamt vorne steht,
laut und eifrig beim Gebet,
tut er’s‚ nur vor der Gemeinde kund?
– und treibt’s hinterdrein dann doppelt bunt?
Und Der erst, der beim Kirch-Gang fehlet,
dessen Seelenheil gewiss der Teufel stehlet.
Von dem, der für sich selbst gern bleibet,
weiß man, was er allein so treibet
und, was er im Geheimen hecket?
Aber erst der lustige Gesell,
was der mit Allermanns Gefall bezwecket.

Dem Geigen-Hansel war ganz bang zumute, weil die Leute sein schlechtes Spiel schon immer als eine unterirdische Quälerei verflucht hätten; sie nun aber bei seinem trefflichen Spiel noch dazu sich fragten, woher wohl der Zauber käme, der alle Leute zum Tanzen nötige.
Verdächtig waren nun Alle, der Pilger mit dem löchrigen Rock auf der staubigen Straße, ebenso wie der Vornehme mit besticktem Wams, der ihn im Zweispänner überholte.
Die Kreise zogen sich nun schon bis zum Magistrat der Kreisstadt, der den Fall zur Chefsache machen wollte. Zur Sicherheit zog man den Nuntius des Bistums zu Rate, weil sich das weltliche Gericht nur für die Betrugsvorwürfe im Handel und Glücksspiel zuständig fand. Der Nuntius versprach baldige Unterstützung, wenn nur erst von Rom die Erlaubnis für ein Tätigwerden der Inquisition eingeholt worden sei.
Inzwischen weitete sich die Epidemie des Verdachts auf den weitläufigen Angehörigenkreis jedes Mitgliedes des Ältestenrat aus.

Nun erst sah man ein, welche Groteske sich ereignete.
Man sah von nun an davon ab, künftig jemals den Hexenverdacht überhaupt noch zu einer Verhandlung zuzulassen.

Als die Abgesandten der Nuntiatur einige Wochen später auftauchten, um die peinliche Prozedur der Inquisition einzuleiten, wurde sie von der gesamten Dorfbevölkerung mit Mist und Steinen beworfen, schimpflich wieder davongejagt.

Wie durch ein Wunder war über all die turbulenten Wochen niemand ernstlich zu Schaden gekommen, niemand in den Kerker geworfen und torquieret worden. Über einige blaue Flecken von Kniffen und Püffen, und einiges zerbrochenes Hausgerät, breitete sich bald schon das Vergessen.
Beleidigungen wurden durch herzliche Vergebung aus der Welt geschafft.
Allein die Tragik einer durch Misstrauen und Verdacht verlorenen Liebe, verzeichnet keine Chronik jener Zeit. Ihr ward nun vom Erzähler hiermit ein mahnendes Denkmal gesetzt.

*

Vom Pfaffen am Ort hat es der Schreiber kund, dass ein Trick des Teufels wohl sei, von sich glauben zu machen, es gäbe ihn nicht – aber ein anderer der des Verdachtes, er stecke in jedem Detail.

***

Franz Sternbald, in „ Ausgesetzt zur Existenz “ – warum der Mensch ein Schicksal ist
– vom Ausgang aus der unverschuldeten Absurdität – Verlag BoD-D-Norderstedt

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