Archiv

Posts Tagged ‘Zukunft’

„Der demokratische Wettstreit ist eine Ergotherapie für alle Konkurrenten der Herrscher“

September 23, 2016 11 Kommentare
Bundestagsdebatte (Foto: Wikipedia)

Bundestagsdebatte (Foto: Wikipedia)

Politiker wollen etwas von der übrigen Bevölkerung. Sie drängen nicht nach oben, um Diener des Volkes zu sein, sondern um das Volk für ihre Interessen zu nutzen. Das ist normale Biologie.

Gerade ging ein Kommentar von Fricke zum Artikel Demokratie – in der Masse abgewählt ein, den ich gerne noch einmal als eigenen Artikel einstellen will, lohnt es sich doch, auch hierüber zu reflektieren:

Gegenwärtige Demokratie („Polyarchie“) ist eine Herrschaftsform, und deshalb muss man sie zunächst von oben nach unten betrachten, um sie zu verstehen.

Demokratie hat für Herrscher nämlich die angenehme Eigenschaft, dass Konkurrenten gut sichtbar sind. Sie schleichen sich nicht durch den Wald an den Palast heran, um ihn zu erobern, sondern sie stehen weithin sichtbar auf freiem Feld. Dort treffen sie nicht auf die aggressiven Truppen des Königs, sondern auf einen freundlich werbenden Kämpfermarkt: „Mach doch bei uns mit, wir wollen auch da rein in den Palast“ werben sie scheinbar offenherzig um jeden Machtwilligen, den sie im Erfolgsfalle umsorgen und beschäftigen, damit er zwar den Eindruck hat, sich permanent auf den Palast zuzubewegen, den er aber tatsächlich nie erreichen soll, denn die neuen Freunde sind natürlich Vasallen des Königs oder schlicht Konkurrenten. Der demokratische Wettstreit ist eine Ergotherapie für alle Konkurrenten der Herrscher. Sie dürfen sich um die Macht bewerben und frühzeitig das Gefühl bekommen, ihr schon nahe zu sein, sie werden beschäftigt mit unzähligen Foren für Selbstdarstellung, mit der Proklamation von Forderungen und Programmen, mit der Mitwirkung in Gremien. Um ihr menschlich-genuines Aggressionspotential zu bändigen, werden die Konkurrenten der Macht von den Mächtigen sogar gefüttert – schon im kleinsten Ortsbeirat gibt es Aufwandsentschädigungen für die schwere Tätigkeit des Sitzens, und man macht nicht einmal einen Unterschied zwischen den eigenen Unterstützertruppen und den angeblich doch bedrohlichen Konkurrenten.

Aus Sicht des Ethologen ist Demokratie ein sehr gutes Sozialmodell: es reduziert ressourcenverschwendenden Mord und Totschlag und schont die Kräfte der Anführer, weil sie Konkurrenten für ihre eigenen Zwecke einspannen, anstatt mit ihnen zu streiten. Regierungsfraktion und Opposition mögen sich zwar in der Bundestagsarena fürs Publikum unversöhnlich und kämpferisch zeigen, sie wissen aber doch um ihren einzigen (potentiellen) gemeinsamen Gegner: das Volk.

Denn wie man es auch dreht und wendet: Politiker wollen etwas von der übrigen Bevölkerung. Sie drängen nicht nach oben, um Diener des Volkes zu sein, sondern um das Volk für ihre Interessen zu nutzen. Das ist normale Biologie. Weiterlesen …

Kategorien:Gesellschaft Schlagwörter: , , ,

Zeitkonzepte: Schaust du nach vorne oder hinten?

fünf vor zwölf

Nichts ist so sehr für die gute alte Zeit verantwortlich
wie das schlechte Gedächtnis.
Anatole France

Unsere Mit-Autorin Marietta hatte mich letzte Woche auf einen Artikel aufmerksam gemacht, der es mal wieder in sich hat. Ich bin ja immer wieder mal rückwärts gewandt, wie man in unserer Kultur zu Jemandem sagt, der sich mit unserer Geschichte beschäftigt. Wer aber unsere Sprachen genauer ansieht, kann bemerken, dass es genau umgekehrt ist. Besonders ein Blick, den uns mal wieder Hannelore Vonier auf die Zeitkonzepte unserer Indigenen Völker werfen lässt, öffnet Geist und Augen, aber lest selbst:

Zeitkonzepte: Schaust du nach vorne oder hinten? – von Hannelore Vonier (Quelle)

Der Blick in die Vergangenheit

Der Blick in die Vergangenheit

 

Wenn wir die Zukunft in Beziehung zu unserem Körper setzen, ist klar: Sie liegt vor uns. Im Gegensatz zur Vergangenheit, die wir tendenziell hinter uns lokalisieren. Für das Andenvolk der Aymara liegen die Dinge genau umgekehrt: Sie blicken buchstäblich in die Vergangenheit und kehren der Zukunft den Rücken zu.

Dieses Zeitkonzept spiegelt sich sowohl in der Sprachstruktur als auch in der Gestik dieses indigenen Volkes.

Kulturelles Paradigma

Es ist die Kultur, die bestimmt, auf welche Weise Zeitlichkeit in die konkrete Lebenswelt integriert wird. Und da gibt es einige Varianten.

Die Mexikaner, beispielsweise, kennen zweierlei Arten von Zeit. Ihre alte traditionelle und die der Eroberer. Letztere ist die hora inglesa, bei der eine Stunde genau 60 Minuten hat. Mehr individuellen Spielraum ermöglicht hingegen die Weiterlesen …

Kategorien:Gesellschaft Schlagwörter: , , ,
%d Bloggern gefällt das: