Archiv

Posts Tagged ‘mutueller Unterricht’

Serie zur Schule als Fabrik – Die landesweite Normalisation

Dezember 31, 2020 8 Kommentare

Der folgende Text setzt die vier ersten Artikel zur Schrift „l’ensaignement – 1. l’école primaire (1. Grundschule)“ der Französin Anne Querrien fort, in der sie beschreibt, wie in ihr die Sicht auf die Schule als Maschinerie zur Formierung gehorsamer Arbeiter reifte (siehe), und wie die Sicht der gesellschaftlichen Führungsschicht auf den ärmsten, den bildungsfernsten Teil der Bevölkerung im 19. Jahrhundert ausfiel (siehe)und wie Aufstellung des Heers der Arbeit als Zufuhr gehorsamer Arbeiter durchgeführt wurde (siehe).  Der dritte Teil betrachtete mehrere Strategien der Lehre in Bezug auf ihre Effektivität. Dabei lernten wir die Vorteile des mutuellen Unterrichts kennenDer vierte Teil stellt dar, aus welchen Gründen am Ende der mutuelle Unterricht scheiterte und der Simultane den Vorzug bekam. Der fünfte Teil geht der Frage nach, warum die mutuelle Schule sich nicht gegen die Brüder durchsetzen konnte. Der nun folgende Teil zeigt auf, wie Schule in Frankreich überall angeglichen wurde. In der zweiten Hälfte spricht Anne über ihre emotionale Lage während der Erarbeitung der Studie mit einer Bewertung, die die Administration zu Innovationen steht. Diesen Teil empfinde ich als den deutlich spannenderen.

Die landesweite Normalisation

Anne Querrien, Autorin des hier vorliegenden ins Deutsche übersetzten Textes

Die landesweite Normalisation «Das Bildungsministerium ist wahrhaft zu einer Fabrik geworden, in der Schulen produziert werden.» Es schafft «durchschnittlich drei Schulen oder Klassen am Tag. Wir machen Schulen in der gleichen Geschwindigkeit, in der ein Bäcker Brote backt» (Jules Ferry, Rede am 2. Juli 1882 vor der association philotechnique, der philotechnischen Vereinigung; zitiert nach: Maurice Gontard, L’œuvre scolaire de la Troisième République, Das schulische Vollbringen der Dritten Republik, Verlag: éditions du CRDP de Toulouse).

Brötchenschule und Bäckereiministerium. Nach zwei Jahrhunderten ist die von Jean Baptiste de la Salle ehemals den Kleinschulen gegebene Anempfehlung endlich umgesetzt: «Die Schule sollte auf eine Weise beschaffen sein, dass die Bücher, Maître, Lektionen und Korrekturen alle gleich und allen gleich dienlich seien» Doch hätte Jean Baptiste de la Salle ganz sicher nicht geahnt, dass die Technologie des Verwaltens eines Tages fähig sein würde, diese Schule eine staatliche Einrichtung werden zu lassen, die sich aus eben so vielen lokalen Zellen zusammensetzen würde, wie es Kommunen gibt; und dass die audiovisuelle Technologie jene Basiszelle eines Tages weit genug miniaturisieren könnte, um sie mitten hinein in die Familien zu bringen. Woraus ist jene Verwaltungstechnologie gemacht?

Weiterlesen …
Kategorien:Bildung Schlagwörter: , ,

Serie zur Schule als Fabrik – Weswegen haben die Brüder gewonnen?

Dezember 27, 2020 10 Kommentare


Die Dressierbarkeit der Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel. Das Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert.

Friedrich Nietzsche

Der folgende Text setzt die vier ersten Artikel zur Schrift „l’ensaignement – 1. l’école primaire (1. Grundschule)“ der Französin Anne Querrien fort, in der sie beschreibt, wie in ihr die Sicht auf die Schule als Maschinerie zur Formierung gehorsamer Arbeiter reifte (siehe), und wie die Sicht der gesellschaftlichen Führungsschicht auf den ärmsten, den bildungsfernsten Teil der Bevölkerung im 19. Jahrhundert ausfiel (siehe)und wie Aufstellung des Heers der Arbeit als Zufuhr gehorsamer Arbeiter durchgeführt wurde (siehe).  Der dritte Teil betrachtete mehrere Strategien der Lehre in Bezug auf ihre Effektivität. Dabei lernten wir die Vorteile des mutuellen Unterrichts kennen. Der vierte Teil stellt dar, aus welchen Gründen am Ende der mutuelle Unterricht scheiterte und der Simultane den Vorzug bekam.

Weswegen haben die Brüder gewonnen?

Anne Querrien, Autorin des hier vorliegenden ins Deutsche übersetzten Textes

Eine erste Antwort findet sich bereits in dem Porträt einer Klassenschule, welche die Kinder im Kollektiv zusammenführt, um sie das Lesen, Schreiben und Rechnen als etwas erobern zu lassen, das zum Repertoire der durch körperliche Gewöhnung erworbenen Fähigkeiten des guten händischen Arbeiters zu gehören hat. Ein Echo dieser Antwort findet sich in der Arbeit einer anderen Gruppe des CERFI zum Thema der crèche, der Kinderkrippe. Die Kinderkrippen sind zeitgleich mit den mutuellen Schulen aufgekommen und hatten weitgehend die selben Initiatoren. Wie die mutuelle Schule, wurden auch die Krippen abgewürgt, allerdings nicht so restlos erfolgreich; im Jahr 1975 gab es lediglich noch 32.000 Krippenplätze. Dem Ausbau der Krippe – Ort des Kollektivkorps der Kinder – ist der Ausbau der école maternelle bzw. der Vorschule – Ort der Lehrerin-Kind-Beziehung – vorgezogen worden (siehe: Garde d’enfants et famille conjugale, Kinderverwahrung und eheliche Familie, CERFI, 1975).

Zuträgliches und Unzuträgliches der Methode der Brüder

Als die Brüder am Ende der Julimonarchie ihren Sieg feiern, sind die Charakteristiken der mutuellen und der simultanen Methode weitgehend aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und, schlimmer, auch aus dem der Lehrkräfte verschwunden. Davon zeugt LouisArsène Meunier, treibende Kraft von L’écho des instituteurs, Das Echo des Lehrers, einem der ersten engagierten und von Januar 1845 bis Juni 1850 erschienenen Journale der Lehrerschaft. «Diese allgemeine Arbeitsweise, die das eine Mal mutuell und das andere Mal simultan genannt wird…» (S. 42 von Lutte du principe clérical et du principe laïc, Kampf zwischen dem klerikalen und dem laizistischen Prinzip, im Jahre 1861 in Paris erschienene Wiederauflage seiner Beiträge)

Weiterlesen …
Kategorien:Bildung Schlagwörter: ,

Zusammenführung der Kinder im Kollektiv

Dezember 15, 2020 13 Kommentare

Der folgende Text setzt die drei ersten Artikel zur Schrift „l’ensaignement – 1. l’école primaire (1. Grundschule)“ der Französin Anne Querrien fort, in der sie beschreibt, wie in ihr die Sicht auf die Schule als Maschinerie zur Formierung gehorsamer Arbeiter reifte (siehe), und wie die Sicht der gesellschaftlichen Führungsschicht auf den ärmsten, den bildungsfernsten Teil der Bevölkerung im 19. Jahrhundert ausfiel (siehe), und wie Aufstellung des Heers der Arbeit als Zufuhr gehorsamer Arbeiter durchgeführt wurde (siehe).  Der folgende Teil betrachtet mehrere Strategien der Lehre in Bezug auf ihre Effektivität. Dabei lernen wir die Vorteile des mutuellen Unterrichts kennen:

Anne Querrien, Autorin des hier vorliegenden ins Deutsche übersetzten Textes

Um den Unterricht auf alle Kinder ausdehnen zu können, bedurfte es einer Methode, die es mit nur einer einzigen Lehrkraft ermöglicht, eine vergleichsweise große Zahl von Kindern erfolgreich zu unterrichten. Die traditionellen Erziehungsmethoden basierten auf der individuellen Beziehung von Lehrer und Schüler; und insofern, als diese Methoden die liebevolle Unterwerfung des Schülers unter den Lehrer vorsahen, was im antiken Griechenland sogar homosexuelle Form annahm, stand ein Unterricht lediglich jener Minderheit offen, deren Hauptbeweggrund für das Lernen war, dem Lehrer so nahe wie möglich zu sein. Sobald aber beschlossen ist, die Armen zu unterrichten, steht diese Homosozialität zwangsläufig nicht mehr zur Wahl – es muss die gesellschaftliche Distanz aufrechterhalten werden, damit der Unterricht nicht auf den gefährlichen Abweg führt, die gesellschaftliche Ordnung in Frage zu stellen. Der Lehrer von Kindern der Armen muss seine Handvoll Schülerlein nicht etwa liebhaben, sondern eine kleine Truppe dirigieren, die gezwungen ist, ständig nachzurekrutieren, da der Unterricht zur Aufnahme einer Arbeit führen soll und mit diesem Schlussakt beendet ist.

Eine militärische Disziplin

Wie einen Trupp von Schülern unterrichten, wie ihn führen? Das militärische Modell ist zunächst das einzig verfügbare. In seinem L’école paroissiale ou la manière de bien instruire les enfants dans les petites écoles, (Die Pfarrgemeindeschule oder über die Art und Weise, die Kinder in den Kleinschulen gut zu unterrichten, 1654), beschreibt Démia, Gründer der Schulen der Wohltätigkeit der Stadt Lyon, sehr detailliert, auf welche Weise der Lehrer Gerechtigkeit (Hauptaufgabe des Regierens in seiner Epoche) zu üben hat und wie die schulischen Räumlichkeiten beschaffen sein sollen, in denen einem jeden sein Platz zuzuweisen ist; die Armen werden wegen ihres Drecks und ihrer Parasiten abgesondert und bleiben unter Ihres-gleichen. [54] Es ist bemerkenswert, dass die ersten Fachbegriffe zur näheren Bezeichnung von Unterrichtsräumen denen gleichen, die bis heute hin für Gerichtssäle gebräuchlich sind: «Das Parkett mit den kleinen, wohlangeordneten Schülerbänken» (siehe: Ph. Aries, L’Enfant et la Vie familiale sous l’Ancien Régime, Kind und Familienleben unter dem Ancien régime). Die Schülerschaft ist mittels allgemeiner Aufgabenverteilung organisiert; die bereits disziplinierteren unter den Kindern sind beauftragt, über die Disziplin der anderen zu wachen. Aufstellungsappelle und abteilungsweises Marschieren sollen zur Disziplinierung beitragen, dies insbesondere anlässlich der Teilnahme an kirchlichen Prozessionen.

Weiterlesen …
Kategorien:Bildung Schlagwörter: , ,
%d Bloggern gefällt das: