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Posts Tagged ‘Franz Sternbald’

„Frei zu Denken und zu Atmen ist ein Menschenrecht, und alles Andere ist eine Lüge!“

Fische beim Fernsehen
Foto: Martin Bartonitz 2021

Bin ich denn Jeremias, daß ich in die Wüste solcher Ohren rufen muß, denen selbst Symphonien bloß eitel Geklimper wäre? Ach daß uns Beethovens ‚Egmont’-Overtüre in den Ohren reinigend brauste. Hat man mich verstanden – ich künde Euch nicht nur eine Zukunft, die Jedermann heute schon sehen kann, sondern auch die unerhörte Vergangenheit als einer üblen Nachrede.

Sie wollen in die Neue Zeit mit leichtem Gepäck (weg mit dem alten Kram), so wie man in Flip Flop über den Stromboli schlappt. Vor diesen schamanistischen Leichtläufern müssen sich ja Kant und Hegel als tumbe Korpsstudenten ausmachen, und Schopenhauer und Nietzsche als ins Grobe sublimierte Krypto-Matriarchen – was soll uns der alte Kram?
Wir täten aber gut daran, unsere Koffer für die Reise ins Morgen-Land, neben Saatgut, Wasseraufbereiter, Sturmkocher und Hartkeksen, zudem mit ‚Gutem von Gestern’ zu packen. Wenn wir nicht in einer Barbarei enden wollen, bei der noch vor den Versorgungsengpässen, die Moral einbricht, worauf der Mensch wieder des Menschen lupus sein wird, einen wohlsortierten Kanon an Kulturgut mit hinüber zu retten. Aus dem idologischen Scheiterhaufen Euerer Ignoranz ziehe ich den „Emile“ von Rousseau, die Gedichtbände von Novalis und Hölderlin, Nietzsches „Zarathustra“, Dostojewskijs „Schuld und Sühne“, den „Faust“, den „Zauberberg“, die Aphorismen von Lichtenberg und Gracians Handorakel, Canettis „Masse und Macht“, Kierkegaards „Furcht und Zittern“, das Epochenepos von Marcel Proust und die Glossen von Karl Kraus, und weit Tausend Schriften mehr, die uns den Unterschied zwischen Kultur und Zivilisation lehren.

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Ergebnis einer Multiplikation des Einzelnen mit einer überzahligen Nullität

Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe

Seines Selbstverständnisses beraubt, aus seinem traditionellen Bindungsgeflecht gerissen, steht der Entwurzelte, den an ihn herangetragenen Ansprüchen des Marktes fortan  unbeschränkt zur Verfügung. Er hat seine Lebensführung gegenüber den Ansprüchen abstrakter Behörden zu verantworten. Er delegiert seine Eigenzweckmäßigkeit an die funktionale Zweckmäßigkeit einer ‚pyramidalen’ Struktur, die ihm im Gegenzug die Rechtfertigung seines Daseins liefert. Gegenüber der virtuellen Pflicht zur behördenkonformen Lebensbilanz über seinen selbstvergessenen Dienst für abstrakte Zwecke, würde selbst der Auftritt einer realen Zeugenschar zwecklos, die belegen könnte, welchen konkreten Lebenszwecken er einst gedient habe.

Seine soziale Verantwortung besteht im Ringen um die Relevanz in den sozialen Mediennetzwerken. Die Grade seiner Selbstverantwortlichkeit spiegeln sich auf dem Display wider im Ranking, Rating, Scoring bei den ernsten Spielen, mit denen er sein Dasein zu bestreiten erpresst wird. Die uns aufgenötigte Beschäftigung und Zerstreuung in der medialen Wüste der Unterhaltungsindustrie zur Unterhaltung der Industrie, läßt keinerlei Spielraum zur bewußten Reflexion. Allzu enggerastert ist das Netzgeflecht des Gefängnisses unserer Wahrnehmung. Mit hochpotenzierender Pixeldichte verflüchtigen sich dessen Gitterstäbe auf dem Weg zur Perfektion in die Nichtwahrnehmbarkeit. Dann werden wir utopisch frei sein, wie ein in den virtuellen Abgrund geworfener Kiesel, ausgestattet mit dem illusionären Bewußtsein, er täte seinen Fall als einen Sprung aus freiem Willen.

Indessen kommt die Transformation zur marktkonformen Dienstleistungsgesellschaft in den Randsiedlungen der Metropolen zu ihrem Ziel, nämlich zur Sammlung eines Pools an Human-Ressourcen für den flexiblen Einsatz; wahlweise als billige Diener der Leistungsträger, oder als kritisch verdichtete Masse mit Drohpotential, zur Rechtfertigung umfassender Überwachung und Kontrolle.

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Un-Eigentlich Arbeiten und Ent-Fremdung

Ich möchte Franz Sternbald die Gelegenheit geben, ein paar Worte zu seinem Buch hier ins Regal zu stellen:

Ausgesetzt zur Existenz

Begegnen sich zwei Menschen zum ersten Male, lautet die erste Frage nicht etwa, „wer sind Sie?“, sondern „was (oder gar ‚in was’) machen Sie so?“. „Was machen die Geschäfte?“, meint die Frage „Wie geht’s Ihnen?“

Es widerspricht aber der Würde des Menschen, ausgerechnet die betriebsame Ameise als erstrebenswerte Existenzform zum Vorbild gesetzt zu bekommen. Dennoch zieht die abendländische Sozial-Ethik diesen Vergleich allzu leichtfertig heran („sieh die Ameise, in ihrem Fleiße…“). Mit einiger Verachtung für diesen Vergleich hat sich einmal Lew Tolstoj geäußert. Er soll an dieser Stelle einmal mit seinen Worten zitiert werden:

Man sagt, dass die Arbeit den Menschen gut macht, ich habe aber immer das Entgegengesetzte beobachtet. Die Arbeit und der Stolz auf sie, macht nicht nur die Ameise, sondern auch den Menschen grausam. Es konnte in der Fabel ja nur die Ameise, ein Wesen, das des Verstandes und des Strebens nach dem Guten entbehrt, die Arbeit für eine Tugend halten, und sich damit brüsten. Die Arbeit ist nicht nur keine Tugend, sondern in unserer falsch organisierten Gesellschaft zumeist ein Mittel, das sittliche Empfinden zu ertöten ….
alle haben keine Zeit, keine Zeit, zur Besinnung zu kommen, in sich zu gehen, über sich und die Welt nachzudenken, und sich zu fragen:
Was tue ich? Wozu?

Lew Tolstoj

Wer einen Teil seiner Lebenszeit der Erziehung von Kindern im Sinne Rousseaus „Emile“ widmete, für seine Handreichungen keinen anderen Lohn als Anerkennung verlangte, wer weder gekauft, noch verkauft hat, sondern allein getauscht und geschenkt, somit keine amtlich anerkannte Erwerbsbiographie nachweisen kann, gilt als tätig ‚faul‘.
Denn Arbeit gilt als disziplinierende Strafe, oder, wie schon in der griechischen Antike der unwürdige Teil der ‚Banausoi‘?! Der alttestamentarischen Überlieferung gemäß ist sie gar ein Fluch! Erst mit den Jüngern des Zimmermannsohnes Jesus gelangen die Werktätigen zu ihrer eigentlichen Würde – nachdem sie durch Jesus ihrem Werk zunächst entfremdet worden waren.

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